Schlafstörungen bei Depressionen

Menschen mit Depressionen bleiben unnatürlich wach, ihre Nachtruhe ist nicht so erholsam. Können die Ergebnisse der Schlafforschung die Behandlung erleichtern?

von Wolfram Eberhardt, 11.12.2017

Kopf verdrahtet: EEG-Messung, um eine Schlafstörung abzuklären


Die Versuchsperson trägt eine seltsame Mütze mit zig Drähten, die an ein Science-Fiction-Folterinstrument erinnert. Jetzt schließt sie die Augen und verharrt so 15 Minuten regungslos im abgedunkelten Labor des Universitätsklinikums Leipzig. Es ist mucksmäuschenstill.

Gesunde Probanden werden nun automatisch schläfrig. Über die Elektroden am Kopf werden die Hirnströme gemessen. Das Wellenmuster des Elektroenze­­­phalogramms (EEG) zeigt das stufenweise Abgleiten in den Schlaf. Man erkennt die verschiedenen Stadien des Wachseins – von hellwach, wach über dösig bis an die Pforten des Schlafs.

Gehirn im Alarmzustand

Ganz anders das Bild, wenn Versuchspersonen an Depressionen leiden. Auch nach dem Schließen der Augen bleibt ihr Gehirn scheinbar hellwach. Sie werden nicht schläfrig, sind eher erschöpft und klagen über Schlafstörungen, eines der häufigsten Krankheitszeichen einer Depression.

"Die übertrieben hohe Wachheit ist verbunden mit einer inneren Angespanntheit. Depressive Patienten fühlen sich häufig, als stünden sie dauernd vor einer Prüfung", sagt Professor Ulrich Hegerl, Direktor der Klinik für Psychiatrie der Universitätsklinik Leipzig.

Doch warum kann ihr Gehirn nicht einschlafen? Das versuchen Wissenschaftler herauszufinden. Hegerl und sein Team etwa erforschen seit zehn Jahren für die Stiftung Deutsche Depressionshilfe den Grad der Hirn-Aktivierung und Wachheit (Arousal) bei Gesunden und Kranken.

Wach wirkt die Arznei besser

Dabei haben sie festgestellt, dass Depressive eine "Störung bei der Regula­­tion des Arousals" aufweisen. Der Grad ihrer Wachheit ist besonders stabil. Und selbst wenn sie dann endlich einschlummern, schlafen sie nicht besonders tief.

Experten hoffen, dass die Messung der Hirnströme vielleicht irgendwann helfen kann, die medikamentöse Behandlung der Patienten zu verbessern. In Untersuchungen konnte Hegerls Team bereits zeigen, dass Menschen mit besonders stabilem Wachheitszustand sehr gut auf Antidepressiva ansprechen. Ein EEG könnte zudem die Abgrenzung der Depressionen von anderen Krank­heiten erleichtern. Bislang müssen sich Mediziner hier auf die subjektiven Schilderungen der Patienten verlassen.

Einschlafen und Durchschlafen gestört

Viele Depressive klagen dagegen über Schwierigkeiten beim Einschlafen, wachen in der Nacht mehrmals oder morgens sehr früh auf, liegen dann grübelnd und verzweifelt im Bett. Manchmal sind auch die Schlafstörungen zuerst da, dann kommt die Depression. Studien geben Hinweise darauf, dass ein auf Dauer gestörter Schlaf das Risiko verdoppelt, depressiv zu werden. 

Professor Axel Steiger leitet das Schlaflabor des Münchner Max-Planck- Instituts für Psychiatrie und analysiert dort die Nachtruhe von Patienten mit Depressionen. Seine Erkenntnis: Gesunde und Depressive schlafen tatsächlich nicht nur anders ein – sondern auch anders durch. 

Träumen zur falschen Zeit

Für gewöhnlich sinkt der Mensch kurz nach dem Einschlafen stufenweise in den Tiefschlaf, es folgt eine kurze sogenannte REM-Phase. Die Abkürzung REM steht für "rapid eye move­ment", denn in dieser Phase wandern die Augen bei geschlossenen Lidern hin und her, Träume können entstehen. "Bei depressiven Menschen ist die erste Tiefschlafphase verkürzt, die erste REM-Phase tritt früher auf", erläutert Experte Steiger. Zugleich ist die Zahl der schnellen Augenbewegungen höher als bei Gesunden. Ist dies der Grund für die schlechte Schlafqualität bei Depressionen? Mediziner Steiger relativiert: "Es ist schwierig zu beurteilen, ob ein Mensch darunter leidet, wenn sein REM-Schlaf zum falschen Zeitpunkt auftritt."

Trotzdem bleibt gerade diese Schlafphase für Forscher interessant. Denn in diesem Zeitraum können sie einen Parameter für die lokale Hirnaktivität (Cordance) aus dem EEG ableiten. "Er soll Hinweise geben, ob ein Anti­­depressivum beim Patienten wirkt oder nicht", sagt Steiger. Bislang müssen depressive Patienten bis zu vier Wochen ein Medikament einnehmen, um zu sehen, ob es anschlägt. Falls nicht, wird ein neues ausprobiert – die Leidenszeit verlängert sich.

Entscheidungshilfe Hirnaktivität

Zusammen mit Wissenschaftlern aus der Schweiz testet Steiger derzeit an 90 Versuchsteilnehmern, ob mithilfe der Cordance schon nach sechs Tagen entschieden werden kann, ob eine Arznei Erfolg verspricht, besser abgesetzt oder ergänzt werden sollte.

Steiger sucht daneben Hinweise für die Ursachen des schlechten Schlafs bei einer Depression. Derzeit im Fokus seiner Forschung: die Hormonwerte der Patienten. Steigers Mitarbeiter konnten bei entsprechenden Messungen feststellen, dass bei Depressiven während der ersten Schlafphase weniger Wachstumshormon freigesetzt wird. Dieses Hormon steht im Zusammenhang mit einem erholsamen Tiefschlaf – der bei depressiven Menschen kürzer ausfällt.

Zu viel Kortisol im Blut

Ebenfalls auffällig sind die Werte des Stresshormons Kortisol. Im Vergleich zu Gesunden sind diese bei Depressiven erhöht, tagsüber und auch nachts. Grundsätzlich passt Kortisol die Körperfunktionen an eine erhöhte Belastung an, treibt Puls und Blutdruck in die Höhe. Seine Produktion wird vom Gehirn durch das CRH-Hormon reguliert. "Wir haben gezeigt, dass dieses Hormon den Schlaf stört oder, positiv ausgedrückt, dafür sorgt, dass man wach wird", erläutert Steiger.

Auch Ulrich Hegerl geht davon aus, dass Stresshormone eine Mitursache sein könnten für den andauernden Wachzustand bei Depressiven. "Verschiedene Mechanismen, die im Gehirn die Wachheit fördern, sind überaktiv, und diejenigen, die den Schlaf fördern, reduziert."

Mit Schlafentzug heilen

Menschen mit Depressionen, die auf der Suche nach Schlaf besonders lange im Bett liegen bleiben, verhalten sich daher falsch. Denn ­jede Form des Ausruhens führt bei ihnen dazu, dass die den Schlaf fördernden Mechanismen im Gehirn herunter­gefah­ren werden. Die übertriebene Wachheit, das zu hohe Arousal, dagegen wird unterstützt.

Ein scheinbares Paradoxon, das bereits Einzug in die Therapie gefunden hat. Schon seit Jahrzehnten erfahren depressive Patienten durch einen geplanten Schlafentzug in der Klinik wie durch ein Wunder Heilung – allerdings nur kurzfristig. Mitten in der Nacht stehen sie auf, gehen spazieren und bemerken dann in den frühen Morgenstunden, dass sich ihre Stimmung bessert, alle Lebensgeister zurückkommen. Für Experte Hegerl keine Überraschung: "Beim Schlafentzug werden die Schlaf fördernden Mechanismen gestärkt, die Wachheit fördernden schwächer. Damit wird die Dysregulation ein Stück weit ausgeglichen."
Allerdings funktioniert das nur, bis der Betroffene wieder regulär schläft. Dann ist sein Schlafdruck weg und das Gehirn wieder unnatürlich wach. Doch allein die Tatsache, dass viele Menschen durch das Wachbleiben ganz abrupt aus einer Depression herauskommen, macht Wissenschaftlern Hoffnung. Hegerl: "Wenn man hier die Mechanismen im Gehirn verstehen würde, wäre dies ein wunderbarer Ansatz für neue Medikamente."

Ins Bett legen ist ein Fehler

Momentan handeln viele depressive Patienten jedoch entgegen all diesen noch ziemlich neuen Erkenntnissen. Sie legen sich zum Beispiel nach einer schlechten Nacht mittags aufs Ohr. Die Stimmung sackt dann erst recht in den Keller, woraufhin sie noch mehr Ruhe suchen. Ein Teufelskreis – den Hegerl mit einer App durchbrechen will.

In der GET.UP-Studie erforscht er, inwieweit eine bewusste Reduzierung der Bettzeit zur Stimmungsaufhellung führen kann. Die Idee: Wer lange im Bett lag, erkennt, dass er danach vielleicht noch erschöpfter und depressiver ist. "Patienten, die den Zusammenhang verstanden haben, können gegensteuern, indem sie ihre Bettzeit zum Beispiel von zehn auf acht Stunden reduzieren", so Mediziner Hegerl. Der Schlaf ist dann zwar kürzer, aber vielleicht endlich wieder das, was er sein sollte: erholsam.


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