Burn-out: Körpersignale beachten

Schneller, weiter, mehr: Die Arbeitswelt begünstigt den Weg in die totale Erschöpfung. Hören Sie auf Körper und Seele und erkennen Sie rechtzeitig Ihre Grenzen

von Diana Engelmann, 21.03.2017

Akku leer? Fehlendes Lob, unfähige Chefs und ständige Neuerungen tragen dazu bei


Unsere Welt ist hektisch, ja. Und schnelllebig. Ja, wir haben alle viel auf dem Zettel. Und ja: Die meisten von uns sind rund um die Uhr zu erreichen. Darüber beschweren wir uns gerne. Gleichzeitig wollen wir es aber auch so. Schließlich sind die Möglichkeiten von Internet und sozialer Kommunikation via Tablet, Smartphone oder Laptop verführerisch und nun mal Markenzeichen unserer Zeit. Wir wollen dazugehören und sind neugierig auf das, was die Zukunft zu bieten hat – schließlich stecken wir schon mittendrin im Fortschritt von morgen.

Also müssen wir einen Weg finden, mit den Anforderungen umzugehen. Das bedeutet auch zu spüren, wann wir uns zu viel zumuten. Und das am besten, bevor Körper und Geist einen "Hard-Reset" durchführen und quasi auf "Werkseinstellung" zurückfahren: Burn-out.

Innere und äußere Faktoren können Burn-out begünstigen

Ein Burn-out zwingt Menschen auf sehr radikale Art, ihr Verhalten, ihre Einstellungen und Überzeugungen zu überdenken, weil es so, wie sie bisher gelebt haben, offenbar nicht funktioniert. Körper und Geist senden aber bereits Alarmsignale, bevor es zur völligen Erschöpfung kommt. Lernt man diese richtig zu deuten, lässt sich Schlimmeres verhindern.

Aber die Gründe für Burn-out sind längst nicht nur in uns selbst zu finden. Sie liegen auch in den Strukturen der Arbeitswelt. In den Betrieben, in den technischen Neuerungen unserer Zeit. Auch fehlende Fähigkeiten von Führungskräften begünstigen Zustände extremer Erschöpfung. "Vorgesetzte loben ihre Mitarbeiter zu wenig", sagt Professor Wolfgang Maier. Er leitet die Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie am Uniklinikum in Bonn. Außerdem landet immer mehr Arbeit auf dem Tisch jedes Einzelnen.

Gesetz soll psychische Gesundheit schützen

So hat das Statistische Bundesamt 2012 ermittelt, dass die Arbeitsproduktivität je Erwerbstätigenstunde von 1991 bis 2011 um knapp 35 Prozent gestiegen ist. Wenn dann unter den Kollegen noch schlechte Stimmung herrscht, manche gar gemobbt werden, kann das schlimme Folgen haben. In Frankreich gab es im Jahr 2008 und 2009 bei einem großen Telekommunikationsunternehmen eine Suizid-Welle. 23 Mitarbeiter nahmen sich innerhalb von 18 Monaten das Leben. Mobbing sei dort an der Tagesordnung gewesen, hinzu seien weitreichende Umstrukturierungsmaßnahmen gekommen und immer mehr Arbeit pro Kopf, weiß Professor Mathias Berger, Direktor der Abteilung für Psy­chiatrie und Psychotherapie des Uniklinikums in Freiburg.

Auch aufgrund solcher Vorfälle steht mittlerweile in den Arbeitsschutzgesetzen vieler europäischer Länder, dass psychische Belastung neben physischer als Gefährdungsfaktor für die Gesundheit im Beruf gewertet wird. Das heißt: Arbeitgeber müssen dafür sorgen, dass entsprechende Gefahrenquellen möglichst gering gehalten beziehungsweise ausgeschaltet werden.  

Stress durch ständige Neuerungen

Zu Faktoren, die das seelische Wohlbefinden in der Firma gefährden können, zählen, mit dem technischen Fortschritt mithalten und ständig Neues lernen zu müssen. Das erhöht die Arbeitsintensität. "Auch führen fehlende Vorgaben für Aufgabenfelder zu Belastungen", erklärt Psychiater Maier.

Zudem müssen sich Beschäftigte häufig enorm für ihren Job einsetzen, ohne dass das entsprechend anerkannt wird, sie beispielsweise mehr Geld bekämen oder ein Lob der Kollegen. Überhaupt spielt die Unternehmenskultur eine Rolle dabei, wie wohl und aufgehoben sich Arbeitnehmer fühlen.

Vorsicht vor der Spirale nach unten

"Große Unternehmen fangen immer mehr an, sich um die seelische Gesundheit ihrer Mitarbeiter zu kümmern", sagt Maier. Sie wissen, dass Motivation ein notwendiger Produktionsfaktor ist. In kleinen Firmen sieht das oft anders aus. Auch Selbstständige in Ein-Mann-Betrieben oder Freiberufler haben es deutlich schwerer. Sie belastet zusätzlich, dass ihr Arbeitsplatz sehr unsicher ist. Schließlich kann sich die Auftragslage ständig ändern. In kleinen Betrieben sind häufig nicht die Kapazitäten vorhanden, gesundheitsfördernde Maßnahmen anzubieten.

Das Tückische an einem Burn-out ist, dass Alarmzeichen oft nicht wahrgenommen werden. Zu groß sind der Wunsch nach Anerkennung und der Leistungsdruck, dem sich viele nicht entziehen können. "Wir bekommen nur über Leistung Anerkennung. Da müssen wir uns nichts vormachen", sagt Professorin Isabella Heuser. Sie leitet die Klinik für Psychiatrie der Berliner Charité. Betroffene geraten in eine Spirale, die immer weiter nach unten führt und sich nur schwer stoppen lässt.

Mögliche Alarmzeichen

Hellhörig sollte jemand werden, "wenn er nicht mehr gut einschlafen kann, vor allem in der Nacht von Sonntag auf Montag", sagt Heuser. Wenn man nachts ständig aufwacht und sich am Morgen so fühlt, als hätte man kein Auge zugetan. Völlig zerschlagen. Ein weiteres Warnzeichen: wenn Erholungsphasen wie das Wochenende oder der Urlaub nicht mehr reichen, um sich zu entspannen und hinterher gestärkt zu fühlen.

Und wer anfängt, sich von seiner Tätigkeit immer mehr zu entfremden und eine zynische Sicht auf Kollegen, Klienten, Schüler oder Kunden zu entwickeln, sollte innehalten. Schließlich lässt die Leistung nach. "Aufgaben, die bisher eine bestimmte Zeit erfordert haben, gehen viel schwerer von der Hand und brauchen mehr Energie und Zeit", sagt Maier.

All das muss allerdings über einen längeren Zeitraum anhalten. Denn "die Lebenssituation, in der man sich nicht zeitweise überarbeitet fühlt, muss noch erfunden werden", so Berger. Ziehen Sie beim Verdacht auf Burn-out auf jeden Fall einen Arzt zurate. Zuerst sollten nämlich andere Krankheiten ausgeschlossen werden, die ebenfalls hinter Erschöpfungssymptomen stecken können. "Zum Beispiel Blutarmut, Eisenmangel, Schlafapnoe, eine beginnende Herzinsuffizienz", erklärt Berger.

Warnsignale
Ist es schon fünf vor zwölf? Laut den Psychiatern Wolfgang Maier, Mathias Berger und ­Isabella Heuser können folgende Beschwerden auf ­einen bedenklichen Grad an Belastung hindeuten:

  • Keine Erholung: Achtung, wenn selbst Urlaube das Gefühl der Erschöpfung nicht verringern – und das über einen längeren Zeitraum hinweg.
  • Keine Motivation: Genauer hinschauen sollte, wer sich nur noch in den Job quält und jede Freude an der Arbeit verloren hat.
  • Keine Energie: Lustlosigkeit, kein Appetit, ­Mattigkeit. Wenn man große Energie aufwenden muss für Dinge, die sonst leicht zu erledigen ­waren, kann das ein Zeichen einer Krise sein.
  • Schlafstörungen: Wer über eine längere Zeit Probleme mit der Nachtruhe hat, sollte prüfen, ob Dauerstress damit zusammenhängen könnte. 
  • Sozialer Rückzug: Wer sich von seiner Umwelt zunehmend abwendet, zynisch wird und keinen Sinn mehr sieht in dem, was er tut, ist gefährdet.

Spitzenkräfte dürfen zusammenbrechen

Und dann ist da noch das Stichwort Selbstfürsorge. Keiner sollte sich so sehr aufarbeiten, dass er in der völligen Erschöpfung endet. Wer ein Burn-out hat, müsse vorher für etwas gebrannt haben. Das ist häufig zu hören, und diese Vorstellung macht es Menschen vielleicht einfacher, den depressionsähnlichen Zustand zuzugeben. Wer vorher richtig viel geleistet hat, darf auch zusammenbrechen. Das entspricht der Leistungslogik. Wer aber nicht merkt, dass er kurz vor dem Zusammenbruch steht, hat nicht gut auf sich aufgepasst. "Wie auch", sagt Berger. "Wir lernen in der Schule nicht, mit Stress oder mit Prüfungsangst umzugehen und Konflikte konstruktiv zu lösen."

Kommt ein geringer Selbstwert hinzu, fällt es noch schwerer, sich vor extremer Überlastung zu schützen. Menschen, die wenig Wärme und Unterstützung von ihren Eltern erfahren haben, sind anfälliger. Zu erkennen, wann persönliche Grenzen erreicht sind, muss man lernen. So können Sie für sich sorgen:

Wie Sie Burn-out vorbeugen können