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Tauchunfall (Dekompressionskrankheit)

Zwischenfälle, die direkt mit den Eigentümlichkeiten eines Tauchganges zusammenhängen, werden als Tauchunfälle bezeichnet. Die zwei wichtigsten Gruppen sind die sogenannten Barotraumen und die Dekompressionserkrankung mit und ohne arterielle Gasembolie.

von Dr. med. Dagmar Schneck, aktualisiert am 12.02.2020

Was versteht man unter einem Tauchunfall?

Tauchgänge allgemein können in drei Phasen eingeteilt werden: In die Phase des zunehmenden Druckes (Kompressionsphase, beim Abtauchen), in die Phase des gleichbleibenden Druckes (Isopressionsphase) und in die Phase des abnehmenden Druckes (Dekompressionsphase). Die Dekompressionsphase ist also die Phase, in welcher der Taucher zurück zur Wasseroberfläche aufsteigt.

In der Kompressionsphase treten vor allem die Barotraumen auf, bekannt sind hier das Mittelohr-Barotrauma und das Barotrauma der Nasennebenhöhlen, wenn dem Taucher kein angemessener Druckausgleich gelingt.

In der Dekompressionsphase können sowohl Barotraumen als auch die Dekompressionserkrankung auftreten. Bei den gefährlichen Barotraumen steht hier die akute Lungenüberdehnung im Vordergrund, diese kann auftreten, wenn mit eingeatmeter Pressluft aufgestiegen wird und nicht zeitgleich ausgeatmet wird. Dann dehnt sich die unter Überdruck befindliche Luft in der Lunge aus und kann diese gefährlich verletzen, hierbei kann auch Atemgas direkt in Blutgefäße eindringen und eine arterielle Gasembolie auslösen.

Die meisten dekompressionsbedingten Schäden hängen mit der Freisetzung der vormals unter Überdruck nach dem Henry´schen Gesetz in Blut und Gewebe gelösten sogenannten inerten Gase zusammen, bei Presslufttauchen ist dies der Stickstoff, bei größeren Tauchtiefen zählt auch Helium dazu. Übersteigt die Aufstiegsgeschwindigkeit des Tauchers die Fähigkeit des Körpers die nun wieder freigesetzten Mengen an Inertgas, meist Stickstoff, rechtzeitig aus dem Körper zu eliminieren, dann kann es vornehmlich im venösen Blut, in seltenen Fällen auch direkt im Gewebe zur Entstehung von Gasblasen kommen, die zunächst Herz und Lunge erreichen.

Leider gibt es in bestimmten Fällen für venöse Gasblasen auch die Möglichkeit, in das arterielle System überzuwechseln, was dann ebenfalls zu einer arteriellen Gasembolie führt, sehr häufig mit neurologischen Symptomen verbunden. So lassen sich dann im Einzelfall die schweren Folgen einer Dekompressionserkrankung nicht immer leicht von einem Barotrauma der Lunge unterscheiden, weil in beiden Fällen Gasblasen im arteriellen System für Schaden sorgen.

Die Häufigkeit eines Tauchunfalls wird mit circa ein bis zwei pro 10.000 Tauchgängen bei Sporttauchern und mit circa 9,5 pro 10.000 Tauchgängen bei Berufstauchern angegeben. Somit treten Tauchunfälle eher selten auf, können aber ernste Folgen haben. Daher sollte jeder Taucher mit typischen Beschwerden der sogenannten Dekompressionskrankheit (auch Caissonkrankheit oder umgangssprachlich Taucherkrankheit genannt) und der notwendigen Erstbehandlung vertraut sein. Taucher sollten außerdem über eine passende Notfallausrüstung und sichere Kommunikationsmittel (Handy, geeignete Telefonnummern) verfügen. Tiefenkontrolle und geschwindigkeitskontrolliertes Auftauchen sind zentrale Themen in der Tauchausbildung.

Zusammenfassung - Tauchunfall

Tauchunfälle (Dekompressions-Unfälle) werden auch als Dekompressionskrankheit bezeichnet. Dabei wird aufgrund des Entstehungsmechanismus unterschieden zwischen:

  • Dekompressions-Krankheit (DCS, engl.: Decompressions sickness)

Kennzeichen ist die Bildung von Gasblasen in Blut und Gewebe nach längerem Aufenthalt im atmosphärischen Überdruck und entsprechender Aufsättigung mit Inertgas

  • Arterieller Gasembolie (AGE)

Gasblasen in der arteriellen Strombahn in der Folge eines Lungenbarotraumas (siehe unten) oder nach Übertritt von venös entstandenen Gasblasen in das arterielle Gefäßsystem durch sogenannte Shunts. Shunts sind Verbindungsstellen zwischen den venösen und arteriellen Blutgefäßen.

Eine Unterteilung beider Formen ist nicht immer möglich, da es vor allem bei schweren Tauchunfällen auch zu Mischformen kommen kann. Bei massiver Blasenbildung im venösen System ist ein Übertritt über sogenannte Shunts in der Lunge (siehe oben) ins arterielle System möglich. Ein offenes Foramen ovale, eine Öffnung an der Herzscheidewand zwischen dem rechten und dem linken Vorhof, kann den direkten Übertritt von venösem Blut in den arteriellen Blutkreislauf ermöglichen. Das Foramen ovale ist in der Embryonalphase von entscheidender Bedeutung, da beim Ungeborenen im Mutterleib die Lunge noch nicht enfaltet ist. Der Lungenkreislauf wird unter anderem über das Foramen ovale umgangen. Nach der Geburt verschließt sich normalerweise das Loch in der Vorhofscheidewand. Bei circa 30 Prozent der Bevölkerung unterbleibt dieser physiologische Verschluss aber.

Stickstoffblasen können aber auch direkt im Körpergewebe entstehen, beispielsweise im Rückenmark – und dort zu Problemen führen.

Dekompressionskrankheit (DCS): Was passiert im Körper?

Beim Tauchen mit Pressluft löst sich abhängig vom Tauchtiefe und Dauer des Tauchganges Stickstoff aus der Atemluft im Körpergewebe. Dies hängt von verschiedenen physikalischen Gesetzen ab, was dazu führt, dass es aufgrund des erhöhten Umgebungsdruckes zu einer erhöhten Löslichkeit der Gase kommt und sich somit mehr Gas im Blut und im Gewebe befindet. Wenn der Umgebungsdruck beim Auftauchen wieder abfällt, gibt das Gewebe den Stickstoff wieder ins Blut (Vene) ab. Bei einem regulären Tauchgang findet dieser Prozess ohne wesentliche relevante Gasblasenbildung statt, sodass der Taucher den Tauchgang ohne Probleme beenden kann. Das Blut wird von der Körperperipherie zur Lunge geleitet und der überschüssige Anteil des Gases wird wieder abgeatmet.

Gelangt nun zu schnell zu viel Stickstoff ins venöse Blutsystem, dann entstehen hieraus Gasbläschen, diese können einen Teil der peripheren Lungengefäße verstopfen und somit zu einer Lungenembolie führen. Aufgrund des Blutrückstaus von der Lunge zum Herzen kann es in seltenen Fällen zu einer Überlastung des Herzens und Herzrhythmusstörungen kommen.

Wenn nun durch Shuntverbindungen venöse Gasblasen in das arterielle Blutsystem übertreten können, dann droht die neurologische Dekompressionserkrankung.

Arterielle Gasembolie (AGE): Was passiert im Körper?

Zu einer arteriellen Gasembolie, also einer Ansammlung der Gasblasen im arteriellen Gefäßsystem, kommt es meist infolge eines sogenannten Barotraumas (siehe separater Kasten unten). Durch dieses Barotrauma kommt es zum Platzen von Lungenbläschen und dadurch zu einer Luftansammlung in der Pleurahöhle (zwischen den beiden Lungenblättern (Pleura), welche einerseits die Lunge, andererseits den Brustraum auskleiden). Dies nennt man einen Pneumothorax. Aufgrund der geplatzten Lungenbläschen kann es aber nicht nur zu einem Pneumothorax kommen, sondern auch zu einem Übertritt der Bläschen in das arterielle Blutsystem. Über die Arterien werden die Bläschen weitertransportiert - und je nach Stromgebiet - in die verschiedensten Gebiete im Körper verteilt. Hieraus ergibt sich die entsprechende Symptomatik. Werden die Gasblasen zum Beispiel ins Gehirn transportiert und führen hier zu einer arteriellen Gasembolie (Embolus = Gefäßpfropf), ähnelt die Symptomatik einem Schlaganfall mit Lähmungserscheinungen, Muskelschwäche oder Kreislaufproblemen bis hin zum Kreislaufstillstand. Auch Krampfanfälle können bei einer arteriellen Gasembolie im Gehirn auftreten.

Überdruckbedingte Lungenverletzung (Barotrauma)

Verhält sich ein Taucher falsch, kann auch seine Lunge Schaden nehmen. Es droht ein sogenanntes Barotrauma. Dazu kommt es auf folgendem Weg:

Bei steigendem Umgebungsdruck (also mit zunehmender Tauchtiefe) wird die Luft in der Lunge des Tauchers zusammengedrückt. Sie braucht weniger Platz als an der Wasseroberfläche. Fällt der Umgebungsdruck beim Auftauchen wieder ab, dehnt sich die Luft wieder aus.

Taucht der Taucher (zum Beispiel in Panik) aus circa zehn Metern Tiefe zu schnell wieder auf und hält dabei die Luft an, können aus beispielsweise sechs Litern Pressluft auf zehn Meter Tiefe in seiner Lunge in kurzer Zeit zwölf Liter werden durch die Ausdehung der Gase beim Auftauchen (Gesetz nach Boyle-Mariott). Das halten die Lungen nicht aus. Vereinfacht gesagt können die Lungenbläschen platzen. Bei solchen Lungenverletzungen können Luftblasen ins Blut übertreten und arterielle Gasembolien verursachen.

Symptome: Welche Beschwerden können bei einem Tauchunfall auftreten?

Eine Dekompressionskrankheit kann mit unterschiedlichsten Symptomen einhergehen. Jegliche Beschwerden nach einem Tauchgang sollten daher auch an einen Tauchunfall mit Dekompressionskrankheit denken lassen. Die Symptome eines Tauchunfalls hängen wesentlich von der Verteilung der Gasblasen in den entsprechenden Regionen ab.

  • Milde Symptome sind eine auffallende Müdigkeit oder Hautjucken (sogenannte Taucherflöhe).
  • Schwere Symptome sind unter anderem Hautveränderungen (Marmorierung), Schmerzen, verschiedene Formen neurologischer Ausfälle (wie Gefühlsstörungen, Lähmungen, bis hin zu Störungen des Bewusstseins oder Bewusstlosigkeit) oder Atembeschwerden.

Manche Symptome treten auch erst mit einiger Verzögerung nach einem Tauchgang auf.

Erste-Hilfe-Maßnahmen bei einem Tauchunfall

Im Zweifel sofort den Notarzt verständigen! Dabei unbedingt das Stichwort "Tauchunfall" nennen – so kann die Leitstelle die Weiterbehandlung in einem entsprechenden Zentrum anbahnen und die speziellen Bedürfnisse des Betroffenen für den Transport berücksichtigen. Bei schwereren Symptomen sind weitere Erste-Hilfe-Maßnahmen bis hin zur Herz-Lungen-Wiederbelebung nötig.

Die wichtigste Erstmaßnahme bei Verdacht auf eine Dekompressionskrankheit ist das Einatmen von 100% Sauerstoff. Das beschleunigt die Abgabe von Stickstoff aus dem Gewebe. Diese sollte auch beim Verschwinden der Symptome innerhalb 30 Minuten bis zur tauchärztlichen Beratung fortgesetzt werden. Die tauchärztliche Beratung kann auch telefonisch erfolgen. Eine entsprechende Liste der aktuellen Telefonnummern findet sich unter: https://www.gtuem.org. Für lebensbedrohliche Notfälle gibt es deutschlandweit mehrere Notfalltelefone, welche rund um die Uhr erreichbar sind.

Sofern der Betroffene sicher bei klarem Bewusstsein ist, sollte er außerdem bis zu etwa einem Liter Flüssigkeit trinken (keinen Alkohol oder koffeinhaltige Getränke, am besten isotonische Getränke ohne Kohlensäure). Wichtig ist auch Schutz vor Überhitzung und vor Auskühlung.

Eine sogenannte nasse Rekompression, also das erneute "unter Wasser gehen" um den Umgebungsdruck zu erhöhen ist zu unterlassen!

Therapie: Wie sieht die Behandlung nach einem Tauchunfall aus?

Bei milden Symptomen ist unter Umständen die Gabe von Sauerstoff ausreichend. In diesem Fall verschwinden die Beschwerden unter der Therapie innerhalb von 30 Minuten vollständig. Dennoch ist es ratsam, sich von einem Taucharzt beraten und gegebenenfalls behandeln zu lassen.

Bei schweren Symptomen oder wenn milde Symptome unter Sauerstoffatmung bestehen bleiben, ist in der Regel eine Behandlung in einer Überdruckkammer nötig. Vor einer Überdruckbehandlung steht immer eine eingehende Untersuchung des Tauchers. Sie dient dazu eventuelle Verletzungen aufzudecken, die vor einer Überdruckbehandlung versorgt werden müssen.

Je nach Beschwerden der Betroffenen ist zusätzlich zu der Druckkammerbehandlung noch eine symptomatische Behandlung in den entsprechenden Fachabteilungen nötig (zum Beispiel Neurologie, Physiotherapie).

Wie funktioniert die Behandlung in einer Druckkammer?

Während der Druckkammerbehandlung atmet der Patient reinen Sauerstoff unter erhöhtem Umgebungsdruck (in der Regel 2,8 bar) über ein Schlauch-Maskensystem oder Kopfzelt ein. Die Druckkammer ähnelt einer Flugzeugkabine, die mit medizinischen Geräten zur Überwachung und Behandlung ausgestattet ist. Über Mikrofone und Video hält die Bedienmannschaft Kontakt zu den Personen in der Druckkammer. Die Behandlung läuft nach festgelegten Protokollen ab.

Der eingeatmete Sauerstoff wird aufgrund der Überdruckbedingungen überwiegend physikalisch im Blutplasma gelöst. Unter Normaldruckbedingungen ist Sauerstoff überwiegend an die roten Blutkörperchen (Erythrozyten) gebunden und nur gering im Plasma vorhanden. In der Druckkammer ist nun neben dem im Erythrozyten gebundenen Sauerstoff ein weitaus grösserer Anteil im Plasma gelöst und kann dem Gewebe somit zur Verfügung gestellt werden.

Bestehen die Symptome weiterhin, ist es möglich, die Überdruckbehandlung zu wiederholen. Die Überdruckbehandlung ist abgeschlossen, wenn die Symptome unter der Behandlung dauerhaft verschwinden oder sich unter fortgesetzter Überdruckbehandlung über einen längeren Zeitraum nicht mehr verändern.

Prognose: Wie sehen die Heilungschancen aus? Darf man wieder tauchen?

Nach einer Dekompressionskrankheit ist grundsätzlich wieder eine erneute Tauchtauglichkeit möglich. Voraussetzung ist aber, dass die Behandlung abgeschlossen ist und ein stabiles Behandlungsergebnis besteht. Empfehlenswert für Sporttaucher ist eine Untersuchung durch einen erfahrenen Taucherarzt, der auch über Erfahrung in der Behandlung der Dekompressionskrankheit verfügt. Sinnvoll kann eine weiterführende Diagnostik wie eine Ultraschalluntersuchung des Herzens sein, um beispielsweise ein dauerhaft bestehendes Loch in der Herzscheidewand (ein persistierendes Foramen ovale) auszuschließen. Für gewerbliche Taucher gelten spezielle gesetzliche Vorschriften.

Vorbeugen: Wie kann man das Risiko für einen Tauchunfall senken?

Die wichtigsten vorbeugenden Maßnahmen sind eine ausreichende Zufuhr von Flüssigkeit vor dem Tauchgang sowie langsames und kontrolliertes Auftauchen. Tabellen oder Tauchcomputer geben entsprechende Hilfestellungen. Sinnvoll sind Sicherheitsstops am Ende des Tauchgangs. Auch Atemgasgemische mit erhöhtem Sauerstoffgehalt (Nitrox) können das Risiko eines Dekompressionsunfalls senken. Wiederholungs-Tauchgänge innerhalb von 24 Stunden, große Temperaturunterschiede und körperliche Anstrengung erhöhen dagegen das Risiko.

Experte FLA Prof. Dr. med. Andreas Koch

Unser beratender Experte:

Prof. Dr. Andreas Koch leitet die Sektion Maritime Medizin des Institutes für Experimentelle Medizin der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel und ist Abteilungsleiter am Schifffahrtmedizinischen Institut der Marine.

Quellen:

  • Gesellschaft für Tauch- und Überdruckmedizin (GTÜM e.V.). Online: https://www.gtuem.org (abgerufen am 11. Juni 2019)
  • AWMF, Leitlinie Tauchunfall. Gültig bis 01.10.19. Online: https://www.awmf.org/leitlinien/detail/ll/072-001.html (abgerufen am 11. Juni 2019)
  • Verband deutscher Druckkammerzentren e.V., Wirkmechanismen der Hyperbaren Sauerstofftherapie. Online: https://www.vdd-hbo.de/fuer-patienten/ (abgerufen am 11. Juni 2019)

Wichtiger Hinweis:
Dieser Artikel enthält nur allgemeine Hinweise und darf nicht zur Selbstdiagnose oder –behandlung verwendet werden. Er kann einen Arztbesuch nicht ersetzen. Die Beantwortung individueller Fragen durch unsere Experten ist leider nicht möglich.