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Darmkrebs: Öfter bei jungen Erwachsenen

Laut Studien erkranken in vielen Ländern weltweit immer mehr junge Erwachsene an Darmkrebs. Welche Zusammenhänge dahinter stecken könnten, erklärt Dr. Michael Hoffmeister

von Marlen Schernbeck, 16.03.2020
Darmkrebs Bauch Darm

Öfter Darmkrebs bei jüngeren Menschen: Eine Folge von geänderten Ernährungsgewohnheiten und Bewegungsmangel?


Während die Darmkrebsrate in der älteren Bevölkerung in Deutschland dank Vorsorgemaßnahmen seit vielen Jahren sinkt, zeigt sich bei den unter 50-Jährigen ein anderes Bild: Sie erkranken – zumindest in manchen Ländern – in den letzten Jahren laut Studien immer häufiger an Krebs im Dickdarm oder Mastdarm.

Die absoluten Zahlen sind zwar im Vergleich zu den Krebsfällen in der älteren Bevölkerung gering. Doch ein Trend ist ersichtlich. So ergab eine Analyse von Daten aus 20 europäischen Ländern, darunter Deutschland, dass sich die Darmkrebsfälle bei den 20- bis 29-Jährigen zwischen 1990 und 2016 fast verdreifacht haben: Sie sind von 0,8 auf 2,3 Fälle pro 100.000 Menschen gestiegen.

Über die Gründe für den Anstieg in der jungen Bevölkerung können Experten bislang nur spekulieren. In einem Interview erklärt Dr. Michael Hoffmeister vom Deutschen Krebsforschungszentrum in Heidelberg, welche Zusammenhänge denkbar wären und was sich aus den Studien ableiten lässt.

Herr Dr. Hoffmeister, aktuelle Analysen zeigen: Immer mehr junge Erwachsene erkranken in Deutschland an Darmkrebs. Seit wann lässt sich dieser Trend beobachten?

Das ist eher eine neue Entwicklung. Seit etwa zehn Jahren sehen wir bei den 20- bis 49-Jährigen einen jährlichen Anstieg der Darmkrebserkrankungen.

Dieser Anstieg ist nicht nur in Deutschland, sondern auch in anderen Ländern zu verzeichnen. Kann man von einem globalen Trend sprechen?

Die ersten Ergebnisse dazu gab es in den USA. Anschließend liefen Studien dazu in Europa. Tatsächlich scheint diese Entwicklung weltweit zu beobachten zu sein. Hauptsächlich zeigt sie sich jedoch in Ländern mit einer sogenannten westlichen Lebensweise.

Welche Gründe sehen Sie dafür? Hat die Lebensweise etwas mit dem Anstieg der Zahlen zu tun?

Darüber wird bislang nur spekuliert. Natürlich möchte man sofort auf bestimmte Risikofaktoren zu sprechen kommen – sei es Bewegungsmangel oder Übergewicht. Denn etwa zeitgleich zum Anstieg der Darmkrebserkrankungen in der jüngeren Altersgruppe können wir auch einen Anstieg beim Übergewicht verzeichnen. Außerdem haben sich in den letzten Jahrzehnten die Ernährungsgewohnheiten verändert. Diese Gründe scheinen plausibel. Ein direkter Zusammenhang für den Anstieg der letzten Jahre konnte bislang aber noch nicht nachgewiesen werden.

Stichwort Ernährung: Welche Essgewohnheiten könnten in der jüngeren Altersgruppe Darmkrebs begünstigen?

Zu den Risikofaktoren für Darmkrebs zählt vor allem der Verzehr von rotem oder verarbeitetem Fleisch. Welche Risikofaktoren aber letztlich zum Anstieg in der jüngeren Altersgruppe geführt haben, können wir zum jetzigen Zeitpunkt nicht eindeutig benennen.

Könnten auch vermehrte Darm-Untersuchungen zu mehr Diagnosen geführt haben?

Das wäre am ehesten in der Altersgruppe zwischen 40 und 50 Jahren anzunehmen. Zwar ist die Darmkrebsvorsorge in diesem Alter keine Kassenleistung, wenn man aber Beschwerden oder Blut im Stuhl hat und zur Abklärung eine Darmspiegelung nötig ist, zahlen das natürlich die Kassen.

Aber: Wir sehen die Mehrdiagnosen auch bei den 20- bis 39-Jährigen. In diesem Alter wird bei entsprechenden Beschwerden eher nicht an Darmkrebs gedacht. Zudem haben Studien gezeigt, dass junge Erwachsene in einem eher späten Stadium diagnostiziert werden. Das heißt, ihre Diagnosen sind also eher nicht durch vermehrte und frühzeitige Darmspiegelungen zu erklären.

Umgekehrt sind Darmkrebsfälle im Alter ab 50 Jahren in Deutschland zurückgegangen. Liegt es in diesem Fall an einer verbesserten Vorsorge?

Absolut, aber nicht nur. Für Männer und Frauen ab 50 Jahren gibt es Angebote zur Darmkrebsvorsorge. Für Männer ab 50 und Frauen ab 55 wird durch die Krankenversicherung eine kostenlose Darmspiegelung zur Vermeidung und Früherkennung von Darmkrebs angeboten. Der Rückgang im höheren Alter liegt also einerseits daran, dass die Leute zur Vorsorge gehen – ohne, dass sie Beschwerden haben. Andererseits werden in diesem Alter auch vermehrt sogenannte diagnostische Darmspiegelungen vorgenommen: Menschen kommen mit Problemen wie Bauchbeschwerden oder Blut im Stuhl zum Arzt – und daraufhin wird heute relativ schnell eine Darmspiegelung veranlasst.

So kann Darmkrebs früh erkannt werden?

Wir können den Krebs nicht nur früh erkennen – und dadurch besser heilen –, sondern wir können ihn oft sogar verhindern: Darmkrebs entwickelt sich aus Vorstufen, die meist gut sichtbar sind. Wenn wir diese Vorstufen entfernen, kann kein Krebs mehr daraus entstehen. Ein weiterer großer Vorteil ist bei Darmkrebs gegenüber anderen Krebsarten: Er entwickelt sich über einen langen Zeitraum.

Wäre eine verstärkte Vorsorge dann auch für jüngere Erwachsene sinnvoll, um Vorstufen frühzeitig zu entdecken?

Das ist etwas schwierig. Darmkrebserkrankungen bei unter 50-Jährigen machen nur etwa sieben Prozent aller Darmkrebsfälle aus, bei unter 40-Jährigen ist die Erkrankung äußerst selten. Die meisten Erkrankungen entstehen in höherem Alter: Männer sind bei der Diagnose durchschnittlich 72 Jahre alt, Frauen 75.

Es ist natürlich dennoch beunruhigend, dass die Diagnosen bei jüngeren Erwachsenen ansteigen. Das muss abgeklärt werden. Aber wenn wir jetzt anfangen, in jüngeren Altersgruppen zu screenen, haben die meisten Leute davon nichts. Die große Mehrheit der jungen Menschen hätte womöglich keine Vorteile, sondern eher Nachteile durch das Screening. Es wäre eine sehr teure und aufwendige Untersuchung – und wir hätten vermutlich auch ein Kapazitätsproblem.

Ein Weg wäre also, nur bestimmte Personen rausfiltern, die schon ein höheres Risiko tragen?

Genau. Die Aufgabe der nächsten Jahre wird sein, in den jüngeren Altersgruppen Risikogruppen zu identifizieren und für diese gezielt Vorsorgemaßnahmen anzubieten.

Bestimmte Risikofaktoren für Darmkrebs sind bereits bekannt. Warum gelten diese nicht automatisch für junge Erwachsene?

Das Problem dieser Studien ist, dass mit Abstand die meisten Teilnehmer ältere Erwachsene sind. Die ermittelten Risikofaktoren treffen dann natürlich am ehesten auf diese ältere Personengruppe zu. Deshalb braucht es gezielt Studien bei den jüngeren Erwachsenen, um zu schauen, ob die Risikofaktoren der älteren Bevölkerung auch die der jüngeren sind – und ob andere Faktoren hinzugekommen sind.

Gibt es weiteren Handlungsbedarf?

Eine direkte Forderung wäre, dass Ärzte bei der Beurteilung von Symptomen auch bei jüngeren Erwachsenen bereits an Darmkrebs denken – zum Beispiel wenn Patienten Bauchbeschwerden oder Blut im Stuhl haben.

Bauschmerzen haben vermutlich viele junge Leute immer mal wieder.

Es geht dabei natürlich nicht um kurzfristige Beschwerden, die zum Beispiel durch Lebensmittel verursacht werden können, sondern um anhaltende Probleme. Dann sollten Ärzte die Möglichkeit von Darmkrebs mit einbeziehen. Falls es sinnvoll scheint, sollte dann zeitnah eine Darmspiegelung gemacht werden.