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Stuhltransplantation: Heilen mit Mikroben

Das Mikrobiom des Darms als Medikament: Infektionen mit dem Bakterium Clostridium difficile nehmen zu. Wie eine Behandlung mit menschlichem Stuhl dem Darm helfen kann

von Sonja Gibis, aktualisiert am 12.07.2019
Infografik Mikrobiom

Heilsame Darmflora: Ein Stuhltransfer kann bei einigen Erkrankungen helfen


Professorin Maria Vehreschild leitet am Klinikum der Uni Köln die Arbeitsgruppe Klinische Mikrobiomforschung. Im Interview erklärt sie, weshalb eine sogenannte Stuhltransplantation, auch Mikrobiota-Transfer genannt, einigen Patienten helfen kann:

Frau Professorin Vehreschild, wie wurden Fäkalien zum Medikament?

Erste Anwendungen gab es wohl schon im alten China, wo man eine sogenannte gelbe Suppe verabreichte. Seit den 1950er-Jahren wurde die Methode vereinzelt an Kliniken gegen Durchfälle eingesetzt. Doch hatte das lange keine wissenschaftliche Basis.

Wann hat sich das geändert?

Vor sechs Jahren durch eine wissenschaftliche Studie bei Infektionen mit dem Bakterium Clostridium difficile. Der Erfolg war durchschlagend. Die Studie wurde abgebrochen, weil man es nicht verantworten konnte, einer Teilnehmergruppe die Therapie vorzuenthalten.

Dr. Maria Vehreschild

Um was für eine Art Erkrankung handelt es sich dabei?

Nach einer Antibiotika-Gabe erkranken einige Patienten an einer schweren Darmentzündung mit heftigen Durchfällen. Man kann die Infektion erneut mit Antibiotika behandeln. Doch bei gut einem Viertel kommt sie zurück. Eine Übertragung der Mikrobiota, der Mikroben, die den Darm besiedeln, verhindert bei 80 Prozent einen Rückfall. Nach einem zweiten Transfer sind 90 Prozent der Patienten geheilt. Antibiotika sind nur etwa halb so wirksam.

Wie wirkt die Behandlung?

Die Darmentzündung entsteht, weil die Clostridien Giftstoffe ausschütten. Man nimmt an, dass eine gesundeDarmmikrobiota die Ausschüttung regulieren kann. Nach einer Antibiotikatherapie kann diese Regulation gestört sein. Die transferierten Bakte­rien und ihre Stoffwechselprodukte helfen, die Clostridien wieder in Schach zu halten. Wie genau dies geschieht, ist noch unklar.

Stuhltransplantation – das klingt nicht gerade appetitlich. Wie muss man sich das vorstellen?

Ich spreche lieber von Mikrobiota-Transfer. Was verabreicht wird, sind ja nicht die Fäkalien, sondern die lebenden Darmorganismen. Die Spender werden ausführlich untersucht. Der Stuhl wird gefiltert und von Verdauungsresten befreit.

Wie kommen die Bakterien in den Patienten?

Möglich ist dies über eine Darmspiegelung. Es geht aber auch mit Kapseln. Die Patienten schlucken 30 Stück verteilt über zwei Tage.

Wirkt die Stuhltransplantation auch bei anderen Erkrankungen?

Untersuchungen gibt es auch an Patienten mit chronischen Darmentzündungen wie Colitis ulcerosa. Etwa ein Viertel von ihnen berichten über eine Besserung. Doch ist diese wohl meist nicht dauerhaft. Wahrscheinlich müsste die Therapie regelmäßig erfolgen. Die für eine solche Therapie notwendige Infrastruktur gibt es in Deutschland aber noch nicht. Sehr widersprüchlich sind die Ergebnisse bei Reizdarm.