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Stuhlspende: Heilen mit Darmbakterien?

Ein Stuhltransfer gilt unter Forschern als Therapie-Hoffnungsträger, zum Beispiel gegen Reizdarm oder Morbus Crohn. Allerdings sind noch viele Fragen offen

von Ulrich Kraft, aktualisiert am 11.08.2016
Verdauungsorgane

Blickpunkt Darm: Ein Stuhltransfer könnte bei einigen Darmerkrankungen helfen


Was Dr. Anne Vrieze und ihre Kollegen taten, kann man durchaus eklig finden. In der medizinischen Fachwelt sorgte die Arbeit der Wissenschaftler von der Universität Amsterdam aber weniger für Übelkeit, sondern vor allem für Aufsehen. Vriezes Team verabreichte Patienten mit metabolischem Syndrom per Darm-Infusion den Darminhalt von gesunden, schlanken Spendern. Die mitunter auch als tödliches Quartett bezeichnete Kombination aus Fettstoffwechselstörung, starkem Übergewicht, Bluthochdruck und eingeschränkter Empfindlichkeit für blutzuckersenkendes Insulin gilt als entscheidender Risikofaktor für Herz-Kreislauferkrankungen und als Vorstufe eines Typ-2-Diabetes.

Wie die Studienergebnisse offenbarten, hatte sich sechs Wochen nach der Fäkalübertragung die Insulinsensitivität der Teilnehmer deutlich verbessert. Ihre unkonventionelle Therapie, so hoffen die Forscher, könnte dem Typ-2-Diabetes nicht nur vorbeugen, sondern sogar der "Schlüssel zur Heilung" des Volksleidens sein, das laut Schätzungen allein in Deutschland etwa acht Millionen Menschen betrifft.

Tausende verschiedene Bakterienarten im Darm

Neu ist die Methode nicht. Schon im vierten Jahrhundert bekamen Durchfallerkrankte in China gelösten Stuhl von Gesunden zu trinken. Ebenfalls aus dem Reich der Mitte stammen Schriften aus dem 16. Jahrhundert, in denen von der "goldenen Flüssigkeit" die Rede ist. Insbesondere in den USA und Europa wird die Fäkaltransplantation derzeit in zahlreichen wissenschaftlichen Studien untersucht.

Prof. Andreas Stallmach

Bauchspeicheldrüsenentzündung, Reizdarmsyndrom, Übergewicht, HIV, Morbus Crohn, Asthma – beim Durchsehen entsteht leicht der Eindruck, dass es kaum noch eine Krankheit gibt, bei der ein Transfer des Darm-Mikrobioms momentan nicht erprobt wird.

In nur einem Gramm Stuhlgang leben mehr Mikroorganismen als Menschen auf der Erde, größtenteils Bakterien, aber auch Viren und Pilze. Schätzungsweise 100 Billionen Bakterienzellen siedeln insgesamt im menschlichen Darm, mehrere Tausend verschiedene Bakterienarten wurden dort bis heute identifiziert. Lange galten sie als bloße Verdauungshelfer. Seit einigen Jahren kristallisiert sich aber mehr und mehr heraus, dass das Mikrobiom derart vielfältige Aufgaben erfüllt, dass manche Experten inzwischen von einem Superorgan sprechen.

Saubere und hygienische Prozedur

Fast im Wochentakt veröffentlichen medizinische Fachmagazine Untersuchungen, die Zusammenhänge zwischen der Darmflora und verschiedensten Erkrankungen belegen. "Der auffälligste Befund ist dabei die verringerte Vielfalt der Darmkeime", sagt Professor Andreas Stallmach vom Universitätsklinikum Jena. Je geringer die Diversität des Mikrobioms sei, desto häufiger würden dazu Krankheitszustände gefunden, erläutert der Direktor der Klinik für Gastroenterologie, Hepatologie und Infektiologie. "Offenbar brauchen wir im Darm so etwas wie Multikulti."

Stallmach verweist aber darauf, dass diese Erkenntnisse praktisch ausschließlich aus sogenannten Assoziationsstudien stammen. Die beweisen zwar, dass bei Patienten mit bestimmten Erkrankungen Auffälligkeiten im Mikrobiom zu erkennen sind. "Sie zeigen aber nicht, ob diese Veränderungen tatsächlich zur Krankheitsentstehung beitragen oder nur als Begleiterscheinung auftreten", sagt der Internist. "Dazu braucht man Kausalitätsstudien, und die fehlen bislang weitgehend." Also Studien, die einen ursächlichen Zusammenhang belegen könnten.

Dem Boom der Fäkaltherapie tut das keinen Abbruch. Sogar gegen so unspezifische Leiden wie Schlaflosigkeit und gelegentliche Stimmungstiefs wird Mikroben-Transfer in Online-Foren eine wundersame Wirkung nachgesagt. Obwohl es nach Schmutz und Gestank klingt, ist das Verfahren gänzlich uneklig, zumindest in professionellen Händen. Die nötigen 50 bis 100 Gramm Stuhl werden im Labor an einem sterilen Arbeitsplatz mit Dunstabzug mit physiologischer Kochsalzlösung vermischt und in einer Art Mixer homogenisiert. Das Ganze wird anschließend so lange gefiltert, bis keine festen Bestandteile mehr enthalten sind. "Übrig bleibt dann eine Flüssigkeit, die aussieht wie Cappuccino", sagt Andreas Stallmach.

Stuhlspende bei Clostridium difficile-Infektion eingesetzt

Der Transfer erfolgt entweder per Magensonde in den Zwölffingerdarm oder mithilfe eines Endoskops in den Dickdarm. Seit Kurzem gibt es die aufgearbeiteten Exkremente auch als tiefgefrorene Kapseln zum Schlucken. "Dass man die Kapseln wiederholt geben kann und nicht jedes jedes Mal eine frische Stuhlprobe zubereiten muss, erleichtert die Anwendung sehr", sagt Stallmach. Bislang gibt es ein einziges Anwendungsgebiet, für das der Nutzen des Mikrobioms als erwiesen gilt: eine Clostridium-difficile Infektion. Das Bakterium, das vor allem bei Krankenhauspatienten auftritt, verursacht starken Durchfall, der tödlich enden kann. Geschätzte 2000 Todesfälle gehen in Deutschland pro Jahr auf das Konto des Problemkeims, der sich mit Antibiotika oft nicht bekämpfen lässt.

Nach dem momentanen Kenntnisstand kann eine Stuhlübertragung von gesunden Spendern 90 Prozent der Patienten mit wiederkehrenden Clostridium-difficile-Infektionen dauerhaft heilen, nicht immer gleich beim ersten Transfer, aber nach dem zweiten. "Da andere Behandlungsversuche häufig versagen, sind wir hier ärztlich darauf angewiesen, die Therapie im Einzelfall zu nutzen", sagt Stallmach. In einer anderen Studie profitierte ein Teil der an einer Colitis ulcerosa erkrankten Teilnehmer ebenfalls von einer Fäkaltransplantation. Allerdings hatten sie fast alle den Stuhl des gleichen Spenders erhalten. In einer zweiten Studie blieb die Behandlung ohne positiven Effekt.

Finger weg von Selbstversuchen!

Für den Experten aus Jena belegen solche widersprüchlichen Resultate, dass auf dem Feld noch einiges an Forschungsarbeit notwendig ist. "Der Fäkaltransfer bietet auf jeden Fall neue spannende Optionen, vor allem bei Darm- und Stoffwechselerkrankungen", sagt Stallmach. "Wir müssen aber noch genauer herausfinden, was im Mikrobiom den Patienten nutzt und wie man eine gesunde Darmflora wieder herstellen kann."

Die nötige Geduld bringt offenbar nicht jeder auf. Im Internet gibt es längst "Do-it-yourself"-Anleitungen für die Stuhlübertragung, und sogar das medizinische Fachblatt Clinical Gastroenterolgy and Hepatology hat eine Art Kochrezept für den Hausgebrauch veröffentlicht. Andreas Stallmach rät dringend davon ab, auf eigene Faust zu Latexhandschuh, Stabmixer und Einlaufbeutel zu greifen. "Der Mikrobiom-Transfer ist kein harmloses, nebenwirkungsfreies Verfahren und darf daher nur unter ärztlicher Kontrolle angewendet werden", so der Experte.

Um zu verhindern, dass mit dem Stuhl auch Krankheitserreger in den Körper gelangen, werden die Spender vorab auf Infektionen wie Hepatitis und HIV untersucht. Auch chronische Erkrankungen müssen ausgeschlossen sein. "Das ist ein relativ aufwendiger Prozess, ähnlich wie bei einer Blutspende", erläutert Stallmach. An dessen Ende kommt nur jeder dritte bis vierte Kandidat überhaupt für eine Spende infrage.