Stoma - was bedeutet das?

Manchmal ist nach einer Operation am Darm ein künstlicher Ausgang notwendig. Antworten auf wichtige Fragen rund um das Stoma und Erfahrungen einer Betroffenen

von Dr. Katharina Kremser, aktualisiert am 28.05.2018
Stoma

Ein künstlicher Darmausgang oder Enterostoma


Was ist ein Stoma?

Stoma kommt aus dem Griechischen und bedeutet "Mund, Mündung". In der Medizin versteht man darunter eine durch eine Operation geschaffene Öffnung eines Hohlorganes wie des Darms nach außen. Es gibt das sogenannte Tracheostoma, das am Hals liegt und eine Öffnung der Luftröhre nach außen darstellt sowie das Urostoma, das der Harnableitung dient. Desweiteren gibt es den künstlichen Darmausgang, auch Enterostoma genannt.

Stoma

Wann ist ein künstlicher Darmausgang notwendig?

Ein künstlicher Darmausgang kann dauerhaft oder nur für eine kurze Zeit erforderlich sein. Dauerhaft angelegt wird er, wenn bei einer Operation die Teile des Darms entfernt werden müssen, die dafür sorgen, dass der Stuhlgang zurückgehalten werden kann. Gründe dafür können Darmkrebs, drohender Darmkrebs bei familiärer adenomatöser Polyposis coli, chronisch entzündliche Darmerkrankungen oder aber bestimmte Krankheiten sein, die die Darmfunktion und –kontinenz stark einschränken. Manchmal ist nach einer Darmoperation vorübergehend ein künstlicher Darmausgang nötig, um einen Teil des Darmes kurzfristig stillzulegen, damit die Operationsnähte in diesem Bereich in Ruhe heilen können.

Martina Richter aus Dortmund: "Erst kurz vor meiner Operation habe ich erfahren, was ein Stoma überhaupt ist. Ich habe Morbus Crohn und war damals 19 Jahre alt. Durch die Krankheit war der Dickdarm stark entzündet und es gab mehrere Verbindungsgänge, sogenannte Fisteln, in umliegendes Gewebe. Ich musste am Darm operiert werden und die Ärzte teilten mir mit, dass kurzfristig für circa drei Monate ein künstlicher Darmausgang notwendig sei, um die Operationsnähte zu entlasten. Ich war natürlich ziemlich geschockt. Für mich war es eine Horrorvorstellung, dass das, was ich esse, am Bauch dann wieder herauskommt. Ich dachte, ich sei die einzige junge Patienten auf der ganzen Welt, der so etwas passiert."

Stoma

Welche Arten von künstlichen Darmausgängen gibt es?

Zunächst unterscheidet man nach dem Darmabschnitt, der nach außen eröffnet wird. Beim sogenannten Ileostoma ist das der Dünndarm, beim Colostoma der Dickdarm.

Daneben gibt es dauerhaft und vorübergehend angelegte Stomata. In der Regel handelt es sich bei bleibenden künstlichen Ausgängen um sogenannte endständige Stomata, bei denen das Darmende des oberen Darmabschnittes mit der Bauchdecke verbunden wird. Der dahinterfolgende Darm wird entfernt. Weil damit auch der Schließmuskel und weitere Strukturen im unteren Darmbereich verloren gehen, könnte der Stuhlgang nicht mehr zurückgehalten werden und würde einfach ungehindert aus dem After fließen. Damit das nicht passiert, legen Ärzte einen künstlichen Ausgang. An diesem wird ein Auffangbeutel angebracht, der den Kot aufnimmt. Der zum Darmausgang hin verbleibende Darmstumpf wird zugenäht, wenn nicht schon der komplette Rest nebst Schließmuskel herausgenommen wurde.

"Häufiger sind aber die vorübergehend angelegten doppelläufigen oder Loop-Stomata," erklärt Stomatherapeut Werner Droste aus Selm. Dabei wird der Darm quasi an der Vorderseite aufgeschnitten und anschließend aufgeklappt. Beide entstehenden Darmenden münden an der Stomaöffnung in der Bauchdecke. Ein vorübergehender künstlicher Ausgang kann zum Beispiel notwendig sein, wenn bei einer Operation der Darm durchtrennt und wieder genäht werden musste. Dann kann es sinnvoll sein, den Stuhlgang nicht durch das genähte Darmstück gelangen zu lassen, sondern über den künstlichen Ausgang vor der besagten Stelle aus dem Körper zu leiten. So kann die Naht in Ruhe heilen und es besteht nicht die Gefahr, dass durch undichte Stellen Stuhl in den Bauchraum gelangt und zu Infektionen führt. Wenn die Naht verheilt ist, wird der Darm wieder zusammengenäht und das Stoma verschlossen.

Martina Richter: "Seit über 30 Jahren habe ich nun schon das doppelläufige Ileostoma, das eigentlich nur vorübergehend für etwa drei Monate gedacht war. Die Nahtstellen im Darm sind nach der Operation zwar gut verheilt, aber im Schließmuskelbereich hatten sich Verengungen gebildet, so dass eine Rückverlegung des Stomas nicht sinnvoll war. Außerdem hatte ich immer wieder Entzündungsschübe durch den Morbus Crohn. Deswegen war ich froh, so wenig Operationen wie möglich mitmachen zu müssen."

Was bedeutet das Stoma für den Betroffenen?

Zunächst einmal bedeutet ein Stoma, dass der Stuhlgang nicht mehr bei Bedarf über den After ausgeschieden wird. Stattdessen fließt er mehr oder weniger kontinuierlich in einen Beutel, der mit Hilfe einer Klebeplatte an der Öffnung der Bauchdecke befestigt ist. Der Inhalt des Beutels muss dann in die Toilette entleert werden. Bei Trägern eines endständigen Colostomas gibt es manchmal noch eine andere Möglichkeit: Sie können den Darm mittels regelmäßiger Darmspülungen entleeren. Das Verfahren nennt man Irrigation. "Das hat den Vorteil, dass sie ein bis zwei Tage frei von Stuhlausscheidungen sind", erläutert Pflegespezialistin für Stomatherapie Martina Lausch vom Universitätsklinikum Münster. "Die Dauer des entleerungsfreien Zeitraums hängt unter anderem von der Länge des verbliebenen Darms und von den Ernährungsgewohnheiten des Stoma-Trägers ab." Ein weiterer Vorteil ist, dass das Stoma bei dieser Methode mit einer sogenannten Stomakappe oder einen Minibeutel abgedeckt wird, die deutlich kleiner sind als die üblichen Beutel und Platten. Ob Irrigation für einen Stoma-Träger infrage kommt, muss mit dem behadelnden Arzt geklärt werden.

Martina Richter: "Weil ich Morbus Crohn habe, bedeutet das Stoma für mich vor allem Lebensqualität. Die sechs Jahre vor der Operation saß ich wegen ständiger Durchfälle fast nur auf der Toilette. Mein Lebensradius war ziemlich eingeschränkt. So schrecklich es zunächst für mich war, bereits in der Reha habe ich Menschen kennengelernt, die auch jung waren und ein Stoma hatten. Sie haben mir gezeigt haben, dass es auch positive Seiten gibt. Die haben dann für mich sehr schnell überwogen."

Wie sieht ein künstlicher Darmausgang aus?

Martina Richter: "Im Prinzip ist der Darm einmal umgestülpt und an der Bauchdecke angenäht. Man sieht also das Innere des Darmes. Wenn sich jemand gar nicht denken kann, wie das aussieht, sage ich: Das muss man sich vorstellen, wie ein Kussmund mit rot gemalten Lippen."

Wie lernt man, mit dem Stoma umzugehen?

Bereits in der Klink zeigt einem ein sogenannter Enterostomatherapeut oder Pflegespezialist für Stomatherapie, wie man mit dem künstlichen Darmausgang richtig umgeht. Diese speziell weitergebildeten Gesundheits- und Krankenpfleger und -pflegerinnen sprechen üblicherweise schon vor der Operation das erste Mal mit dem Patienten. "Das ist sehr wichtig, denn in diesem Erstgespräch wird zum einen mit dem Betroffenen zusammen die Stomalage am Bauch markiert und zum anderen besteht Gelegenheit, auf Fragen und Ängste einzugehen. Auch der erste Kontakt mit dem Stomaversorgungssystem findet bereits statt," so Pflegespezialistin Lausch. Nach der Operation versorgen die Stomatherapeuten den künstlichen Darmausgang und erklären den Betroffenen den Umgang damit und die Pflege des Stomas. "Das Ziel ist es, die Patienten so anzuleiten, dass sie sich möglichst schnell selbst versorgen können," betont Stomatherapeut Droste. "Weil die Verweildauer im Krankenhaus heute so kurz ist, können die meisten das bei der Entlassung jedoch noch nicht ausreichend gut." Deswegen stellen Stomatherapeuten auch den Kontakt zu Sanitätshäusern und sogenannten Homecare-Unternehmen her, bei denen der Betroffene anschließend nicht nur alle zur Pflege des Stomas notwendigen Materialien erhält, sondern auch Unterstützung bei der Versorgung.

Martina Richter: "Bereits im Krankenhaus hat mir die Stomatherapeutin gezeigt, wie die Versorgung des Stomas funktioniert. So richtig lernt man das aber erst im Laufe der Zeit, wenn man sich damit anfreundet. Gerade am Anfang ist man sehr unsicher. Die Darmschleimhaut kann bei Kontakt zum Beispiel manchmal etwas bluten. Da fragt man sich dann gleich, ob man etwas falsch gemacht hat."

An wen kann man sich nach der Entlassung aus dem Krankenhaus bei Fragen und Problemen wenden?

Geht es um den Umgang mit dem Stoma oder treten Probleme damit auf, ist der betreuende Stomatherapeut des Sanitätshauses oder Homecare-Unternehmens der erste Ansprechpartner. Der Hausarzt kann eventuell auch weiterhelfen. Geht es um Hilfsmittel zur Stomaversorgung oder die Kostenübernahme für solche, können das Sanitätshaus oder Unternehmen, das diese liefert, bei Kostenfragen aber auch die Krankenkasse weiterhelfen.

Martina Richter: "Der erste Ansprechpartner bei Problemen ist natürlich der Stomatherapeut, er kann bei Veränderungen auch schnell mal einen Blick auf das Stoma werfen. Ich bin relativ schnell zur Selbsthilfegruppe "Deutsche ILCO" gekommen, dort lernte ich Menschen kennen, die schon lange ein Stoma habe und viel Erfahrung im Umgang damit besitzen. So bekommt man wichtige Alltagstipps, zum Beispiel, was es zu beachten gibt, wenn man mal verreisen möchte."

Darf man trotz Stoma alles essen?

Eigentlich ja. "Personen mit Ileostoma sollten jedoch mit langfasrigen Lebensmitteln wie Pilzen, Orangen und Sauerkraut vorsichtig sein", meint Werner Droste. "Die grobe Zellulose darin kann das Stoma manchmal von innen verkleben und damit blockieren." Darüberhinaus gibt es keine generellen Einschränkungen, nur Tipps. "Die Hauptmahlzeiten sollten nur eine bestimmte Größe haben", meint Martina Lausch. "Gut ist es, kleinere Zwischenmahlzeiten in den Alltag einzubauen." Außerdem sollten die Stoma-Träger unbedingt auf eine ausreichende Trinkmenge achten. "Wie sich zum Beispiel blähende oder stopfende Lebensmittel bei ihm auswirken, muss aber jeder selbst herausfinden." Fehlen große Teile des Darms, kontrolliert der Arzt anhand entsprechender Blutwerte, ob die Versorgung mit Vitaminen, Mineralstoffen und Flüssigkeit noch gewährleistet ist und trifft die entsprechenden Maßnahmen.

Martina Richter: "Wegen des Stomas brauche ich keine besondere Diät einhalten. Mein Morbus Crohn erfordert allerdings einige Einschränkungen."

Riecht ein Stoma?

Nein. Allenfalls beim Wechseln oder Entleeren des Beutels kann Geruch entstehen. "Alle modernen Produkte haben Aktivkohlefilter, die Gerüche und Darmgase zurückhalten. Wird ihre Wirkdauer nicht überschritten, gibt es kein Problem," unterstreicht Werner Droste. Manche Nahrungsmittel fördern die Geruchsbildung beim Wechseln und Entleeren des Beutels. Dazu zählen zum Beispiel Hülsenfrüchte, Kohl, Zwiebelgewächse und Knoblauch, Fleisch, Fisch, Eier und Pilze. Andere wirken eher geruchshemmend. Zu diesen Lebensmitteln zählen beispielsweise Salat, Petersilie oder Blaubeeren.

Martina Richter: "Die moderne Stomaversorgung ist absolut geruchsdicht. Ein Stoma riecht also nicht, nur die Ausscheidungen riechen, wenn man den Beutel auf der Toilette leert – wie bei jedem anderen auch."

Was kann man mit einem Stoma nicht machen?

"Extremes Bauchmuskeltraining und schweres Heben ist tabu," meint Stomatherapeutin Lausch. "Mehr als sechs bis zehn Kilogramm sollten Stoma-Träger sich nicht zumuten." Gleiches gilt für einige Sportarten, die den Druck im Bauchraum stark steigern. Dies könnte das Risiko für Bauchwandbrüche im Bereich des Stomas erhöhen.

Martina Richter: "Trotz Stoma kann ich eigentlich alles machen. Es hat sogar eine Schwangerschaft problemlos überstanden. Nur schwere Dinge sollte ich möglichst nicht heben."

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Wie pflegt man ein Stoma?

Auf der Haut um das Stoma klebt eine Hautschutzplatte, an der ein Beutel angebracht ist. Es gibt einteilige Systeme, bei denen Beutel und Platte eins sind und zweiteilige, bei denen sie einzeln getauscht werden. Als Faustregel gilt laut Martina Lausch: "Bei zweiteiligen Systemen wechselt man die Platte alle zwei bis drei Tage und den Beutel beim Ileostoma täglich bis zweitägig, beim Colostoma je nach Ausscheidung. Einteilige Systeme sollten beim Ileostoma alle ein bis zwei Tage, beim Colostoma je nach Ausscheidung zwei bis dreimal täglich getauscht werden." Die Haut um das Stoma herum sollte dabei gereinigt und gepflegt sowie auf Veränderungen beobachtet werden. "Dazu nur geeignete Reinigungsprodukte, am einfachsten die eigene Duschlotion verwenden" rät Werner Droste. Für unterwegs gibt es spezielle Tücher für den Versorgungswechsel und die Reinigung. Treten Hautveränderungen auf, unbedingt frühzeitig den Stomatherapeuten kontaktieren.

Martina Richter: "Ich würde jedem raten, der ein Stoma bekommen soll, schon vorher mit jemanden zu sprechen, der auch eines hat. Das nimmt Unsicherheiten und Ängste. Dazu kann man sich direkt an Selbsthilfegruppen wie die "Deutsche ILCO e.V." wenden. Ansprechpartner mit Telefonnummer findet man im Internet und auch ein Forum zum Austausch rund um die Uhr."