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Problemfall Weizen: Zöliakie, Unverträglichkeit, Allergie?

Viele Menschen haben das Gefühl, sie vertragen Weizen oder dessen Inhaltsstoff – das Gluten – schlecht. Das kann ein Trugschluss sein, muss es aber nicht. Was hinter den Beschwerden steckt

von Dr. Martina Melzer, 02.05.2019

Weizen hat heutzutage einen schlechten Ruf. Ebenso Gluten, Bestandteil des Weizens. Viele Menschen halten das Getreide für einen Dickmacher, für ein Lebensmittel, das verschiedenste Krankheiten schürt und das man sowieso nur schlecht verträgt. Die Lebensmittelindustrie ist auf diesen Zug aufgesprungen, genauso wie Medienunternehmen.

Ist es ein Hype? Geldmacherei? Oder haben einige Menschen wirklich ein Problem mit Weizen? Ohne Zweifel gibt es solche. Die Zöliakie, zu Deutsch: Glutenunverträglichkeit, ist eine Autoimmunkrankheit, die durch Gluten ausgelöst wird. Gluten ist das Klebereiweiß, welches Getreidesorten wie Weizen, Dinkel, Roggen und Gerste seine klebrigen Eigenschaften verleiht, ihren Teig so geschmeidig macht. "Etwa ein Prozent der Bevölkerung haben eine Zöliakie", sagt Professor Detlef Schuppan, Gastroenterologe an der Uniklinik Mainz und der US-amerikanischen Harvard Medical School.

Prof. Dr. Dr. Detlef Schuppan

Zöliakie: Krankheit mit vielen Gesichtern

Kommt die Dünndarmschleimhaut von Betroffenen mit Gluten in Kontakt, wird eine Immunreaktion ausgelöst. Abwehrzellen wandern in die Schleimhaut ein und schütten entzündungsfördernde Stoffe aus. Die Entzündung lässt die Schleimhaut auf Dauer verkümmern, was dazu führen kann, dass weniger Nährstoffe aufgenommen werden. Das dadurch entstehende Defizit sowie die stetige Entzündung können eine Reihe von Beschwerden und Folgekrankheiten auslösen.

Die Zöliakie kann Durchfall, Blähungen und Bauchschmerzen hervorrufen. Sie kann sich aber auch durch Schwäche, Müdigkeit, Depression, Gewichtsverlust und zahlreiche andere Symptome äußern. Sie verläuft teilweise über Jahrzehnte unerkannt. Diese Glutenunverträglichkeit kann der Arzt oder die Ärztin normalerweise gut nachweisen. Die Therapie besteht derzeit in einer lebenslangen strikt glutenfreien Diät.

Prof. Dr. rer. nat. Martin Smollich

Doch viele Menschen meinen, sie vertragen das Getreide schlecht, obwohl sie nicht an einer Zöliakie leiden. "Mit diesem Gefühl liegen Betroffene oft gar nicht so falsch", sagt Schuppan. Denn: "Es gibt auch Allergien auf Weizen und andere Unverträglichkeiten", erläutert Professor Martin Smollich, Apotheker und Leiter der Arbeitsgruppe Pharmakonutrition am Institut für Ernährungsmedizin der Uniklinik Schleswig-Holstein in Lübeck. Die Beschwerden dieser Krankheitsbilder können überlappen und lassen sich manchmal schwer voneinander abgrenzen. Es erfordert einen erfahrenen Arzt, um auf die richtige Spur zu gelangen.

Allergie auf Weizen: Beispiel Bäckerasthma

So gibt es neben der Zöliakie wahrscheinlich zwei Arten von Weizenallergien. Bei der klassischen Form reagieren Betroffene meist innerhalb von Minuten mit Symptomen, wenn sie Weizenstaub eingeatmet oder das Getreide gegessen haben. Es treten typische Anzeichen wie Niesreiz, Atembeschwerden und Hautausschlag auf, aber auch Bauchschmerzen, Durchfall oder Erbrechen. Bekanntestes Beispiel ist das Bäckerasthma. Der Organismus reagiert bei einer klassischen Weizenallergie auf Eiweiße aus diesem Getreide, zum Beispiel auf Bestandteile von Gluten, besonders aber auf nicht-Gluteneiweiße.

Wie bei Heuschnupfen und allergischem Asthma spielen IgE-Antikörper und Mastzellen eine zentrale Rolle. IgE-Antikörper sind spezielle Eiweiße, die Teil des Immunsystems sind. Ebenso gehören Mastzellen zum körpereigenen Abwehrsystem. Die IgE-Antikörper binden das Allergen und lösen die Feisetzung von Botenstoffen aus den Mastzellen und damit die allergische Reaktion aus. Nachweisen lässt sich diese, bei Erwachsenen allerdings selten vorkommende Allergie, normalerweise durch einen Allergietest beim Arzt. Die Therapie besteht darin, weizenhaltige Lebensmittel zu meiden. Auch andere weizenähnliche Getreide können unverträglich sein, zum Beispiel Dinkel.

Atypische Weizenallergie: Noch wenig bekannt

Neue Studien weisen darauf hin, dass es auch eine atypische Weizenallergie gibt. IgE-Antikörper und Mastzellen spielen dabei wahrscheinlich keine entscheidende Rolle. Gastroenterologe Schuppan forscht auf diesem Gebiet und erklärt: "Zwar kommt es zu einer Sofortreaktion in der Darmschleimhaut, jedoch nicht im Sinne einer klassischen IgE-vermittelten Allergie. Die Patienten bekommen erst Stunden später Bauchbeschwerden." Die Symptome, mit denen Betroffene kämpfen, sind laut Schuppan die des Reizdarmsyndroms: Bauchkrämpfe, Blähungen, gespannter Bauch, Probleme mit dem Stuhlgang, Völlegefühl, Übelkeit, Aufstoßen.

Das Problem: Bislang kennen sich nur sehr wenige Ärzte mit diesem Krankheitsbild näher aus. Außerdem lässt es sich derzeit nur mit einer speziellen Technik nachweisen, die aber nicht allgemein verfügbar ist und zudem sehr aufwendig. Die Therapie besteht darin, im Rahmen einer Ernährungsberatung und nach Absprache mit dem Arzt oder der Ärztin für eine gewisse Zeit auf potenziell unverträgliche oder allergieauslösende Nahrungsmittel zu verzichten. Tritt eine deutliche Besserung ein, sollten Betroffene die Lebensmittel dauerhaft meiden.

Weizensensitivität: Was steckt dahinter?

Weitere Bestandteile glutenhaltiger Getreide können ein Leiden auslösen, bei dem sich Wissenschaftler allerdings weder über den Namen, die auslösenden Stoffe noch den krankmachenden Mechanismus einig sind: die Nicht-Zöliakie-Nicht-Allergie-Weizenunverträglichkeit. Auch als Nicht-Zöliakie-Glutenunverträglichkeit, Weizensensitivität oder ATI-Sensitivität bezeichnet.

"Bei keinem dieser Begriffe kann man derzeit sicher sagen, dass er richtig oder falsch ist", so Smollich. Fest steht nur, dass Betroffene keine Zöliakie haben, aber trotzdem auf den Verzehr von glutenhaltigem Getreide mit Beschwerden reagieren. Diese können sich auf den Verdauungstrakt konzentrieren, aber auch andere Körperregionen betreffen. Möglicherweise verbergen sich hinter der "Weizenunverträglichkeit" verschiedene Krankheitsbilder.

Vermutlich spielt nicht Gluten als Auslöser eine Rolle, sondern andere Weizeninhaltsstoffe. Im Fokus stehen derzeit die Fruktane und die Amylase-Trypsin-Inhibitoren (ATI). Fruktane sind längerkettige Zuckermoleküle, die in Weizen und vielen anderen Lebensmitteln vorkommen. Sie gehören zu den sogenannten FODMAPs: Fermentierende Oligo-, Di-, Monosaccharide und Polyole. Diese verschieden aufgebauten und unterschiedlich langen Zuckerarten werden normalerweise im Dünndarm zerlegt und vom Körper aufgenommen.

Bei einigen Menschen gelangen sie aber weitestgehend unverdaut in den Dickdarm und werden dort von Bakterien aufgespaltet. Dabei entstehen Gase, die zu Blähungen, Bauchschmerzen und anderen Reizdarmbeschwerden führen können. Das Ausmaß der Symptome hängt nicht selten davon ab, wie viele FODMAPs, und damit zum Beispiel auch Fruktane, in einer Mahlzeit enthalten sind.

Die ATI finden sich nur in glutenhaltigen Getreiden, das heißt in Weizen, Gerste und Roggen, aber auch in Dinkel, Grünkern, Emmer und Einkorn. Laut Schuppan, der auch auf diesem Gebiet forscht, aktivieren die ATI Entzündungszellen im Darm. "Dies geschieht bei allen Menschen, die Weizen konsumieren, führt aber meist zu keinen Problemen. Probleme bekommen Patienten mit chronischen Erkrankungen, die sich unter Weizenkonsum verschlechtern", erläutert der Experte. So zeigen Untersuchungen, dass bei einigen Menschen, die zum Beispiel an Rheuma, Multipler Sklerose, Typ 2-Diabetes oder Fettleber leiden, entzündliche Prozesse im Körper gefördert werden können.

"Das könnte auch die häufig außerhalb des Verdauungstrakts auftretenden Beschwerden erklären", meint Smollich. So reagieren manche Menschen nach dem Verzehr ATI-haltiger Getreide nicht unbedingt mit Bauchweh und Blähungen, sondern vielmehr mit Symptomen wie Kopfschmerzen, Muskelschmerzen, starker Erschöpfung oder depressiver Stimmung. Die Beschwerden können Stunden bis Tage nach dem Verzehr entsprechender Lebensmittel auftreten.

Es gibt bislang keine praxistauglichen Diagnosemethoden, die eine Unverträglichkeit auf Fruktane oder ATI sicher nachweisen könnte. Menschen, die Reizdarmbeschwerden haben, können in Absprache mit dem Arzt und zusammen mit einer Ernährungsfachkraft die sogenannte FODMAP-Diät ausprobieren. Dabei verzichten Betroffene für eine zeitlang auf FODMAP-haltige Lebensmittel, zu denen unter anderem auch Brot, Nudeln und Süßigkeiten aus glutenhaltigem Getreide gehören.

Studien der Universität Hohenheim zeigen zudem: Die Menge, der im herkömmlichen Brot enthaltenen Fruktane lässt sich durch eine lange Gehzeit des Teiges deutlich reduzieren. Eine Nachfrage beim Bäcker kann daher lohnen. "Bei industriell hergestelltem Brot gibt es diese langen Gehzeiten nicht, was wiederum die Verträglichkeit der Brote verschlechtern kann", erklärt Smollich.

Sind die Amylase-Trypsin-Inhibitoren die Verursacher der Weizenunverträglichkeit, ist es naheliegend, sich glutenarm zu ernähren. Auch hier gilt: Nicht auf eigene Faust machen, sondern zunächst mit dem Arzt darüber sprechen und erst andere mögliche Ursachen der Symptome ausschließen lassen.

Fazit

  • Es gibt vermutlich recht viele Menschen, die Weizen und/oder Gluten nicht vertragen
  • Die Zöliakie ist eine Autoimmunkrankheit, die durch das Weizeneiweiß Gluten hervorgerufen wird. Sie kann Magen-Darm-Beschwerden, aber auch zahlreiche andere Symptome auslösen. Ein Facharzt für Magen-Darm-Krankheiten – der Gastroenterologe – kann die Erkrankung normalerweise sicher feststellen. Betroffene müssen bislang lebenslang strikt Gluten meiden
  • Die klassische Weizenallergie wird durch eine IgE-vermittelte allergische Reaktion auf Bestandteile von Weizen verursacht. Es kommt zu typischen Allergiesymptomen, die unmittelbar nach Kontakt mit dem Getreide auftreten. Mit einem entsprechenden Test kann der Arzt diese Krankheit nachweisen. Allergiker müssen auf Weizen weitgehend verzichten
  • Daneben gibt es wohl eine atypische Weizenallergie, der ein anderer Krankheitsmechanismus als der klassischen Allergie zugrunde liegt. Hier bekommen die Patienten meist erst nach Stunden Bauchbeschwerden und andere Symptome
  • Die Weizensensitivität ist ein Leiden, hinter dem sich eventuell verschiedene Krankheiten verbergen. Als Auslöser der Beschwerden spielen vermutlich Fruktane und/oder Amylase-Trypsin-Inhibitoren eine Rolle, die im Körper unterschiedliche Reaktionen hervorrufen