Histaminunverträglichkeit: Was ist wirklich dran?

Manche Menschen reagieren auf histaminreiche Lebensmittel mit Beschwerden. Ob die Substanz wirklich der Auslöser ist, lässt sich allerdings schwer feststellen. Denn viele Faktoren spielen eine Rolle
von Ulrich Kraft, aktualisiert am 04.05.2017

Histaminreich: Wein, gereifter Käse, Salami, Schinken

Fotolia/Tesgro Tessieri

Ein Glas Rotwein, dazu ein gut gereifter Käse und vielleicht noch zwei, drei Scheiben Parmaschinken – das ist ein kulinarischer Klassiker. Dem Gros der Bevölkerung bereiten diese Nahrungsmittel, die größere Mengen an Histamin enthalten können, keinerlei Probleme. Doch manche Menschen reagieren auf den Verzehr mit Symptomen wie Hautrötungen, Nesselsucht, Bauchkrämpfe, Übelkeit und Kopfschmerzen. Möglicher Grund ist eine Histaminunverträglichkeit, von der etwa ein Prozent der Bundesbürger betroffen sein soll, größtenteils Frauen im mittleren Alter.

Umstrittenes Krankheitsbild

Professor Thomas Werfel hält diese Zahl für deutlich zu hoch gegriffen. "Die vermutete Histaminunverträglichkeit ist um ein Vielfaches häufiger als die, die tatsächlich objektiv nachgewiesen werden kann", sagt der stellvertretende Direktor der Klinik für Dermatologie, Allergologie und Venerologie der Medizinischen Hochschule Hannover. "Oft werden gesundheitliche Beschwerden, für die sich keine Ursache finden lässt, dem Histamin zugeschrieben." Da es kaum wissenschaftliche Daten gibt und eine eindeutige Diagnose nur schwer zu stellen ist, gilt das Krankheitsbild unter Experten als umstritten.

Unser Experte: Professor Thomas Werfel

W&B/Privat

Histamin wird im menschlichen Organismus aus der Aminosäure Histidin hergestellt und ist als Botenstoff an der Steuerung verschiedener Funktionen wie dem Schlaf-Wach-Rhythmus, der Appetitkontrolle oder der Magensaftsekretion beteiligt. Zudem spielt das biogene Amin eine wichtige Rolle bei allergischen Reaktionen und den damit einhergehenden Entzündungsprozessen. Histamin wird aber nicht nur vom Körper selbst produziert, sondern auch über viele Nahrungsmittel aufgenommen. Für den Abbau, der größtenteils bereits im Darm erfolgt, sind zwei Enzyme zuständig: Die Diaminoxidase (DAO) und in geringerem Umfang die Histamin-N-Methyltransferase (HNMT).

Viele Faktoren beeinflussen den Histaminhaushalt

"Wenn mehr Histamin anfällt als abgebaut werden kann, reagiert der Körper mit Beschwerden", sagt Werfel. "Treten diese Beschwerden in Zusammenhang mit von außen zugeführtem Histamin auf, spricht man von einer Histaminunverträglichkeit." Den häufig synonym verwendeten Begriff Histaminintoleranz vermeidet der Präsident der Deutschen Gesellschaft für Allergologie und klinische Immunologie (DGAKI) ganz bewusst. Denn er impliziert, dass, wie bei der Laktoseintoleranz, tatsächlich ein Enzymdefekt vorliegt. Für Histamin wird zwar seit Langem vermutet, dass ebenfalls ein Enzymmangel oder eine verminderte Aktivität dieser Enzyme die Ursache sein könnte. Belegen ließ sich dies in Studien bislang aber nicht.

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Darüber hinaus diskutieren Wissenschaftler, inwieweit verschiedene Einflussfaktoren den Histaminabbau verlangsamen können. Dazu gehören entzündliche Erkrankungen, bestimmte Hormone, übermäßiger Alkoholgenuss und eine Unterversorgung mit den Vitaminen B6 und C. Auch die Einnahme bestimmter Medikamente, darunter Schmerzmittel wie Acetylsalicylsäure oder Diclofenac sowie manche Antibiotika, können die Funktion der Diaminoxidase beeinträchtigen und dazu führen, dass der Histaminhaushalt ins Ungleichgewicht gerät. "Alles in allem liegen die Hintergründe der Histaminunverträglichkeit aber noch weitgehend im Dunkeln", bilanziert Werfel.

Anderweitige Ursachen abklären

Ähnlich schwierig wie die Suche nach den ursächlichen Mechanismen gestaltet sich die Diagnose. Ein Laborwert oder ein Test, mit dem sich die Krankheit zweifelsfrei feststellen lässt, existiert bis heute nicht. Analog zu anderen Nahrungsmittelunverträglichkeiten ist ein maßgebliches Kriterium, dass der Verzehr histaminhaltiger Speisen mit dem Auftreten von Symptomen zeitlich assoziiert ist. Plötzliche Gesichtsrötung (Flush), Juckreiz, Nesselsucht, Übelkeit, Erbrechen, Schwindel, Blutdruckabfall, Herzrasen, eine laufende oder verstopfte Nase, Atemprobleme, Stimmstörungen – die möglichen Beschwerden einer Histaminunverträglichkeit sind vielfältig und können auch durch andere Erkrankungen bedingt sein. Deshalb kann der Arzt die Diagnose erst stellen, nachdem er alle sonstigen Ursachen ausgeschlossen hat.

Steht fest, dass es sich um eine Unverträglichkeit auf Histamin handelt, sollten die Betroffenen ihre Ernährung – in Abstimmung mit dem Arzt – für eine gewisse Zeit auf eine gemüsebetonte Mischkost umstellen und histaminreiche Lebensmittel meiden. Dazu zählen zum Beispiel geräucherte Wurstwaren wie Salami oder Schinken, gereifter Käse, Schimmelkäse, Sauerkraut, Bier, Wein, Räucherlachs, Sekt und Fischkonserven.

Die Leitlinie empfiehlt eine histaminarme Diät für 10 bis 14 Tage, sagt Werfel. "Man kann das aber noch ein bisschen ausdehnen." Währenddessen wird den Betroffenen geraten, ein Ernährungs- und Symptomtagebuch zu führen. Ist diese Karenzzeit vorbei, sollten die verdächtigen Nahrungsmittel nach und nach wieder auf den Speiseplan gesetzt werden – um zu sehen, ob sie immer noch Beschwerden hervorrufen.

"Bei der Histaminunverträglichkeit handelt es sich oft um ein vorübergehendes Phänomen, das sich wieder verliert", stellt Werfel klar. Deshalb ist die Diagnose kein Grund, in übertriebenen Aktionismus zu verfallen oder zu befürchten, dass Rotwein und reifer Käse von da an ein Leben lang tabu bleiben. "Ruhig bleiben und schauen, wie es sich entwickelt", lautet dementsprechend Thomas Werfels abschließender Rat.


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