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Essen: Unverträglich – oder doch nicht?

Was darf noch auf dem Teller laden? Viele Menschen klagen über eine Unverträglichkeit spezieller Nahrungsmittel – die sie womöglich gar nicht haben. Ein Interview mit Ernährungsmediziner Dr. Gert Bischoff

von Sonja Gibis, 27.11.2019
Gedeck auf einem Tischset

Angst vor unverträglichem Essen: Manche Menschen verzichten deshalb auf immer mehr Lebensmittel


Milch, Weizen, Früchte: Die neuen Gefahren aus dem Supermarkt hatten früher in Sachen  Gesundheit ein gutes Image. Zunehmend mehr besorgte Verbraucher gehen heute aber auf Nummer sicher und verbannen diese angeblich heiklen Lebensmittel von ihrem Speiseplan. Oder sie greifen zu Produkten, die versprechen, frei von Gluten oder Laktose zu sein. Zu  Recht? Das beantwortet der Münchner Ernährungsmediziner Dr. Gert Bischoff im Interview.

Herr Dr. Bischoff, essen Sie noch Gluten?

(Lacht) Ja, natürlich. Jeder sollte Gluten essen, wenn er keine Zöliakie hat.  Das ist eine chronische Dünndarm-Erkrankung, an der etwa ein bis zwei Prozent der Deutschen leiden. Diese Patienten müssen in der Tat völlig auf Gluten verzichten. Darüber hinaus nimmt man heute an, dass es Menschen  gibt, die bestimmte Bestandteile des Weizens nicht so gut vertragen – allerdings gerade nicht das Gluten.

Dann ist glutenfrei nicht gesünder?

Im Gegenteil. Studien zeigen, dass Menschen, die sich unnötigerweise glutenfrei ernähren, meist ungesünder essen, mit weniger Ballaststoffen und mehr Fett. Mich  überrascht das nicht. Gluten, das man auch Klebereiweiß nennt, ist für  die  Herstellung  mancher Lebensmittel sinnvoll und wichtig, etwa damit das Brot zusammenhält. Wenn Sie das ersetzen, müssen Sie haufenweise  Lebensmittelchemie reinpacken. Sie essen dann hoch verarbeitete, stark veränderte Nahrungsmittel.

Und wie steht es mit der Milch?

Milch ist ein gesundes, hochwertiges Lebensmittel,  das  viele  wichtige  B-Vitamine enthält, die wir sonst mit der Ernährung nur wenig aufnehmen. Etwa  15  Prozent  der  Deutschen können die enthaltene Laktose, den  Milchzucker,  allerdings schlecht verdauen – und sollten reine Milch daher eher meiden. Vergorene  Milchprodukte wie Schnitt- und Hartkäse können sie problemlos essen.

Wenn man Freunde zum Essen ein lädt, hat man das Gefühl, dass fast jeder irgendetwas nicht verträgt.

Das klafft gesellschaftlich stark auseinander. Während die einen fast nur von Fertigprodukten leben, gibt es tatsächlich einen Teil der Bevölkerung, der sich extrem mit Ernährung befasst und das Thema überhöht. Gerade für solche  Menschen ist Essen eine Art soziales Tattoo geworden. Es ist schick, im Bio-Laden überteuertes Superfood zu kaufen und beim Essen zu sagen: ‚Ich vertrage keine Laktose‘ oder ‚Ich habe eine Histamin-Intoleranz‘. Das heißt: Ich achte auf mich und meine Ernährung. Und das stellt einen aus der Menge heraus.

Doch warum fixieren wir uns heute gerade so auf das Essen?

Wenn es einem nicht gut geht, möchte man gerne einen einfachen und behebbaren Grund haben. Das ist nur menschlich. Früher war man wetterfühlig, heute ist man eben ernährungssensibel. An diesem Trend haben die Medien sicher einen entscheidenden  Anteil. Jeden Tag hört und liest man etwas Neues darüber, welche Lebensmittel besonders gut oder böse sein sollen. Bücher wie "Weizenwampe" und "Dumm  wie  Brot"  wurden  zu  Bestsellern. Auch die Werbung hat gute Arbeit geleistet: So glaubt heute die Hälfte der Menschen, dass es generell gesünder ist, wenn man sich laktose- oder glutenfrei ernährt. Welche Lebensmittel besonders unter  Verdacht  stehen,  verläuft dabei in Wellenbewegungen.

Welche nimmt gerade Fahrt auf?

Der Hype um Gluten und Histamin ist nach meinem Gefühl etwas abgeebbt. Im Augenblick ist es eher die Fruktose, also der Fruchtzucker, der die Menschen umtreibt. Tatsächlich können etwa 10 bis 20 Prozent der Deutschen diesen Zucker schlecht aufnehmen. Sie leiden an  einer  Fruktose-Malabsorption. Geringe Mengen vertragen sie aber meist gut. Früher führte das eher selten zu Problemen. Doch heute steckt Fruchtzucker auch in vielen Getränken. Süßigkeiten und Jogurts werben mit "Fruchtsüße" oder "natursüß". Dabei ist Fruktose nicht gesünder als Kristallzucker.

Mehr und mehr Angebote versprechen Heilung durch richtige Ernährung...

Viele Patienten, die zu uns kommen, haben schon jede Menge ausprobiert, waren beim Heilpraktiker, beim Kinesiologen. Manche kommen mit ganzen Ordnern voller Testergebnisse. Beliebt ist zum Beispiel eine Analyse des Darm-Mikrobioms. Einige mikrobiologische Labors haben sich darauf spezialisiert. Man gibt eine Stuhlprobe ab und erhält dann eine Aufschlüsselung seiner Darmbakterien.  Oft  gleichzeitig im Angebot: teure Probiotika, die das Mikrobiom wieder ins Gleichgewicht bringen sollen. Einer meiner Patienten erzählte, dass er dafür insgesamt 2500 Euro bezahlt hat. Gebracht hat es nichts.

Aber sind Darmbakterien nicht überaus wichtig für die Gesundheit?

Das sind sie. Wir wissen heute auch, dass unser Mikrobiom nicht nur für die Darmgesundheit wichtig ist. Es beeinflusst Stoffwechselprozesse in unserem Körper: in der Leber, sogar im Gehirn. Allerdings haben wir die genauen Zusammenhänge noch längst nicht verstanden. Jeder Mensch hat ein anderes Mikrobiom. Bislang kann man keine Normwerte festlegen, was gesund ist oder ungesund. Und selbst wenn wir glauben, dass eine Zusammensetzung krankhaft ist, können wir nur in sehr seltenen Fällen gezielt mit bestimmten Probiotika eingreifen und sie verändern. Die Anbieter aber suggerieren das.

Gibt es Tests, die Patienten gefährden?

Wirklich ärgerlich sind Tests auf sogenannte IgG4-Antikörper, die leider noch immer vielfach angeboten werden. Die Patienten bekommen anschließend oft seitenlange Listen mit Lebensmitteln in die Hand gedrückt, die sie meiden sollen – von Hühnchen über Brokkoli bis zu Kartoffeln. Außer Reis und Wasser bleibt da oft kaum etwas übrig. Ich habe Patienten erlebt, die  waren  schwer  mangelernährt,  weil  sie  versucht  haben, sich an diese Vorgaben zu halten.

Was steckt denn hinter diesen IgG4-Antikörpern?

Wenn  unser  Immunsystem  Kontakt mit einem artfremden Eiweiß hat, dann produziert es in vielen Fällen Antikörper dagegen. Mit der Zeit lernt es aber, dass das Eiweiß harmlos ist und nicht abgewehrt werden muss – bei Nahrungsmitteln ist das nicht selten der Fall. Die IgG4-Antikörper bleiben dennoch erhalten: Sie gehören zum Immungedächtnis. Sie weisen aber nicht auf  eine  Unverträglichkeit  hin,  was  oft fälschlich behauptet wird. Nicht zu verwechseln sind sie mit den IgE-Antikörpern, die bei Allergietests bestimmt werden.

Was machen Sie mit den frustrierten Patienten?

Etwas, das oft keiner zuvor gemacht hat: erst mal länger mit ihnen reden. Natürlich muss man abklären, ob nichts Ernstes hinter den Beschwerden  steckt.  Wichtig  ist  dann eine ausführliche Ernährungsanamnese, in der sie zum Beispiel Protokoll über die Lebensmittel führen, die sie essen, und eine professionelle  Ernährungsberatung.  Das ist durchaus zeitaufwendig.

Und wenn eine Unverträglichkeit vorliegt?

Weist ein Atemtest darauf hin, sollte der Patient den Stoff vier Wochen lang komplett meiden. Danach führt man ihn schrittweise wieder in die Ernährung ein – bis zur Toleranzschwelle. Gerade bei Laktose und Fruktose wissen wir: Meidet man den Stoff längerfristig komplett, verträgt man ihn mit der Zeit immer schlechter.  Viele machen den Fehler. Und reagieren schon besorgt, wenn  auf  einer  Pillenpackung "Laktose" steht. Doch derart geringe Mengen sind kein Problem.