Darminfarkt: Gefährlich und oft zu spät entdeckt

Wie beim Herzinfarkt ist auch beim Darminfarkt meist ein Blutgefäß verschlossen. Schnelles Handeln wäre wichtig, doch die Anzeichen werden oft falsch gedeutet

von Gerlinde Gukelberger-Felix, aktualisiert am 17.01.2017

Sofort ins Krankenhaus: Bei einem Darminfarkt ist schnelles Handeln lebenswichtig


Heftige, diffuse und krampfartige Bauchschmerzen, mitunter kombiniert mit blutigen Durchfällen – wer denkt da an einen Darminfarkt? "Das sollte jeder tun und so schnell wie möglich ein Krankenhaus aufsuchen. Denn nur eine frühe Diagnose kann das Überleben sichern", sagt der Chirurg Professor Tobias Keck, Direktor der Klinik für Allgemeine Chirurgie am Campus Lübeck des Universitätsklinikums Schleswig-Holstein. 

Das rettende Zeitfenster wird beim Darminfarkt leicht verpasst

Häufig hapert es an der frühen Diagnose – weil Betroffene zu lange zögern, ärztliche Hilfe in Anspruch zu nehmen oder weil Ärzte nicht sofort an die Möglichkeit eines Darminfarktes denken. Daher ist die Sterblichkeit hoch.

Zumeist sind Menschen über 65 Jahre betroffen. Zwei bis vier pro 100.000 Bürger jährlich erleiden einen Darminfarkt. Es kommt dabei zu dem Verschluss eines Blutgefäßes im Darm, ähnlich wie beim Herzinfarkt, bei dem ein Gefäß verschlossen ist, welches das Herz versorgt. Meistens tritt der Darminfarkt in einem Blutgefäß im Dünndarm auf.

Symptome eines Darminfarkts sind unspezifisch

Die Symptome sind sehr unspezifisch. Neben Übelkeit, Erbrechen und geblähtem Darm zählen vor allem plötzliche starke Bauchschmerzen zu den Hauptbeschwerden, die manche Patienten von der Intensität her wie Messerstiche beschreiben. "Diffuse Bauchschmerzen können genauso gut durch einen Darminfekt und eine entzündliche Erkrankung des Magen-Darm-Traktes, eine sogenannte Gastroenteritis, verursacht sein", sagt Tobias Keck. Auch müssten beispielsweise eine Gallenblasen- und Blinddarmentzündung ausgeschlossen werden.

Die krampfartigen Bauchschmerzen verlaufen beim Darminfarkt wellenartig: Erst sind sie heftig, dann werden sie viel schwächer, um anschließend umso stärker zurückzukommen, weil das Dünndarmgewebe minderdurchblutet ist und die Zellen zu wenig Sauerstoff bekommen, was weh tut. Dem Betroffenen geht es zusehends schlechter.

Trügerische Ruhephase

Dann folgt der sogenannte "faule Friede", die symptomfreie Latenzphase, in welcher der Betroffene eine scheinbare Verbesserung verspürt. Aber Darmgewebe und Nervenfasern sind stark geschädigt oder bereits abgestorben. Bereits zwei Stunden nach dem Infarkt beginnt der Gewebsuntergang, die sogenannte Nekrose. Schließlich treten erneut Schmerzen auf, weil Bakterien durch die beschädigte Darmwand in den Bauchraum gelangen und eine Bauchfellentzündung verursachen. "Ist dies der Fall, ist es sehr schwer, die Patienten noch zu retten", sagt Keck. Die innere Vergiftung kann einen lebensbedrohlichen Schock mit Kreislaufversagen auslösen.

Zwischen der ersten Schmerzwelle und dem kompletten Absterben von Dünndarmgewebe liegen nur in etwa sechs Stunden. "Wer in diesen sechs Stunden ins Krankenhaus geht, kann, sofern gleich die richtige Diagnose gestellt wird, unter Umständen gerettet werden", so der Experte.

Mögliche Ursachen und Risikofaktoren

Vor allem Vorgänge, die auch andere Blutgefäße im Körper schädigen können, erhöhen das Risiko für einen Darminfarkt. Deshalb haben die Betroffenen oft auch eine Erkrankung der Herzkranzgefäße. Folgende Umstände können beispielsweise zu einem Darminfarkt führen:

  • Vorhofflimmern verursacht unregelmäßigen Herzschlag. Dadurch bilden sich Wirbel im Blutfluss und kleine Blutpfropfen können im Herz entstehen. Gelangen diese Pfropfen über die Blutbahn in die Darmgefäße, bleiben sie dort in einem Blutgefäß hängen und verstopfen es: Gefäßverschluss durch eine Embolie. In ungefähr 85 Prozent der Fälle trifft es die obere Mesenterialarterie, die als Hauptgefäß den Dünndarm mit sauerstoffreichem Blut versorgt. Das Mesenterium ist eine Falte des Bauchfells und verbindet den Dünndarm mit der hinteren Bauchwand. Es enthält die Blutgefäße und Nerven, die den Dünndarm versorgen. Mediziner sprechen deshalb auch von einem Mesenterialinfarkt.
  • Arteriosklerotische Ablagerungen können nach und nach den Durchmesser eines Blutgefäßes verkleinern, bis es an einer Stelle fast ganz verschlossen ist. Nachfolgende kaum durchblutete Gewebebereiche werden zunehmend geschädigt. Wenn Darmgefäße davon betroffen sind, spricht man von der Arteriellen Verschlusskrankheit (aVK) des Darms.
  • Wenn die Pumpleistung des Herzens beispielsweise nach einem früheren Herzinfarkt stark nachgelassen hat, gelangt zu wenig Blut in den Darm. Dann wird das Darmgewebe unzureichend mit Sauerstoff versorgt.
  • Wenn das Blut verstärkt dazu neigt zu gerinnen, bilden sich leicht Verschlüsse in einer Darm-Vene. Das Blut kann nicht abfließen, sodass es sich staut und unter Umständen größere Gewebebereiche nicht mehr ausreichend versorgt werden.

"Wenn man sich die möglichen Ursachen anschaut, wird deutlich, dass unbehandeltes Vorhofflimmern, Fettleibigkeit, Bluthochdruck, Herzinfarkt und eine erhöhte Blutgerinnungsneigung Risikofaktoren für einen Darminfarkt darstellen", sagt Keck. Auch Rauchen, ungünstige Blutfettwerte und eine schlecht eingestellte Zuckerkrankheit erhöhen die Gefahr.

Untersuchungen bei Darminfarkt und Vorstufen

Wer schon älter ist, einen oder mehrere der genannten Risikofaktoren hat und im Zusammenhang mit der Nahrungsaufnahme immer wieder Bauchschmerzen bekommt, sollte hellhörig werden. Denn dann könnte bei ihm bereits eine arterielle Verschlusskrankheit des Darms vorliegen. Typisch ist auch ein ungewollter Gewichtsverlust, weil der Betroffene die Schmerzen vermeiden will und den Appetit verliert.

"Treten bei dieser Person heftige Bauchschmerzen auf, könnte dies ein Darminfarkt sein. Eine Computertomografie (CT) macht Gefäßverschlüsse sichtbar und zeigt, wie fortgeschritten der Infarkt ist", erläutert Keck. Andere bildgebende Verfahren wie Ultraschall und Magnetresonanztomografie (MRT) können ebenfalls hilfreich sein. Außerdem entsteht aufgrund des Sauerstoffmangels als Stoffwechselprodukt Milchsäure (Laktat), die im Blut messbar ist. Auch andere Blutwerte wie Amylase, Laktatdehydrogenase (LDH), alkalische Phosphatase und weiße Blutkörperchen (Leukozyten) steigen oft an.

Die Behandlung eines Darminfarkts

Etwaige Blutpfropfen werden mittels Operation und eines eingeführten Katheters geborgen. Abgestorbenes Darmgewebe entfernt der Chirurg und legt gegebenenfalls einen künstlichen Darmausgang an. Darüber hinaus sollen nach der Operation Medikamente bestehende Gerinnsel auflösen, neue verhindern und außerdem die Blutgefäße weitstellen.