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Abnehmen durch Einnahme von Bakterien?

Der Keim Akkermansia Muciniphila hilft in Studien beim Abnehmen. Ein Zaubermittel ist er aber nicht. Experten erklären, weshalb man trotzdem auf eine ausgewogene Ernährung nicht verzichten sollte

von Konstanze Fassbinder, 19.12.2019

Im Darm leben viele verschiedene Mikroorganismen, darunter Akkermansia­-Muciniphila. Bestandteile des Bakteriums könnten sich bei Übergewicht günstig auswirken (auf den Playbutton in der Mitte des Bildes tippen, damit der Artikel vorgelesen wird)


Ein Burger mit doppelt Fleisch, dazu Pommes, Ketchup und Mayo, das Ganze heruntergespült mit einem halben Liter Cola und einer kleinen Ta­blette: Wie angenehm wäre es, wenn man ständig essen könnte, worauf man Lust hat. Und nicht zu­, sondern sogar abnehmen würde – einfach die entsprechende Pille hinterhergeworfen! Die Zahl der krankhaft Fettleibigen würde zurückgehen, viele lebensbedrohliche Folgeerkrankungen könnten vermieden werden.

Belgische Forscher sorgten kürzlich für Aufsehen, als sie mit einem Experiment genau dieses Ziel in greifbare Nähe rückten. "Das Ergebnis war überraschend", sagt Professor Martin Smollich vom Institut für Ernährungsmedizin am Universitätsklinikum Schleswig­-Holstein. Die Wissenschaftler hatten 40 übergewichtige bis fettleibige Versuchsteilnehmer untersucht, die mindestens drei von fünf Kriterien des Metabolischen Syndroms erfüllten, das meist durch falsche Ernährung verursacht wird: schlechte Blutfettwerte, erhöhter Blutzuckerspiegel, Insulinresistenz, Bluthochdruck und Fettleibigkeit.

Keime beeinflussen Gesundheit

Über drei Monate nahmen die Probanden täglich ein bestimmtes Präparat ein, gleichzeitig sollten sie aber nicht mehr sporteln oder weniger essen als sonst. Bei einem Teil der Teilnehmer zeigten sich tatsächlich Verbesserungen, schreiben die Forscher im Fachblatt Nature  Medicine: Sie nahmen über zwei Kilogramm ab und verloren Hüftfett. Die Insulinkonzen tration in ihrem Blut sank auf zwei Drittel des vorherigen Werts, auch das Gesamtcholesterin und die Entzündungswerte in Blut und Leber verbesserten sich. Nebenwirkungen gab es keine.

Das Präparat, das die Versuchs­personen erhalten hatten, war ein Probiotikum mit pasteurisierten Akkermansia­-Muciniphila­-Bakterien. Das Bakterium kommt natürlicher­weise in unserem Körper vor. Es lebt in der Schleimschicht auf den Darmzellen und macht bis zu fünf Prozent unseres Darm­-Mikrobioms aus. Erst Anfang der 2000er­Jahre wur­de Akkermansia Muciniphila entdeckt. Seither wird das Bakterium intensiv erforscht – genauso wie die gesamte Mikrobenwelt des Darms.

Denn längst ist klar: Deren Zusammensetzung aus Milliarden Mikro­organismen ist entscheidend für unsere Gesundheit. Forscher sehen in der Darmflora einen möglichen Auslöser für Übergewicht, aber auch für Arterioskle­rose, Diabetes oder Demenz. Sogar unsere Emotionen könnten vonden Bakterien mitgesteuert werden.

Die Hoffnung: Ein großer Schritt, um die Gesundheit des Einzelnen zu verbessern, wäre erreicht, wenn man sämtliche Keime im Darm identifizieren würde. Dann könnte man ana­lysieren, wie sie funktionieren und zusammenwirken.

Schutz für die Zotten

Vom Bakterium Akkermansia Muciniphila weiß man beispielsweise, dass es für die Darmschleimhaut eine wichtige Rolle spielt. 2017 zeigte etwa eine Studie, dass Menschen mit chronisch­entzündlichen Darmerkrankungen wie Colitis Ulcerosa sowie Stoffwechselstörungen in ihrem Darm weniger von diesen Bakterien haben als Gesunde. Forscher vermuten, dass Akkermansia die Schleimschicht auf den Darmzotten stärkt und so Darm­wand und Körper vor eindringenden Entzündungserregern schützt.

Intakte und gestörte Darmbarriere

Simple Lösung nicht in Sicht

Sollten also einfach alle Menschen prophylaktisch Akkermansia in Form probiotischer Joghurts oder Kapseln zu sich nehmen? Oder die Bakterien durch Präbiotika stärken, also durch Nahrung, die die Mikroorganismen gezielt anfüttert? "Nein", lautet die Antwort von Ernährungsforscher Martin Smollich. "Denn andere Studien zeigen, dass auch zu viele Akkermansia­-Bakterien im Darm vermutlich nicht gesundheitsförderlich sind." Dann verkehrt sich ihre stär­kende Wirkung ins Gegenteil und sie bauen die Schleimschicht ab. Infolgedessen gelangen Erreger leichter über die Darmzellen ins Blut und lösen Entzündungen aus. Im Darm von MS­-Patienten etwa leben überdurchschnittlich viele Akkermansia.

Dass es einfache Lösungen in Sachen Mikrobiom und Ernährung nicht gibt, zeigt ein weiterer Aspekt: In der eingangs genannten Studie waren positive Effekte nur bei den Patienten messbar, die Präparate mit pasteurisierten, also abgetöteten, Akkermansia bekommen hatten. Leben­de hatten keine Wirkung. "Frühere Studien weisen darauf hin, dass beim Pasteurisieren Eiweiß­bestandteile aus den Zellmembranen der Bakterien bestehen bleiben", erklärt Smollich. "Eines dieser Eiweiße scheint eine positive Wirkung auf das Immunsystem des Darms zu haben."

Wie sich die Einnahme abgetöteter Akkermansia­Bakterien langfristig auswirkt, müsse aber noch vielgenauer und mit deutlich mehr Teilnehmern untersucht werden. "Grundsätzlich ist es schwierig zu verstehen, wie ein Bakterium so viele Funktionen haben kann, die so schwer unter einen Hut zu bringen sind", gibt auch Professor Till Strowig zu bedenken. Er erforscht am Helmholtz­-Zentrum für Infektionsforschung in Braunschweig, wie Darmkeime und Immunsystem zusammenhängen. "Zudem ist jedes Mikrobiom hochindividuell zusammengesetzt. Egal ob Prä­ oder Probiotikum – ein Mittel wird höchstwahrscheinlich immer nur bei einem Teil der Bevölkerung funktionieren."

Die Ernährung bleibt essenziell

Selbst wenn sich die erstaunlich vielversprechenden Effekte abgetöteter Akkermansia­Bakterien aus der Stu­die verallgemeinern lassen sollten, hält Dr. Siegfried Ussar vom Institut für Diabetes und Adipositas am Helmholtz-­Zentrum München eines für viel wichtiger: "Gute Bakterien mit positiven Auswirkungen verwerten immer die Nahrungsbestandteile, die mit gesunder Ernährung einhergehen."

Wer also seine Darmfunktion und seinen Stoffwechsel stärken will, sollte auf eine ballaststoffreiche Ernährung mit reichlich Gemüse und Obst achten. "Wenn ich die ganze Zeit Burger mit Pommes esse, finden positiv wirkende Bakterien nicht die Nahrung, die sie brauchen." Statt zur Zauberpille rät er deshalb erst einmal zur guten alten Ernährungsumstellung. "Sonst wird gesundes, langfristiges Abnehmen nicht funktionieren."