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„Wir nehmen die Herausforderung an“

Klinikärzte und Pflegekräfte rüsten sich gegen das Coronavirus. Was passiert im Augenblick auf den Stationen? Ein Insider berichtet

von Uwe Herzog, 25.03.2020
Arzt

Corona-Epidemie: Die Klinikärzte warten auf die vorausgesagte Welle an schwerkranken Patienten


Noch herrscht Ruhe vor dem Sturm in den meisten Kliniken. Doch die Deutsche Gesellschaft für Intensivmedizin rechnet bereits in wenigen Tagen mit einer größeren Welle von schwerkranken Corona-Patienten. Im Gespräch mit der Apotheken Umschau erzählt der stellvertretende Leiter des Pflegeteams der Infektionsstation an der Uniklinik Düsseldorf, Thomas Alipass, vom Alltag auf der Station.

Herr Alipass, was hat sich seit Ausbruch der Corona-Pandemie bei Ihnen im Pflegeteam verändert?

Wir sind auf unserer Station, der MX Eins, auf schwere Infektionskrankheiten spezialisiert. Bisher hatten wir vor allem Tuberkulosefälle, Tropenkranke und HIV-Patienten. Ein Teil der Patientenzimmer ist mit Unterdruck ausgestattet, damit die Viren hochinfektiöser Krankheiten wie zum Beispiel Ebola nicht entweichen können. Aber alle Patienten, die früher hier behandelt wurden, sind bereits vor Wochen auf andere Stationen verlegt worden. Wir pflegen hier jetzt nur noch Corona-Patienten.

Wie viele Betten stehen bei Ihnen zur Verfügung?

Auf unserer Station sind es vierzehn. Zehn davon sind bereits belegt. Zusätzlich gibt es in der Uniklinik noch Intensivstationen, mit denen wir sehr eng zusammenarbeiten. Dort müssen bereits Corona-Patienten beatmet werden. Dann die Normalpflegestationen, wo in gesonderten Bereichen weniger schwer am Virus Erkrankte gepflegt werden können. Und eine Art Auffangstation, die neue Patienten auf die anderen Stationen verteilt. Bei jeder Neuaufnahme wird zunächst festgestellt, ob sich der Patient tatsächlich mit dem Coronavirus infiziert hat oder ob er mit einer normalen Grippe zu uns kommt.

Machen Ihnen die Bilder aus Italien Sorgen?

So schlimm wie in Italien ist es bei uns zum Glück noch lange nicht! Aber man muss natürlich auf alles gefasst sein. Vor allem kommt es auf eine gute Planung an. Die ist hier bei uns in der Klinik wirklich vorbildlich. Anders als manch anderes Krankenhaus haben wir uns sehr frühzeitig ein Lager mit Schutzkleidung angelegt. Dadurch sind wir in der glücklichen Lage, dass wir uns darüber erstmal keine Sorgen zu machen brauchen. Eine Arbeitsgruppe bei uns kümmert sich darum, wo eventuell noch Bettplätze geschaffen werden können. Oder wie zusätzliches Personal rekrutiert werden kann. Jeden Tag verändert sich die Lage.

Viele Menschen erleben die Corona-Pandemie als Schock. Wie geht es Ihnen dabei?

Die aktuelle Situation erinnert mich an die Zeit, als AIDS ein ganz großes Thema war – wenngleich das HI-Virus natürlich nicht so leicht übertragen wird wie das Coronavirus. Damals gab es auch auf einen Schlag sehr viele Patienten mit einer ebenfalls nahezu unbekannten Erkrankung und wir mussten zusehen, wie wir am besten damit umgehen. Inzwischen gibt es deutlich weniger HIV-Patienten, weil die Leute vorsichtiger geworden sind und weil die Krankheit heute in vielen Fällen therapierbar ist. Auch die Ansteckung mit dem Coronavirus ist ja zum Glück nur in seltenen Fällen ein "Todesurteil". Die allermeisten Patienten überstehen das. Auf unserer Station konnten schon einige Patienten wieder entlassen werden. Das macht uns Hoffnung, auch mit einem größeren Ansturm fertig zu werden.

Können die Geheilten einfach nach Hause gehen?

Wer nach zwei negativen Abstrichen aus der Klinik entlassen werden kann, wird zunächst nach Hause in Quarantäne geschickt und dann erstmal noch weiter vom Gesundheitsamt betreut. Andere, zum Teil hoch ansteckende Patienten, müssen allerdings länger auf der Station bleiben.

Wie groß ist für Sie die Gefahr, sich selbst anzustecken?

Wir auf der Spezialstation für schwere Infektionskrankheiten werden regelmäßig von unserem Koordinator geschult. Durch AIDS oder auch durch die SARS-Erkrankungen, die 2003 auftraten, sind wir es bereits gewohnt, uns bestmöglich vor Ansteckungen zu schützen. Wir tragen wasserabweisende Kittel, Handschuhe mit langem Schaft, der über die Ärmelenden des Kittels gezogen wird. Dazu eine Haube, eine Schutzbrille sowie einen Mundschutz der höchsten Sicherheitsstufe FFP drei. Wenn wir sehr nah am Patienten arbeiten, wenn er zum Beispiel inhaliert oder wir Sekret absaugen, schützen wir zusätzlich unser Gesicht mit einem Visier aus durchsichtigem Kunststoff.

Wie erleben die Patienten selbst ihre Erkrankung durch Covid-19?

Am schlimmsten ist für die Patienten, dass sie den ganzen Tag allein sein müssen und keinen Besuch empfangen dürfen. Durch die lange Isolation werden viele sehr ängstlich und wir versuchen dann, sie so gut wie möglich zu beruhigen. Die einzige Ablenkung bietet das Fernsehen oder kurze Gespräche mit der Familie über das Handy.

Gab es auf Ihrer Station bereits Todesfälle?

Nein, zum Glück noch nicht. Aber manchmal klagen Patienten über Atemnot und drücken den Notknopf. Dann muss es natürlich schnell gehen. Ich versuche, die Patienten dann zu beruhigen und zu erklären, warum ich nicht aus dem Stand heraus bei ihnen sein kann. Ich muss ja immer erst noch die komplette Schutzausrüstung anlegen, bevor ich das Zimmer betreten kann.

Wie lange dauert das normalerweise?

Ungefähr vier Minuten. Wir versuchen ständig, schneller zu werden, alle Abläufe noch einfacher zu machen, noch klarer, noch besser. Wichtig ist vor allem, die Patienten in die Arbeitsabläufe mit einzubeziehen und sie ihnen ausführlich zu erklären. Ohne ein aktives Teamwork mit den Patienten sind die extremen Sicherheitsbedingungen nicht zu bewerkstelligen.

Überstunden und Sonderschichten sind in den Krankenhäusern vorprogrammiert. Wann wird es Zeit, die Reißleine zu ziehen?

Wenn man anfängt, wegen Ermüdung Fehler zu machen. Denn Fehler, besonders beim Hygieneschutz, können wir uns nicht leisten. Ich hätte neulich zum Beispiel nach acht, neun Stunden in der Schicht beinahe vergessen, die Schutzbrille aufzuziehen, weil ich schnell zu einem Patienten wollte, der geklingelt hat. Da merkt man: Jetzt brauchst du Pause!

Wie kommt Ihre Familie damit klar, dass Sie einen so stressigen und auch gefährlichen Job haben?

Meiner Frau muss ich das nicht erklären, sie war früher selbst Krankenschwester und wir haben beide die harte Zeit mit AIDS-Patienten kennengelernt. Damals mussten wir uns die Hygienemaßnahmen auch erst erarbeiten. Es gab bis dahin nur wenige Schutzvorkehrungen. Zum Beispiel auch noch keine Sicherheitskanülen. Wir sind deshalb mit dem Thema Sicherheit und Hygiene gut vertraut und fürchten uns nicht. Das gilt auch für unser Team hier auf der MX Eins. Viele von uns sind schon mehr als zwanzig Jahre dabei. Das gibt uns eine gewisse Gelassenheit.

Einige Bundesländer denken darüber nach, Medizinstudenten als Hilfspflegekräfte einzusetzen. Halten Sie das für eine gute Idee?

Im Moment besteht bei uns auf der Infektologie noch kein Bedarf für den Einsatz externer Hilfskräfte. Aber grundsätzlich halte ich das für eine gute Idee, bevor das ganze System eines Tages wegen Corona zusammenbricht. Es lohnt sich, früh darüber nachzudenken, wer uns unterstützen könnte. Zum Beispiel auch Sanitäter von der Bundeswehr. Es gibt viele Aufgaben, die uns abgenommen werden könnten, bei denen man nicht unbedingt Profi sein muss.

Was sagen Sie zu den Coronapartys, die vielerorts selbst dann noch gefeiert wurden als die Pandemie Deutschland längst erreicht hatte?

Das war für mich nur schwer auszuhalten. Wenn man gesehen hat, wie die Menschen in der Stadt oder auch beim Waldspaziergang in Riesenansammlungen dicht an dicht aufeinandertrafen. Die Jugendlichen, die in ihren Cliquen zusammensaßen, weil sie nicht wussten, was sie mit ihrer Zeit anfangen sollen. Bis hin zu den sogenannten Coronapartys. Also, viele hatten zu Beginn der Pandemie gar nicht realisiert, was los ist, obwohl sie dafür nur das Fernsehen hätten einschalten brauchen. Das war angesichts der Welle, die da auf uns zukommt, total enttäuschend.

Drücken die hohen Anforderungen an die Pflegeteams auf Ihre Motivation?

Thomas Alipass: Nein, gar nicht. Für mich war mein Beruf immer schön und wichtig. Und es tut natürlich gut, wenn auch andere uns jetzt stärker wahrnehmen und es etwas mehr Anerkennung für unsere Arbeit in der Bevölkerung gibt. Also, es ist sicherlich keine geringe Herausforderung. Aber wir nehmen sie gerne an!