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"Wir müssen noch ein bisschen durchhalten!"

Viele Beschränkungen bleiben vorerst bestehen. Epidemiologin Eva Grill vom IBE der Ludwig-Maximilians-Universität München erklärt, warum es Sinn macht, die Kontaktbeschränkungen weiter aufrecht zu erhalten

von Ute Wild, 16.04.2020

Eva Grill hat eine Professur für Epidemiologie inne am Institut für medizinische Informationsverarbeitung, Biometrie und Epidemiologie (IBE) der LMU München. Wir haben sie interviewt:

Sie sind ursprünglich Apothekerin. Was hat Sie an Epidemiologie so fasziniert, dass Sie sich damit wissenschaftlich befassen?

Die Epidemiologie beschäftigt sich ja mit der Verbreitung, den Ursachen und Folgen von gesundheitsbezogenen Situationen und Ereignissen in der Bevölkerung. Als Apothekerin war ich in der Pharmaindustrie tätig. Bereits damals interessierte mich vor allem das Wissen, wie Menschen gesund bleiben.

Es war dann ein logischer Schritt, Public Health und Epidemiologie zu studieren. Dabei habe ich auch meine Liebe zu Zahlen entdeckt. Es ist einfach spannend, zu erforschen, was uns gesund hält. Wenn wir die Ursachen von Krankheiten kennen, können wir sie eindämmen und meist verhindern.

Hat das Virus Ihre Tätigkeit verändert?

Seit Anfang des Jahres leite ich als Präsidentin die Deutsche Gesellschaft für Epidemiologie, kurz DGepi. Natürlich dreht sich im Moment alles um das neue Corona-Virus. Ich habe früher bei Vorlesungen gern ein Bild von Dustin Hoffmann aus dem Film "Outbreak" gezeigt und erzählt, dass Epidemiologen überwiegend die großen Volkskrankheiten erforschen, etwa Herzerkrankungen und Diabetes. Jetzt hat sich die Welt in kürzester Zeit so stark verändert. Das ist natürlich wissenschaftlich spannend, verlangt uns aber auch viel ab.

Expertin Frau Prof. Grill

Woran forschen Sie derzeit?

Mitte März haben wir die Idee durchgespielt, was passieren würde, wenn keine Maßnahmen gegen Corona getroffen würden. Unser Modell zeigte: Bei dem zu erwartenden exponentiellen Wachstum der Infektionen hätte es in Deutschland viele schwere Krankheitsverläufe und Opfer gegeben. Das hätte die Grenzen unseres Gesundheitssystems völlig gesprengt.

Im Prinzip kamen viele Wissenschaftler in Deutschland und weltweit zu ähnlichen Ergebnissen – und unsere Empfehlungen wurden jetzt bestätigt. Jetzt sind zum Beispiel durch die getroffenen Maßnahmen rund 3000 Intensivbetten mit Covid-19-Patienten belegt. Mit dieser Zahl kommt unser Gesundheitssystem noch gut klar. Das zeigt: Die Corona-Strategie der Regierung war bis jetzt erfolgreich.

Außerdem sammeln Kollegen Patientendaten. Das ist wichtig für die Nachverfolgung der Fälle und für die Entwicklung einer Tracking-App. Die Daten liefern wertvolle Erkenntnisse, wie es weitergehen kann. So können wir neue Szenarien entwerfen, Alternativen durchspielen und Modelle dazu entwickeln, was dann passiert.

Seit Kurzem gibt es das Kompetenznetz Public Health zu COVID-19. Was kann man sich darunter vorstellen?

Um die mittel- und langfristigen Konsequenzen des Corona-Ausnahmezustands zu ermitteln, haben sich viele wissenschaftliche Fachgesellschaften zum Kompetenznetz Public Health zusammengeschlossen. Ziel ist, die epidemiologisch-statistische, sozialwissenschaftliche, (bevölkerungs-) medizinische und methodische Fachkenntnis zu bündeln.

Beteiligt sind inzwischen rund 1000 internationale Wissenschaftler aus den unterschiedlichsten Bereichen: Epidemiologie, Statistik, Informatik, Soziologie, Psychologie... Wir machen uns zum Beispiel darüber Gedanken, was mit älteren Menschen passiert, die isoliert sind.

Themen, die man im Blick haben muss, sind auch häusliche Gewalt, Menschen mit seelischen Problemen, Familien mit kleinem Einkommen, sowie die Frage: Was ist mit den anderen ernsten Erkrankungen? Wie werden diese Patienten versorgt? Wir beraten unter anderem Kliniken, etwa was die Bedarfsplanung auf den Intensivstationen betrifft.

Die Bundeskanzlerin Angela Merkel hat mit den Ministerpräsidenten der Bundesländer beschlossen, dass Kontakt- und Versammlungsverbote noch bis in den Mai aufrecht erhalten werden sollen. Ist das wirklich notwendig?

Erst mal: Wir sprechen lediglich von weiteren 14 Tagen. Die Entscheidung ist richtig. Denn wir sind gerade an einem wichtigen Punkt. Wir sehen den Erfolg der Maßnahmen. Es wäre absolut falsch gewesen, diese jetzt zu stark zu lockern. Noch gibt es zu viele Neuerkrankungen. Wir müssen an den Punkt kommen, dass jede infizierte Person nachverfolgt werden kann.

Wie kann das erreicht werden?

Optimal wäre, jeden testen zu können, der Symptome zeigt und die Infektionskette dann nachzuvollziehen. Das ist wichtig, um Infektionsherde einzudämmen. Wenn wir so weit sind, kann sich die Gesellschaft ein weiteres Stück öffnen. Das hängt auch mit der Kapazität der Gesundheitsämter zusammen, die eine wirklich gute Arbeit machen. Wir alle müssen einfach weiter durchhalten und zusammenhalten!

Die meisten Bundesländer lockern ihre Corona-Maßnahmen und wollen Geschäfte und Schulen demnächst wieder öffnen. Bayern will damit noch etwas länger warten und hat strengere Auflagen im Sinn. Was halten Sie von der bayerischen Extrawurst?

Das Föderalismus-Prinzip in Deutschland macht gerade jetzt in der Krise Sinn. Denn in den Bundesländern herrschen völlig unterschiedliche Situationen. Die Infektionsrate unterscheidet sich regional stark. Darauf müssen die Länderchefs und -chefinnen Rücksicht nehmen.

Außerdem muss gewährleistet sein, dass die Gesundheitsämter und Kliniken leistungsfähig bleiben. Die jetzt getroffenen Entscheidungen sind meiner Meinung nach richtig und zielführend. 

Wenn Schulen und Universitäten öffnen ­– gehen dann nicht unweigerlich die Infektionszahlen wieder hoch?

Es ist unbestritten, dass die Schulschließungen eine wichtige und richtige Maßnahme waren. Andererseits haben Abiturkandidaten ein Recht darauf, ihre Prüfung zu absolvieren. Und auch die Übertrittsklassen der Grundschulen und andere Abschlussklassen wollen fertig werden. Es ist gut, dass die Kultusminister jetzt entsprechend der regionalen Anforderungen Pläne entwickeln.

Kitas bleiben dagegen vorerst grundsätzlich geschlossen. Für Eltern, die jüngere Kinder zuhause betreuen müssen und gleichzeitig im Homeoffice arbeiten birgt das natürlich Konflikte.

Ich besitze ein großes Vertrauen in unsere Gesellschaft, dass wir das schaffen! Wir haben schon gezeigt, dass wir zusammenhalten: Wir sind robust und halten das jetzt auch noch aus! Natürlich ist es etwas deprimierend, dass es keine mittelfristige Lösung gibt. Wir müssen uns darauf einstellen, dass wir aufpassen müssen, vorsichtig sind und Pläne, die noch vor kurzem selbstverständlich waren, erst mal warten müssen.

Apropos Pläne: Gerade ist Ostern vorbei, die Pfingstferien stehen vor der Tür: Doch weiter gilt die weltweite Reisewarnung sowie die Aufforderung, auf private Reisen auch im Inland zu verzichten. Ab wann können wir wieder Urlaub buchen?

Ich vermute, dass wir im Sommer wieder innerhalb Deutschlands verreisen können. Doch ob es sinnvoll ist, wenn sich dann alle an der Ostsee tummeln?

Und was ist mit Auslandsreisen?

Ob und wann Reisen ins Ausland wieder möglich sind, hängt ja nicht nur von uns ab. Was Fernreisen betrifft: Wohin würden Sie denn jetzt gerne reisen? In anderen Ländern ist die Testkapazität oft viel geringer als bei uns. Das bedeutet: Es gibt mehr unentdeckte Fälle. Viele Länder stehen jetzt eher am Anfang als am Ende der Epidemie.

Zu bedenken ist auch: Wir verfügen in Deutschland über ein sehr gutes Gesundheitssystem. Wer hier an COVID-19 erkrankt, wird gut versorgt. Auch wenn die Krankheit dramatisch verlaufen kann: Es stehen genügend Intensivbetten zur Verfügung.

Das ist in kaum einem anderen Land der Fall. Selbst, wenn dann bis Herbst bei uns alles gut ist, ist das woanders vielleicht noch nicht der Fall. Bis ein Impfstoff verfügbar ist, wird unser Leben einfach etwas anders aussehen.

In der Regierungserklärung wird derzeit aber auch weiterhin von Ausflügen in die Umgebung abgeraten. Was kann dabei denn passieren?

Es ist eine Frage der Rücksichtnahme. Sie sollten immer annehmen, dass Sie selbst infiziert sein könnten, und da sollten Sie keine anderen Menschen gefährden. Das bedeutet auch: Wenn man jetzt in die Berge geht, einen Unfall hat und einen Helikopter braucht, dann bindet man nicht nur Ressourcen, sondern infiziert vielleicht das gesamte Rettungsteam.

Grundsätzlich sollte man Menschenansammlungen vermeiden, etwa an einem See oder im Park. Andererseits ist mir auch klar, dass nicht jede Familie über einen Garten verfügt und auch mal raus will.

Da kann ich nur sagen: Es geht jetzt erst mal um einige Tage. Wenn sich die Infektionslage bessert, wird es bald wieder möglich sein, Ausflüge zu unternehmen. Dazu laufen jetzt bereits Studien.

Sie haben erwähnt, dass es wichtig ist, Menschenmengen zu meiden. Ist das für Sie als Epidemiologin nicht ohnehin ein typischer gesundheitlicher Risikofaktor?

Tatsächlich habe ich schon immer großen Respekt vor Ansammlungen. Zunächst, weil das Verhalten einer großen Gruppe immer unvorhersehbar ist. So kann es ja zu Gerangel oder gar Gruppenpanik kommen.

Dann meine ich: Verhaltensregeln, die jetzt wichtig sind, waren ja schon immer richtig und wichtig. Damit meine ich, dass ein gewisser Abstand eingehalten werden sollte, Händewaschen und Hygiene sowie andere nicht anzunießen selbstverständlich sein sollte. Das ist grundsätzlich wünschenswert – und jetzt essentiell wichtig.

Dann kommt Ihren Vorstellungen die neue Mundschutzempfehlung beim Einkaufen und im öffentlichen Nahverkehr entgegen?

Dazu kann ich nichts sagen. Ob das sinnvoll ist, darüber können Infektiologen und Virologen diskutieren. Dazu kenne ich die Datenlage zu wenig. Es ist zumindest eine Maßnahme, die jeder einfach und schnell einsetzen kann.

Viele Menschen wünschen sich ja jetzt eine Impfung gegen Corona. Aber oft wurde der Impfschutz, über den wir bereits verfügen – etwa gegen Grippe, Pneumokokken –, in der Vergangenheit vernachlässigt. Der Segen, den eine Impfung bietet, sollte jedem jetzt noch stärker bewusst werden.

Den Regel-Katalog für Corona-Maßnahmen finden Sie unter: www.bundesregierung.de/breg-de/themen/coronavirus/corona-massnahmen-1734724