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Wie sicher sind Bahnreisen in Corona-Zeiten?

Die deutsche Bahn hat ein Hygienekonzept entwickelt, um Reisende vor einer Ansteckung mit SARS-CoV-2 zu schützen. Aber reicht das aus?

von Ute Wild, 04.09.2020

Dr. Peter Walger, Internist und Infektiologe aus Bonn, ist Sprecher des Vorstands der Deutschen Gesellschaft für Krankenhaushygiene e.V. (DGKH). Er erklärt, auf was zu achten ist, um eine Infektion mit SARS-CoV-2 zu vermeiden.

Herr Dr. Walger, wann sind Sie das letzte Mal mit der Bahn gereist?

Das ist tatsächlich schon länger her. Wegen Corona fielen viele berufliche Termine aus, Konferenzen fanden online statt. Daher war ich in diesem Jahr wenig unterwegs.

Würden Sie denn bedenkenlos Zugfahren?

Da ich nicht drauf angewiesen bin, stellt sich für mich die Frage nicht. Bei Beachten der inzwischen etablierten Hygieneregeln würde ich eine Zugreise nicht als riskant erachten. Das gilt auch unabhängig von meinem Alter, was mich rein formal als Risikoperson einordnet.

Dr. Peter Walger Internist Infektiologe

Die Bahn hat ein umfangreiches Hygienekonzept (s.u.). Reicht das aus, um Fahrgästen sicheren Schutz zu bieten?

Ich finde das Konzept gut und durchdacht. Es baut auf den richtigen Empfehlungen von Experten auf. Im Fokus stehen die AHA-Regeln, also Abstand, Hygiene, Alltagsmasken tragen. Das gilt für Fahrgäste wie Bahnpersonal gleichermaßen. Dazu kommt, dass Oberflächen, die häufig berührt werden, regelmäßig gereinigt und desinfiziert werden. Ich halte das für korrekt und zumindest als Grundvoraussetzung für sicheres Reisen auch für ausreichend. Wie sich der Einzelne dann verhält, steht natürlich auf einem anderen Blatt.

Die Maßnahmen in den Zügen und an den Bahnhöfen

  • Die Mitarbeiter in den Zügen des Nah- und Fernverkehrs tragen eine Mund-Nase-Bedeckung.
  • Den Fahrgästen, die keine eigene Mund-Nase-Bedeckung haben, werden auch Masken zum Kauf für 1,50 Euro in den Bordbistros angeboten. (solange der Vorrat reicht). (Kommentar Walger: sollte kostenlos sein)
  • Wahrung der Hust- und Niesetikette bei Mitarbeitern und Fahrgästen
  • Für Fahrgäste gilt die Verpflichtung zum Tragen einer Mund-Nase-Bedeckung in Nah- und Fernzügen. Dies gilt auch in folgenden Bereichen: im Bahnhof, auf Bahnsteigen und an Haltestellen.
  • Die Mitarbeiter kontrollieren aktuell alle Tickets auf Sicht und per Scan, d.h. einfach Smartphone mit dem digitalen Ticket in der DB Navigator App vorzeigen oder ausgedrucktes Papierticket vorweisen.
  • Die Züge werden regelmäßig gereinigt, insbesondere auch die Griffe und Flächen in den Einstiegsbereichen und am Platz.
  • In vielen Zügen, z.B. im ICE/IC, gibt es die Möglichkeit zum Händewaschen zusätzlich aufgestellte Desinfektionsmittelspender zu nutzen.
  • Es wird auf die Instandhaltung und Reinigung der Züge besonders auf die Vollständigkeit und das Auffüllen der Seifen- und Desinfektionsspender geachtet.
  • Überall, wo es technisch möglich ist, öffnen die Türen automatisch, damit die Berührung der Türtaster nicht notwendig ist.
  • Durchsagen in den Fahrzeugen und auf den Bahnsteigen weisen darauf hin, alle Türen für den Ein- und Ausstieg zu nutzen, um bestmöglich Abstand zu halten.
  • In der Bordgastronomie im ICE/IC wird den Gästen "To Go"-Service in Einwegverpackungen oder bereits fertig verpackt angeboten
  • Es werden kontaktlose Zahlungsmöglichkeiten, z.B. durch EC- & Kreditkarte mit NFC-Chip sowie über das Smartphone angeboten.
  • Bei Anzeichen von Fieber, Husten und Atembeschwerden, bleiben Sie zu Hause und suchen sie medizinische Hilfe auf.

Quelle: www.bahnhit.de

Anders als in Flugzeugen wird die Raumluft in Zügen nicht gefiltert. Bereitet Ihnen die Klimatisierung der Abteile Sorgen?

Eine grundsätzliche Ausstattung aller Innenräume, und damit auch von Zugabteilen, mit Anlagen, die Viren filtern, ist aus Sicht der medizinischen Hygiene nicht erforderlich. Entscheidend ist die Frischluftzufuhr, d. h. wie oft wird die gesamte Luft eines Raumes pro Stunde gewechselt. Beispielsweise im ICE erfolgt dieser Wechsel alle siebeneinhalb Minuten, und ist damit völlig ausreichend, um eine mögliche Virenlast zu verdünnen. Externe Gutachten belegen das. Das Risiko, sich in Innenräumen, die ausreichend gelüftet werden, allein durch Aerosole anzustecken, wenn der Tröpfchenschutz gewährleistet ist, kann meiner Meinung nach vernachlässigt werden – das gilt übrigens auch in Bussen, im Büro oder anderen Innenräumen des normalen Lebens.

Wer einen Platz im Zug reserviert, landet im schlimmsten Fall neben einem Superspreader. Wie schütze ich mich davor?

Zunächst einmal, indem Sie eine korrekt sitzende Maske tragen. Optimal wäre es, wenn auch Ihr Gegenüber eine Mund-Nasen-Bedeckung trägt, was ja zum Glück in der Bahn vorgeschrieben ist. Niemand weiß, ob der Sitznachbar ansteckend ist – aber auch der weiß nicht, ob Sie selbst vielleicht das Virus ausscheiden, ohne Symptome zu haben. Daher sollte man sich stets so verhalten, als bestünde dieses Risiko. Das bedeutet: Wenden Sie sich ab, wenn der Sitznachbar hustet oder suchen Sie einen anderen Sitzplatz auf, wenn Ihnen das gesamte Verhalten unzureichend erscheint. Das sollte hoffentlich immer möglich sein, da die Bahn garantiert, dass kein Zug überfüllt ist. Falls Sie selbst Husten oder Niesen müssen, tun sie das in die Ellenbeuge, vermeiden Sie das Verbreiten ihrer Hustenwolke in den offenen Raum.

Wie verhalte ich mich, wenn ein Fahrgast in meinem Abteil trotz Vorschrift keine Mund-Nasen-Bedeckung trägt?

Halten Sie Abstand und achten Sie darauf, dass Ihre eigene Maske vernünftig d. h. dicht sitzt. Natürlich können Sie den Betroffenen darum bitten, eine Maske zu benutzen oder einen Zugbegleiter rufen. Doch ich halte nichts davon, dass wir alle zu Kontrolleuren unserer Mitmenschen werden und unsere Gesellschaft zu einer Überwachungsgesellschaft mutiert. Es kommt einfach immer auf die Eigenverantwortung an.

Sollten die Zugbegleiter ein Bußgeld einfordern dürfen, wenn sich ein Fahrgast weigert, eine Maske zu tragen?

Meiner Meinung nach sollte die Aufgabe der Kontrolle nicht an das Bahnpersonal delegiert werden. Überhaupt halte ich nicht so viel von Kontrollen in Bereichen, wo das Ansteckungsrisiko erfahrungsgemäß sehr gering ist. Das ist eine unnötige Verschwendung von personellen Ressourcen. Kontrollen machen an anderen Orten mehr Sinn als im Zug, etwa beim Betreten von Krankenhäusern sowie Alten- und Pflegeheimen. Da ist es wirklich wichtig. Wenn Sie in einem Zugabteil Abstand halten können und alle Fahrgäste eine Maske tragen, stellt ein einzelner Fahrgast ohne Maske kein besonderes Risiko dar. Unsolidarisch ist so ein Verhalten jedoch auf jeden Fall!

An welchen Stellen ist das Risiko besonders hoch, sich mit dem neuen Corona-Virus eventuell anzustecken?

Meine Tochter ist gerade aus Frankreich nach München gereist, mit der Bahn bis Paris und mit dem Flugzeug weiter. Sie hat berichtet, dass die Hygieneregeln überall vergleichbar sind und auch eingehalten werden. Zu problematischen Situationen kam es nicht an Bord oder im Abteil, sondern eher auf Rolltreppen, am Ticketschalter oder im Flughafenbus, wo alles dicht gedrängt zusammenstand. Hier ist es umso wichtiger, dass seitens der Verantwortlichen diese Situationen mitbedacht werden, damit auch ein Abstand möglich ist und eine Maske über Mund und Nase auch getragen werden kann. Wir kennen das aus dem Medizinbetrieb zur Genüge, man nennt es Schwachstellen-Analyse.

Erhöht sich das Risiko einer Ansteckung mit der Dauer der Reise?

Insgesamt sprechen die Daten aus unserem Land aber auch z. B. aus Österreich, dass Bahnfahren nicht zu den riskanten Tätigkeiten gehören, die Infektionszahlen von Bahn-Reisenden und auch vom Zugpersonal sind sehr niedrig. Natürlich ist die Dauer eines potentiellen Risikos immer ein Faktor, der eine Rolle spielen kann. 

Wer sich aber konsequent an die AHA-Regeln hält, kann genauso gut sechs Stunden wie 30 Minuten im Zug reisen. Das Risiko einer Infektion erhöht sich durch den Faktor Zeit dann nicht. Es ist eher die Frage, wie bequem es ist, so lange eine Maske zu tragen und Abstand und Hygiene korrekt einzuhalten... das gilt aber für unseren gesamten Alltag. Einen hundertprozentigen Schutz gibt es deshalb nirgendwo.

Welche Empfehlungen haben Sie für Reisen mit der Bahn?

Konsequentes Beachten der AHA-Regeln. Die Rahmenbedingungen der Bahn sind in Ordnung, die AHA-Regeln werden wohl auch gut durchgesetzt. Worauf es aber immer ankommt, ist das verantwortungsvolle Verhalten jedes Einzelnen. Wer etwas trinken möchte oder einen Imbiss zu sich nehmen will, darf dazu die Maske abnehmen, sollte sie aber anschließend wieder tragen. Der Bistroservice ist auf To-Go-Service umgestellt, also auch hier ein risikominimierendes Konzept.

Ist es ratsam, ein Desinfektionsmittel auf Reisen mitzuführen?

Wir empfehlen für den Alltagsgebrauch in der Regel kein Mittel zur Händedesinfektion. Händewaschen reicht völlig aus. Immer vor dem Essen, nach dem Besuch der Toilette oder dem Kontakt mit Gegenständen, die von vielen Menschen berührt werden, etwa Griffen und Türklinken. Das gilt übrigens auch unabhängig von Corona. Wenn Händewaschen nicht möglich ist, wie auf einer längeren Reise, dann ist es sinnvoll, die Hände mit einem Desinfektionsmittel zu reinigen. Es gibt dafür praktische Fläschchen z. B. als Hygiene-Gels für unterwegs.

Es gibt nicht nur Covid-19 – auch andere Krankheiten sind ansteckend. Haben Sie einen Tipp, wie sich Reisende grundsätzlich schützen?

Wir gehen gerade wieder der Grippesaison entgegen. Vor dem Hintergrund von Corona ist die Grippeschutzimpfung jetzt besonders wichtig. In Deutschland lassen sich immer noch zu wenige Menschen impfen – paradoxerweise gerade in den Risikogruppen. Wenn sich jetzt wegen Corona mehr Menschen und vor allem mehr gesundheitlich gefährdete Menschen gegen Grippe impfen lassen, dann ist das ein positiver Nebeneffekt von SARS-CoV-2. Die Ständige Impfkommission (STIKO) empfiehlt die Impfung gegen saisonale Influenza allen über 60-Jährigen sowie Schwangeren, Menschen mit chronischen Erkrankungen und deren Angehörigen im selben Haushalt sowie Kranken- und Pflegepersonal. Da ist noch sehr viel Verbesserung möglich. Zurzeit empfehlen viele Experten, besonders auch aus den Reihen der Pädiater, eine Ausweitung der Impfungen auch auf Kinder und Jugendliche.

Gehen Sie zur Grippeimpfung?

Als Arzt und Intensivmediziner habe ich mein Leben an Krankenbetten verbracht, die meiste Zeit an den Universitäten Münster und Bonn, zuletzt als Leitender Arzt der internistischen Intensivstation am Johanniter-Krankenhaus in Bonn. Ich lasse mich jedes Jahr gegen Grippe impfen, aus Selbstschutz und aus Fremdschutz.