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Wie sicher ist Bahnfahren an Weihnachten?

Zu Weihnachten mit der Bahn zu Freunden oder der Familie fahren - davon wird derzeit abgeraten. Falls man es doch tut, fragt man sich: Wie riskant ist es, über mehrere Stunden mit vielen Leuten in einem Abteil zu sitzen? Dabei kann man einiges beachten, um sicherer zu reisen

von Redaktionsgemeinschaft Hermes Baby, 22.12.2020

Wieder ein Lockdown: Schulen und viele Geschäfte sind dicht und wir verringern unsere Kontakte. Doch nun steht Weihnachten an. Und wer rund um Heiligabend mit der Bahn fahren muss, dem bleibt eine letzte Hürde: ohne Infektion ankommen. Dicht an dicht mit fremden Menschen, und das über mehrere Stunden - Man kann sich zwar mit einer richtig sitzenden FFP2-Maske selbst versuchen zu schützen. Und doch sind viele unsicher, wie hoch das Risiko ist, sich im Zug anzustecken.

Soll ich überhaupt fahren?

Für die Bahn selbst ist die Sache klar: "Ich kann voller Überzeugung sagen, dass Bahnfahren sicher ist", so der Vorstand Berthold Huber noch vor wenigen Monaten. Während Züge in anderen Ländern wie zum Beispiel Irland zwischenzeitlich nur noch zu einem Viertel ausgelastet werden durften, schränkte die Bahn vor allem die Reservierbarkeit von Sitzplätzen ein.

Seit Ende November sind in der Regel nur die Fensterplätze reservierbar, insgesamt rund 60 Prozent der Plätze im Zug. Wer aber beispielsweise ein Flex-Ticket bucht oder ein Pendler-Ticket hat, kann weiter spontan in den Zug steigen. Höhere Auslastungen als 60 Prozent sind also theoretisch möglich.

Allerdings betrug die durchschnittliche Auslastung der Fernzüge in den vergangenen Wochen laut Deutscher Bahn lediglich 20 bis 25 Prozent. Für die Weihnachtstage prognostiziert eine Sprecherin im Schnitt 35 bis 40 Prozent Auslastung.

Wie hoch ist die Gefahr in öffentlichen Verkehrsmitteln?

Als Argument, warum Bahnfahren sicher ist, wird häufig angeführt, dass das Robert-Koch-Institut öffentliche Verkehrsmittel bis jetzt nicht als Ausbruchsherde identifiziert hat. Allerdings können die meisten Corona-Infizierten nicht genau sagen, wo sie sich angesteckt haben. Auch das Robert-Koch-Institut sagt, dass es sich nur schwer rückverfolgen lässt, ob sich jemand in der Bahn mit Corona infiziert hat.

Wie hoch ist die Gefahr aber nun wirklich? Hinweise darauf geben verschiedene Studien - zum Beispiel eine Untersuchung, die die Bahn gemeinsam mit der Berliner Universitätsklinik Charité durchgeführt hat. Hiernach seien Zugbegleiter, die sich ja deutlich öfter in den Zügen aufhalten, nicht häufiger von einer Infektion betroffen als etwa Handwerker oder Fahrzeugführer des Konzerns.

In einer Stichprobe hatten nur 1,3 Prozent Antikörper, das heißt, sie waren zuvor wahrscheinlich schon mal mit dem Virus infiziert. Man kann diese Ergebnisse allerdings nur bedingt auf Fahrgäste übertragen: Zugbegleiter sind besonders instruiert, tragen in der Regel FFP2-Masken und bewegen sich fortlaufend durch den Zug, während Fahrgäste vor allem an einem festen Ort sitzen.

In China infizierten sich zu Beginn der Pandemie 10 Prozent

Auch Forschende aus China und Großbritannien haben das Ansteckungsrisiko mit Covid-19 untersucht. Sie kamen zu dem Ergebnis, dass die Wahrscheinlichkeit sich in einem chinesischen Schnellzug zu infizieren zu Beginn der Pandemie bei rund zehn Prozent lag. Voraussetzung: Ein Infizierter befand sich im gleichen Zugabteil.

Der Hauptautor der Studie, Shengjie Lai, gibt aber zu bedenken, dass die Daten zu Beginn der Pandemie erhoben wurden. "Jetzt ist das Risiko wahrscheinlich geringer," sagt Lai. Die Bevölkerung hätte damals ihr Verhalten noch nicht an die Pandemie angepasst, also Abstand gehalten und die wenigsten hätten Maske getragen.

Noch weniger als zehn Prozent Wahrscheinlichkeit, das klingt nach einem geringen Risiko. Aber, zum Vergleich: Das Ansteckungsrisiko für jemanden, der in einem Haushalt mit einem Infizierten wohnt, liegt laut einer Auswertung mehrerer Studien bei 17 Prozent. Diese Person muss in der Regel in Quarantäne. Denn sie könnte andere möglicherweise anstecken.

Je mehr Menschen, desto höher das Infektionsrisiko

Seit Beginn der Pandemie wird immer wieder vor großen Menschenansammlungen gewarnt. Im dichten Gedränge kann es schnell zu einem Risikokontakt kommen. Hinzu kommt: Je mehr Menschen sich an einem Ort befinden, umso höher ist auch das Risiko, dass eine Person das Virus in sich trägt. Das gilt auch für die Bahnfahrt.

Vergangene Woche zeigte ein Kurzbericht des Deutschen Luft- und Raumfahrtzentrums wie sich eine Infektion in einem Zug ausbreiten könnte. Die Forschenden simulierten anhand eines Gases wie sich Aerosole und Tröpfchen verteilen. Wenn eine infizierte Person eine Maske trägt, könnten so vierzig Prozent der ausgeatmeten Luft zum Sitznachbarn gelangen. Zu denjenigen, die hinter ihr sitzen hingegen nur 0.02 Prozent.

Solche Erkenntnisse seien laut Professor Johannes Knobloch, Facharzt für Mikrobiologie, Virologie und Infektionsepidemiologie am Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf, "Puzzlestücke", die irgendwann das Bild vervollständigen.

So beantworte etwa auch der Kurzbericht nur eine klitzekleine Frage - nämlich, was passiert, wenn in einer "lauwarmen Sommernacht der Zug auf einem Gleis steht und alle darin schlafen", sagt Knobloch. Die Luft könnte eher nach hinten strömen, wenn der Zug beschleunigt oder bremst. Und vor allem ist eines entscheidend: Wie ansteckend die Person wirklich ist. Zuletzt hilft es sich immer wieder vor Augen zu führen, dass das Ansteckungsrisiko generell erhöht ist, wenn viele Menschen zusammenkommen.

Wie kann ich mich schützen? 

Knobloch empfiehlt vor allem eines: Die Fahrgastzahl zu senken. So lasse sich Distanz wahren und die Wahrscheinlichkeit für eine Ansteckung dadurch vermindern. Die Bahn setzt deswegen rund 100 Sonderzüge zu Weihnachten ein und schafft eigenen Angaben zufolge 13.000 weitere Sitzplätze pro Tag.

Aber auch jeder einzelne kann etwas tun: "Fahren Sie nur Zug, wenn es wirklich notwendig ist", sagt Knobloch: "und wenn doch, dann am Besten zu den Zeiten, wo der Wagen möglichst leer ist." Dabei kann man auch die Auslastungsanzeige nutzen, auf den Intercity ausweichen oder in die erste Klasse wechseln. Die sicherste Art zu Reisen: Ein Abteil für sich alleine oder die Familie suchen und den Komfort-Check-in nutzen. Dann hätte man laut Knobloch quasi einen abgeriegelten Raum für sich.

Geht das nicht, kann man auf verschiedene andere Tipps zurückgreifen: Knobloch warnt etwa davor, sich gegenüber von jemanden zu setzen, der eine Maske mit Atemventil trägt. Die erkennt man etwa an einem kleinen Kasten, der auf dem Stoff platziert ist. Durch das kleine Loch erreiche die Luft eine viel höhere Geschwindigkeit - "das ist, als ob jemand einen dauernd anhusten würde." Außerdem helfe es Abstand zu Personen zu halten, die telefonieren oder sich miteinander unterhalten. Denn bei einem Gespräch werden mehr Aerosole und somit möglicherweise Viren freigesetzt.

Durch all diese Tipps kann man also das Bahnfahren nicht sicher, aber sicherer machen. Hundertprozentigen Schutz vor dem derzeitigen Coronavirus gibt es derzeit fast nirgendwo, auch nicht in der Bahn. Und so wäre das Beste für das Infektionsgeschehen vor allem eines: Zuhause bleiben oder wenn man fährt - dann mit dem eigenen Auto.