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Wie psychisch Kranke die Pandemie erleben

Menschen mit psychischen Erkrankungen leiden besonders stark unter der Unsicherheit und Isolation. Viele Psychotherapiepraxen sind zu, Therapien finden nur noch über Video statt, Kliniken räumen Betten für Notfälle

von Kathrin Schwarze-Reiter, 26.03.2020
Frau mit sozialer Phobie

Stärkere Ängste, mehr Zwänge, schwerere Depressionen: Die Umstände der Coronakrise können seelische Erkrankungen verschlechtern


Wir alle erleben eine außergewöhnliche Situation: Auf unbestimmte Zeit müssen wir zu Hause bleiben. Freunde und Familie dürfen nicht mehr zu Besuch kommen, wir sollen uns nicht umarmen und haben keine Struktur mehr im Alltag. Hinzu kommt die wirtschaftliche Ungewissheit mit vielen Fragen: Werden wir unsere Jobs behalten? Können Unternehmen trotz der Umsatzeinbußen weiter bestehen? Es ist eine Zeit der Isolation, Einsamkeit, Unsicherheit, wie wir sie noch nie erlebt haben.

Umso mehr leiden Menschen, die psychisch bereits belastet sind. Denn die Umstände der Pandemie können seelische Erkrankungen verschlechtern. "Depressionen können sich durch die soziale Isolation und Unsicherheit verstärken", erklärt Dr. Judith Siegl, Leiterin der CIP-Ambulanz in Bamberg. "Auch Panikstörungen wie die Angst vor großen Menschenmengen, hypochondrische Störungen – etwa die Furcht vor Krankheiten – sowie Zwänge, zum Beispiel zwanghaftes Händewaschen, werden durch die Corona-Pandemie befeuert", sagt die Psychologin.

Psychotherapie-Kliniken räumen ihre Betten

Der Bedarf an Psychotherapien und an kurzfristiger Beratung – der sogenannten Akuttherapie – nimmt derzeit zu. "Er kann aber bei weitem nicht gedeckt werden", sagt Siegl. "Die Wartelisten für Psychotherapien sind schon unter Normalbedingungen lang. Nun nehmen die meisten Praxen und Kliniken gar keine neuen Patienten auf – es sei denn, es sind dringende Notfälle." Hinzu kommt, dass viele der laufenden Therapien nicht fortgeführt werden: Patienten gehen nicht mehr aus dem Haus.

Praxen sind wegen der Infektionsgefahr geschlossen, Therapeuten stehen selbst unter Quarantäne oder müssen ihre Kinder betreuen. Denn Psychologen wurden in der Corona-Krise nicht als systemrelevante Berufe eingestuft und haben daher kein Anrecht auf eine notfallmäßige Kinderbetreuung. Zahlen, wie viele Praxen derzeit noch geöffnet sind, konnte die Kassenärztliche Vereinigung auf Nachfrage nicht nennen.

Gleichzeitig räumen auch die meisten psychotherapeutischen Kliniken die Betten: Leichte und mittelschwere Fälle werden nach Hause entlassen, um Platz für Corona-Infizierte zu schaffen. Lediglich Patienten mit schwereren psychischen Erkrankungen dürfen bleiben, zum Beispiel wenn sie suizidgefährdet sind. "In den Kliniken finden aber kaum noch Therapiestunden mehr statt, da nicht genug Personal verfügbar ist", berichtet Professor Matthias Berking, Leiter des Lehrstuhls für Klinische Psychologie und Psychotherapie an der Universität Erlangen. Selbst die Koordinationsstelle Psychotherapie der Kassenärztlichen Vereinigung Bayern, die Hilfesuchende bei der Suche nach einem Psychologen unterstützt, ist derzeit zeitweise nicht zu erreichen. Persönliche Termine zwischen Psychologen und Patienten sind zwar noch erlaubt, jedoch nur wenn die derzeit geltenden Regeln zu Abstand und Hygiene eingehalten werden.

Therapie fast ausschließlich per Video

Um den Versorgungsengpass zumindest ein Stück weit zu beheben und auch die Ansteckungsgefahr für die Psychologen zu reduzieren, setzten die Kassenärztliche Bundesvereinigung und der Spitzenverband der Krankenkassen die sogenannte Begrenzungsregel ab dem 1. April 2020 außer Kraft. Damit dürfen nun nicht wie sonst maximal 20 Prozent der Therapiestunden per Videochat durchgeführt werden, sondern alle Therapiestunden. Auch der Erstkontakt mit dem Patienten, also das erste Kennenlernen zwischen Patienten und Therapeut, kann nun per Video erfolgen. Der Patient muss also nicht mehr persönlich in die Praxis kommen.

Das geht allerdings nicht einfach per Skype, da die Patientendaten geschützt werden müssen. Dazu braucht es eine spezielle Software, meist wird die Homepage www.sprechstunde.online verwendet, die die Deutsche Arzt AG während der Corona Krise kostenlos zur Verfügung stellt. Die Patienten bekommen vom Therapeuten einen Link zugeschickt.

Nicht gelockert wurde hingegen die Begrenzung der Telefontherapien. Sie dürfen nach wie vor nur in geringem Umfang und mit niedrigerer Vergütung abgerechnet werden. "Da muss unbedingt nachgelegt werden, denn gerade ältere Patienten haben oft kein Smartphone oder Laptop mit Webcam zuhause. Webcams sind nahezu überall ausverkauft", sagt Psychologin Siegl. "Manche Patienten sind zudem nicht in der Lage sich Online im Videokonferenzprogramm anzumelden."

Per Telefon die Therapie aufrechterhalten

"Ein Kontakt per Telefon kann für einige Altersgruppen und Patienten mit bestimmten psychischen Erkrankungen extrem wichtig sein", sagt Matthias Berking. Auch die Landespsychotherapeutenkammer fordert eine Gleichstellung der Telefon- mit der Videotherapie. Bereits am vergangenen Montag wurde eine Lockerung in Fachkreisen erwartet – noch wurde sie jedoch nicht durchgesetzt. "Es ist in kurzer Zeit viel passiert, doch wir hinken dem Bedarf immer noch eine Woche hinterher", sagt der Psychologe. "Nun muss schnell nachgelegt werden, um den Menschen zu helfen."

Es sollten kurzfristige Lösungen geschaffen werden, um Patienten zu unterstützen, die in dieser globalen Krise besonders belastet sind. Denkbar sei laut Berking zum Beispiel ein zentraler Krisendienst, der telefonisch oder per E-Mail zu erreichen ist, um Menschen mit ihren Ängsten und Unsicherheiten zu beraten.

"Wir dürfen die Patienten jetzt nicht in dieser Situation alleine lassen", sagt auch Judith Siegl. "Wenn wir psychisch Erkrankten derzeit nicht helfen, könnten die Suizidraten während der Corona-Krise steigen." Greife die Hilfe jedoch, könnten viele auch gestärkt aus der Situation herausgehen. Denn die Gesellschaft erlebt gerade eine nie dagewesene Solidarität und nimmt enorme finanzielle Verluste in Kauf, um das Leben von Mitmenschen zu retten. Das kann Mut machen.