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Welche Risiken drohen nach einer Covid-19-Erkrankung?

Experten diskutieren zunehmend mögliche Langzeitfolgen einer schweren Covid-19-Erkrankung. Für klare Aussagen ist bisher jedoch zu wenig bekannt

von Ute Wild, 09.06.2020

Geht es um SARS-CoV-2, stehen meist die Zahlen der Neuinfektionen und der Todesfälle im Fokus. Mindestens genauso interessant ist jedoch, wie viele Menschen die Krankheit Covid-19 inzwischen überstanden haben: In Deutschland sind 167.743 Genesungen registriert (Quelle: Johns Hopkins University; Stand: 4. Juni 2020). Die Dunkelziffer dürfte deutlich darüber liegen, da eine Infektion mit SARS-CoV-2 häufig mild und ohne Komplikationen verläuft – laut Weltgesundheitsorganisation (WHO) in rund 80 Prozent der Fälle. Infizierte leiden dann unter gar keinen oder nur schwach ausgeprägten Krankheitszeichen, oft bleibt die Krankheit so gänzlich unbemerkt. Mediziner gehen davon aus, dass im Falle einer weitgehend komplikationsfreien Covid-19-Erkrankung auch keine Folgeschäden zu erwarten sind.

Gefahr nach schwerem Krankheitsverlauf

Doch abhängig von Alter und Vorerkrankungen kann es bei ungefähr 14 Prozent der Covid-19-Patienten zu einer schweren Erkrankung kommen, die im Ernstfall intensivmedizinisch behandelt werden muss. Betroffene leiden nach überstandenen Krankheitsstrapazen oft unter erheblich eingeschränkter Leistungsfähigkeit. Vor allem durch eine invasive Beatmung, aber auch durch lange Bettlägrigkeit wird die Muskulatur geschwächt – dazu zählen auch die Muskeln, die die Atmung unterstützen. So kommt es zu Einschränkungen der Lungenfunktion. Nicht selten treten auch psychische Beeinträchtigungen auf. Lungenfacharzt Dr. Sebastian Hellmann betreut Covid-19-Genesene in seiner Praxis in München. Er sagt: "Manche der Patienten haben nach ihrer Erkrankung noch Angstzustände, depressive Episoden und leiden auch nach längerer Zeit unter einem geschwächten Allgemeinzustand." Er rät Betroffenen zu einem achtsamen Umgang mit sich selbst. "Schonen Sie sich in der Zeit nach der Krankheit."

Mögliche schwelende Entzündungen

Sinnvoll sei es, den Genesungsprozess ärztlich begleiten und dabei vor allem die Lungenfunktion bei einem Facharzt beobachten zu lassen. Das kann durch einen Lungenfunktionstest erfolgen oder bildgebende Befunde, beispielsweise eine Computertomografie (CT). "Auch wenn die Akutsymptome von Covid-19, wie Fieber, Gliederschmerzen und Husten, verschwunden sind und der Virustest negativ ist, kann die Lunge noch längere Zeit geschwächt sein", erklärt der Pneumologe. Er hat beobachtet, dass Entzündungen durch SARS-CoV-2 in der Lunge hauptsächlich das Stützgewebe betreffen. "Eine gesunde Lunge ist dehnbar und elastisch", sagt er, "durch die Entzündungsprozesse wird das Gewebe jedoch fest wie ein Panzer." Dies sei im CT als "wollige Struktur" oder "Milchglas" gut zu erkennen.

"Die Lunge ist ein langsames Organ, sie braucht Zeit, um zu heilen." Wie ein "schwelender Waldbrand" könnten noch Wochen nach der Genesung von Covid-19 Irritationen des Gewebes Betroffenen Beschwerden bereiten. Wenn Symptome wie Lungengeräusche und Kurzatmigkeit anhalten oder sich Betroffene einfach nur oft schlapp fühlen, sollten sie frühzeitig einen Arzt kontaktieren. Zum einen sei die Lunge in diesem Zustand extrem anfällig für Infekte, vor allem gelte es jedoch, einen möglichen chronischen Verlauf einer Folgeerkrankung oder eine Umwandlung in eine Fibrose zu vermeiden. "Es gibt kein Medikament gegen Covid-19", betont der Münchner. "Aber die Folgen können wir mit verschiedenen Therapien gut in Schach halten."

Reha für chronisch Kranke

Drohen nach einem ernsteren Covid-19-Verlauf bleibende Einschränkungen? Darüber sind sich Experten noch nicht einig. Dr. Robert Nechwatal, Chefarzt der Rehaklinik Heidelberg-Königstuhl, gibt zu bedenken: "Zum jetzigen Zeitpunkt können noch keine sicheren Aussagen zu Langzeitfolgen einer überstandenen Erkrankung getroffen werden." Doch der Experte vermutet, dass Menschen, die an zusätzlichen chronischen Grunderkrankungen wie beispielsweise Diabetes, Adipositas oder Bluthochdruck leiden, besonders gefährdet sind: nicht nur schwerer an Covid-19 zu erkranken, sondern auch Folgeschäden zu erleiden. Dazu zählen etwa Herzleiden.

Für diesen Kreis Betroffener könnte einer professionelle Weiterbehandlung im Rahmen einer Rehabilitation eine Chance darstellen, nach Covid-19 wieder besser auf die Beine zu kommen. Bei einer spezialisierten Reha liege der Fokus neben physio- und sporttherapeutischen Behandlungen auf der Therapie der Einschränkungen von Lungen- und Herzkreislauf-Funktion. Der Facharzt für Innere Medizin und Kardiologie rät: "Sprechen Sie Ihren Hausarzt auf diese Möglichkeit an, wenn Sie eine Grunderkrankung haben und an Covid-19 erkrankt waren."

Wenn die Lunge geschädigt ist

Eine der gefürchteten Krankheitsfolgen von Covid-19 ist die sogenannte Fibrose. Dabei handelt es sich um Veränderungen im Lungengewebe. Diese können so gravierend sein, dass Sauerstoff nicht mehr ausreichend in das Blut transportiert werden kann, berichtet Professor Rembert Koczulla, Chefarzt am Fachzentrum für Pneumologie der Schön Klinik Berchtesgadener Land. Patienten benötigen dann auch nach der Entlassung aus der Akutklinik weiterhin Sauerstoffgaben. Um die weitere Genesung zu unterstützen und eine Wiedereingliederung in den normalen Lebensalltag zu ermöglichen, sind individuelle Therapieangebote nötig.

"Man kann den Verlauf nach Covid-19 nach aktuellem Wissen günstig beeinflussen", sagt der Internist und Pneumologe. So lernen Patienten in einer Atemphysiotherapie etwa spezielle Atemtechniken, um ihre Luftnot besser zu bewältigen. Darüber hinaus stärken sanftes Kraft- und Ausdauertraining die Lungentätigkeit sowie das Herzkreislaufsystem. Da Atemnot extrem beängstigend sein kann, rät Koczulla Betroffenen, auch Hilfe bei seelischen Problemen anzunehmen.

Riskante Folgen nach Beatmung

Bei aller Unsicherheit, die noch um viele Aspekte von Covid-19 herrscht, in einer Sache sind sich Experten bereits sicher: Patienten, die wegen eines besonders bedrohlichen Krankheitsverlaufs beatmet wurden, haben ein deutlich erhöhtes Risiko für Folgeschäden an der Lunge. Die Maßnahme, die Leben retten kann, birgt für das Atmungsorgan gleichzeitig eine große Gefahr, erklärt Dr. Thomas Voshaar, Chefarzt der Lungenklinik Bethanien in Moers.

Anders als beim spontanen Atmungsprozess, bei dem sich die Lunge durch Unterdruck mit Luft füllt, wird bei der Beatmung über einen Tubus Sauerstoff in die Lunge gepumpt. Durch den dazu nötigen hohen Druck könnte es zu Schädigungen am Organ kommen. Seltene Beatmungsschäden, zu denen es vor allem nach längerer Beatmung per Tubus kommen kann, wären jedoch nur schwer zu behandeln. Voshaar: "Betroffene leiden dann meist dauerhaft unter den Folgen." Dies ist nicht allein bei Covid-19 der Fall, sondern grundsätzlich problematisch, wenn eine länger andauernde Beatmung notwendig ist. Wer dagegen zum Beispiel wegen einer Standart-OP kurzfristig beatmet wird, für den besteht dieses Risiko nicht.

Beatmung: Die Methoden

Bei der nicht invasiven Beatmung wird eine Gesichtsmaske über Mund und Nase aufgesetzt. "Der Vorteil liegt darin, dass die Patienten keine oder nur eine niedrige Betäubung benötigen und dadurch wach und kooperativ sind", erklärt Lungenfacharzt Dr. Thomas Voshaar. "Sie sind in der Lage zu kommunizieren, zu trinken und zu essen." Bei der invasiven Beatmung über einen Tubus sei es dagegen erforderlich, Betroffene in tiefe Narkose zu versetzen. Die Entscheidung über die Wahl der Methode trifft je nach individueller Lage der behandelnde Arzt. Sonderfall: In der Patientenverfügung ist ein entsprechender Behandlungswunsch vermerkt

Nicht nur die Lunge leidet

Die Erfahrung in Moers zeigt jedoch auch einen Lichtblick: Bei Patienten, die ohne Beatmung oder mit einer Maskenbeatmung (siehe Kasten) zurechtkamen, erholte sich die Lunge wieder vollständig von der Infektion. "Diese Maßnahme reicht unserer Meinung nach in den häufigsten Fällen aus und verhindert die gefürchtete Fibrose", sagt Voshaar. Der Facharzt für Innere Medizin und Pneumologie berichtet von einem Triathlet, der nach überstandener Krankheit jetzt wieder täglich 30 Kilometer Fahrrad fährt. "Wir glauben nicht, dass Covid-19 dann zu einer chronischen Beeinträchtigung der Lunge führt", betont er.

Dennoch rät der Arzt Genesenen, für Alarmsignale des Körpers aufmerksam zu sein: "Es hat sich gezeigt, dass SARS-CoV-2 nicht nur die Lunge befällt, sondern alle Organe, den ganzen Körper." Als Folge könne es zu Thrombosen, Schlaganfällen und Herzerkrankungen kommen. Covid-19-Patienten könnten möglicherweise auch Leber- und Nervenschäden davontragen. "Wir wissen noch nichts darüber, inwieweit das Gehirn betroffen ist." Auch Patienten mit leichtem Verlauf, die zu Hause behandelt werden können, sollten beim Auftreten neuer Beschwerden immer den Arzt verständigen, sie könnten womöglich ein Hinweis auf eine Komplikation sein. Der Arzt sagt: "Wir lernen jeden Tag Neues über die Krankheit dazu."