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Weihnachten: Coronavirus im Gepäck?

Trotz Corona darf zu Weihnachten die Verwandtschaft besucht werden – die Politik hat grünes Licht gegeben. Familien machen sich auf die Reise, Omi und Opi spielen mit den Enkeln. Droht uns danach der Kollaps?

von dpa, 27.11.2020

Wenn Stefan Mathias Fuchs an Weihnachten denkt, ist er skeptisch. "Wir könnten ein normales Fest feiern, wenn alle diszipliniert wären", sagt der Allgemeinmediziner, der in Karlsruhe eine Corona-Schwerpunktpraxis betreibt. Nur: So ganz glaubt er nicht daran. Als soziale Wesen wollten Menschen feiern, das sei verständlich, sagt Fuchs. "Wenn jetzt irgendwo ein Ventil geöffnet wird, wird erstmal nachgeholt, was acht Wochen unterdrückt wurde."

Am Mittwoch haben Bund und Länder festgelegt, was offiziell erlaubt sein wird: Im engsten Familien- und Freundeskreis darf vom 23. Dezember bis zum 1. Januar mit maximal zehn Menschen gefeiert werden, Kinder bis 14 Jahre nicht eingerechnet. Schleswig-Holstein hat eigene Regeln.

Modellrechnung zeigt "Weihnachtseffekt"

Wie sich solche Lockerungen auf den Verlauf der Pandemie auswirken, haben Mitarbeiter des Forschungszentrums Jülich und des Frankfurt Institutes for Advanced Studies in Modellrechnungenen simuliert.

Im besten Fall bliebe die Kontaktrate – also wieviele Menschen jemand in einem bestimmten Zeitraum trifft – über Weihnachten konstant, weil zum Beispiel wegfallende Kontakte im Arbeitsleben oder in Schulen einen geringen Anstieg durch Familienbesuche ausgleichen. Die Forscher nehmen an, dass die Fallzahlen durch die geltenden Beschränkungen zunächst sinken. Für den Fall, dass fast alle Maßnahmen nach dem 20. Dezember aufgehoben werden, würden die Zahlen im Januar ein Niveau wie Ende Oktober erreichen – das heißt im Schnitt etwa 20 000 Neuinfektionen täglich.

Für den "Worst Case" haben die Wissenschaftler eine Zunahme dieser Kontaktrate um 50 Prozent angenommen. Dann würden die Zahlen im Januar die Marke von täglich 25 000 Neuinfektionen reißen. Die Forscher sprechen von einem "Weihnachtseffekt", einem Anstieg wie es ihn beispielsweise durch Reiserückkehrer in den Sommerferien gab.

Neue Wege für Viren

Doch damit nicht genug: "Die Ausweitung der Kontakte durch Besuche von Familien und Bekannten, womöglich über das ganze Land hinweg, könnten zu einer verstärkten geografischen Verteilung der Infektion führen", schreiben sie. "Damit wären auch Regionen mit niedriger Inzidenz wieder verstärkt exponiert, was dann auch insgesamt zu einem stärkeren Anstieg der Neuinfektionen führen würde."

Viola Priesemann vom Göttinger Max-Planck-Institut für Dynamik und Selbstorganisation sagt: "Die Feiertage sind wirklich eine Herausforderung." Neben Reisen durch die halbe Republik träfen zu Weihnachten und Silvester unterschiedliche Gruppen – einmal Familien- und einmal Freundeskreise aufeinander. Hier entstünden Verbindungen. "Das öffnet den Viren ganz neue Wege, die sie sonst nicht hätten." Zudem mischen sich an Weihnachten vermehrt jüngere Menschen mit älteren, die anfälliger für einen schweren Krankheitsverlauf sind.

Um das Risiko einer Corona-Infektion zu den Festen zu senken, müsse die Ausbreitung der Pandemie zuvor deutlich stärker eingedämmt werden, mahnte Priesemann an. Im Moment reichten die Testkapazitäten nicht aus, weshalb nur bestimmte Gruppen getestet würden. Damit steige die Dunkelziffer: Einer Modellrechnung zufolge sind derzeit bis zu zweimal so viele Infektionen unentdeckt wie bekannt.

Ausnahmeregeln verantwortlich nutzen

Für Weihnachten appellieren sie an die Vernunft der Bürger. "Ich glaube auch, dass die Menschen so verantwortungsvoll handeln, dass die Feiertage nicht völlig unkontrolliert verlaufen und damit all das, was wir durch den Lockdown erreicht haben, wieder konterkarieren", sagt Gaß.

Zu einem vorsichtigen Umgang mit den gelockerten Corona-Beschränkungen ruft auch der Chef der Bundesärztekammer, Klaus Reinhardt, auf. "Wir müssen die Ausnahmeregeln an den Feiertagen verantwortlich nutzen und uns wie auch unsere Mitmenschen vor Ansteckung schützen." Wenn Regeln zu Abstand, Hygiene und Masken weiter befolgt würden, seien die zeitlich begrenzten Lockerungen vertretbar und aus psychosozialen Gründen sogar geboten. Gerade für Ältere, die wohl am meisten unter Isolation und Einsamkeit im Teil-Lockdown litten, sei es wichtig, die Feiertage im Kreis der Familie verbringen zu können.

Reinhardt betonte zugleich, die von Bund und Ländern beschlossene Verlängerung des Teil-Lockdowns sei epidemiologisch vernünftig und mit Blick auf die angespannte Lage in den Kliniken leider notwendig.

Angespannte Lage auf den Intensivstationen

Wie ernst die Lage jetzt schon im Gesundheitssystem ist, machen Vertreter von Ärzteschaft und Kliniken deutlich. Der Präsident der Deutschen Krankenhausgesellschaft, Gerald Gaß, sagt: "Wir werden im Laufe des Dezember voraussichtlich 5000 bis 6000 Intensivpatienten haben, die Situation ist angespannt, aber noch beherrschbar." Momentan liegen knapp 4000 Corona-Patienten auf der Intensivstation.

Der Präsident der Deutschen Interdisziplinären Vereinigung für Intensiv- und Notfallmedizin, Uwe Janssens, äußerte sich besorgt. "Bei allem Verständnis für Weihnachten und Familienfeiern müssen wir leider befürchten, dass in der Folge der partiellen Aufhebung der Einschränkungen um Weihnachten im Januar die Infektionszahlen wieder ansteigen", sagte er dem Redaktionsnetzwerk Deutschland (Donnerstag). Er kritisierte "das ewige Auf und Ab der politisch getroffenen Entscheidungen". In der Intensivmedizin stehe man mittlerweile in einigen Regionen mit dem Rücken zur Wand.

Susanne Johna, 1. Vorsitzende des Marburger Bundes, verweist auf das Personal insbesondere in den Notaufnahmen sowie auf den Intensiv- und Infektionsstationen, das seit Wochen massiv belastet sei. "Die Notbremse hat gewirkt, das exponentielle Wachstum ist vorerst gebrochen. Das kann aber kein Ruhepolster sein." Johna und Krankenhaus-Vertreter Gaß begrüßen daher, dass die Beschränkungen im Teil-Lockdown fortgeführt werden.

Ärztlicher Bereitschaftsdienst an Feiertagen überlaufen

Wie brenzlig die Lage um die Feiertage herum werden könnte – ob mit oder ohne "Weihnachtseffekt" im Pandemieverlauf –, macht der Karlsruher Hausarzt Fuchs deutlich: Der ärztliche Bereitschaftsdienst sei in dieser Zeit eh schon "heillos überlaufen", sagt Fuchs und betont: "Ein Kollege vertritt neun andere."

Trotzdem hat er sich fest vorgenommen, auch seine Praxis über Weihnachten zu schließen. Er wolle sich und seinen Mitarbeitern die paar Tage zur Erholung gönnen. Seit Beginn der Pandemie seien sie im Einsatz, hätten alles gegeben. "Irgendwann sind die Kräfte weg."