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Sechs Monate Corona: Eine Zwischenbilanz

Die Welt steht noch immer am Anfang der Corona-Pandemie. Regierungen arbeiten weiterhin an einer Eindämmung von SARS-CoV-2, während Forscher mit bemerkenswerter Intensität nach einem Impfstoff suchen

von Anja Garms, dpa, 29.06.2020

Vom chinesischen Wuhan um die ganze Welt: Selten trifft eine Krise so weltumspannend alle Menschen wie in diesem Jahr Corona. Sechs Monate nach ersten Meldungen über ein mysteriöses neues Virus sind fast neun Millionen Infektionen und über 450 000 darauf zurückgehende Todesfälle in Statistiken gelistet. Die Dunkelziffer nicht erfasster Fälle gilt als immens. 

Wohl niemand ahnte Anfang des Jahres, welches Ausmaß die Pandemie bekommen und welch schlimme Folgen sie für Wirtschaft und Gesellschaft haben würde. Anfang Dezember, vielleicht schon im November treten in der Millionenmetropole Wuhan erste Fälle einer bis dahin unbekannten Lungenerkrankung auf. Am 31. Dezember werden sie offiziell an die Weltgesundheitsorganisation (WHO) gemeldet. Ein Tiermarkt gilt als Ursprung der Ansteckungswelle.

Wir stehen noch immer am Anfang der Corona-Pandemie

Im Februar sagt der Berliner Virologe Christian Drosten: "Ich glaube nicht mehr daran, dass eine Pandemie vermeidbar ist." Und so immens die Infektionszahlen inzwischen wirken: Wir stehen noch immer am Anfang. Etwa 7,8 Milliarden Menschen leben auf der Erde. Selbst ein sehr ansteckendes Virus braucht eine Weile, eine solche Population zu erobern – zumal alle Regierungen der Welt mit gezielten Maßnahmen gegensteuern, wenn auch manche nur verhalten. Deutschland gehört zu den recht rasch und massiv reagierenden Ländern.

Mit grauenhaften Bildern aus bereits stark betroffenen Staaten wie Italien konfrontiert, beschließt die Politik zahlreiche strenge Maßnahmen. Manche – wie Schulschließungen und Maskenpflicht – sind anfangs oder bis heute umstritten. Einzelne Bundesländer wie Bayern preschen mit besonders strengen Regelungen voran. Ein unguter Überbietungswettbewerb sei da im Gang, sagen Kritiker. Ende März, Anfang April erreicht die Zahl der täglich gemeldeten Neuinfektionen in Deutschland ihren Höhepunkt, dann sinkt sie deutlich. Erste Lockerungen folgen.

Einzelne Ausbrüche bestimmen das Infektionsgeschehen

Mit der Entspannung mehren sich kritische Stimmen, die sagen, der Lockdown sei doch eigentlich gar nicht nötig gewesen. Der Bonner Virologe Hendrik Streeck sagt, schon das Verbot von Großveranstaltungen habe zu einem Rückgang geführt, weitere Maßnahmen wie Kontaktbeschränkungen hätte man vom weiteren Verlauf abhängig machen sollen. Die Virologin Melanie Brinkmann vom Braunschweiger Helmholtz-Zentrum für Infektionsforschung (HZI) zieht hingegen ein weitgehend positives Fazit. "Ich denke, dass wir im Großen und Ganzen richtig gehandelt haben."

Momentan wird das Infektionsgeschehen hierzulande von einzelnen Ausbrüchen wie beim Schlachtbetrieb Tönnies in Ostwestfalen bestimmt. Sie lassen die sonst ruhige Situation trügerisch wirken und geben einer entscheidenden Frage neuen Auftrieb: Kommt sie, die zweite Welle? Eine sichere Antwort darauf haben Experten nicht. Virologe Drosten blickt skeptisch in die Zukunft: "Ich bin nicht optimistisch, dass wir in einem Monat noch so eine friedliche Situation haben wie jetzt, was die Epidemietätigkeit angeht." Man müsse alle Alarmsensoren wieder anschalten. Die Bevölkerung müsse einsehen, dass die Gesundheitsbehörden Unterstützung und Konsens bräuchten. 

Die Rolle von Remdesivir, Dexamethason und Gerinnungshemmern

Derweil läuft die Suche nach Medikamenten gegen die vom Virus verursachte Krankheit Covid-19 auf Hochtouren. Derzeit hat ein einziger Wirkstoff – Remdesivir – in den USA und Japan eine Sonderzulassung gegen Covid-19. In der EU hat die Europäische Arzneimittelbehörde (EMA) Remdesivir eine Genehmigung unter Auflagen erteilt. Mitte Juni wurden vorläufige Studiendaten zum Entzündungshemmer Dexamethason bekannt: Der Wirkstoff senkt demnach die Sterberate bei künstlich beatmeten Patienten um ein Drittel. Für eine abschließende Beurteilung sei es aber zu früh, warnen Experten.

Klar sind inzwischen auch einige Faktoren, die zu bedrohlichen Erkrankungen führen. "Wir wissen mittlerweile, dass es bei schweren Verläufen neben der Entzündung der Lunge häufig zu Gerinnungsstörungen kommt, die die Behandlung erschweren", nennt Uwe Janssens, Präsident der Deutschen Interdisziplinären Vereinigung für Intensiv- und Notfallmedizin, ein Beispiel. Behandelt werde nun von Anfang an prophylaktisch mit gerinnungshemmenden Medikamenten. 

Suche nach Impfstoff ist ein beispielloses Forschungsrennen

Ein echtes Aus für die Pandemie könnte ohnehin nur ein Hilfsmittel bringen: gut wirksame Impfstoffe. Ob ein Impfstoff noch in diesem Jahr für erste Massenimpfungen zur Verfügung stehen wird, ist fraglich – zudem muss der erste Impfstoff nicht zwingend der mit der besten Schutzwirkung sein. Die Schnelligkeit dürfte nicht zulasten der Sicherheit gehen, wird immer wieder gemahnt. Anfang Juni liefen weltweit mindestens 130 Impfstoff-Projekte, einige Kandidaten werden bereits am Menschen getestet.

Am weitesten fortgeschritten ist die Forschung am Impfstoff AZD1222, entwickelt an der britischen Universität Oxford. Etliche Länder – auch Deutschland – haben mit dem Konzern AstraZeneca Verträge über insgesamt mindestens zwei Milliarden Dosen dieses Impfstoffes abgeschlossen. Auch Deutschland hat vielversprechende Projekte zu bieten: Beim Mainzer Unternehmen BioNTech und beim Tübinger Unternehmen CureVac laufen erste klinische Studien zu Impfstoffen. Ob sie am Ende zu den Wirkstoffen gehören werden, die der Corona-Pandemie ihren Schrecken nehmen, wird sich zeigen.