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Schutz vor Coronavirus: Apotheker hinter Glas

Wer in diesen Tagen eine Apotheke betritt, findet ein ungewohntes Bild vor. Was Deutschlands Arzneimittelexperten in diesen schwierigen Zeiten leisten, wie sich ihr Arbeitsalltag verändert

von Barbara Kandler-Schmitt, 19.03.2020
Apotheke Schutzmaßnahme Corona

Isolation von Mitarbeiter und Kunde: Um einer Ansteckung mit dem Coronavirus vorzubeugen, bauen viele Apotheker einen Schutzschirm


Waren Sie in den vergangenen Tagen mal in der Apotheke? Dann dürften Sie nicht schlecht gestaunt haben: Über Mitarbeiter, die mit Mundschutz und Handschuhen hinter durchsichtigen Plexiglasscheiben beraten oder ihre Kunden durch die Notdienstklappe bedienen. Über lange Warteschlangen vor dem Eingang, weil sich maximal drei Kunden gleichzeitig in der Apotheke aufhalten dürfen. Oder über eine  stark geschrumpfte Belegschaft, da zunehmend Mitarbeiter in Quarantäne sind oder im Schichtbetrieb arbeiten.

Schichtarbeit hinter Glas

Ausnahmezustand in Deutschlands Apotheken: "Wir arbeiten momentan teilzeit in zwei Schichten, die sich nicht begegnen dürfen", erzählt Eva-Maria Schunk, Apothekerin aus Aschaffenburg. "Würde sich in einer Gruppe jemand infizieren, müsste das ganze Team zu Hause bleiben und die andere Gruppe ganztags einspringen." Bedient werde mit Mundschutz, Handschuhen und Einmalkitteln über die Notfallklappe, was für die Mitarbeiter viel Lauferei bedeutet.

"Nach vier bis fünf Stunden tut mir alles weh", sagt Apothekerin Schunk und freut sich schon auf die Plexiglasscheiben, die in Kürze für den Handverkaufstisch geliefert werden. Dann können die Kunden die Apotheke wieder betreten und für die Mitarbeiter wird es etwas leichter. Trotzdem fürchtet Pharmazeutin Schunk: "Früher oder später wird es uns alle erwischen."

Weitere Vorkehrungen von Apothekern

Auch die Mitarbeiter von Julia Schmidt arbeiten ab sofort in getrennten Teams – "damit wir handlungsfähig bleiben und keine Öffnungszeiten reduzieren müssen", wie die Apothekenleiterin aus dem oberbayerischen Piding betont. "Hauptsache der Betrieb läuft weiter."

Kein Home-Office für Apotheken

Die Corona-Pandemie legt das öffentliche Leben zunehmend lahm. Doch während Restaurants, Geschäfte und Betriebe schließen oder ihre Mitarbeiter ins Home-Office schicken, werden Apotheken und Lebensmittelläden immer wichtiger. Denn sie gelten natürlich auch in Pandemie-Zeiten als versorgungsrelevant.

Bereits seit Wochen haben die öffentlichen Apotheken im Land eine besonders exponierte Position an der "Corona-Front". "Ärzte, Pfleger, Sanitäter, Apotheker können nicht ins Home Office gehen", bestätigt Bundesgesundheitsminister Jens Spahn. "Sie sind diejenigen, auf die wir uns alle verlassen, wenn wir krank werden. Wir können sie dabei unterstützen: indem wir, wann immer möglich, zuhause bleiben."

Verunsicherte Patienten

Deutschlands Apotheken stehen vor Herausforderungen, die es in dieser Form noch nie gab: Die Apothekenmitarbeiter müssen nicht nur vor Ort die Stellung halten – sie sind zudem einem erhöhten Infektionsrisiko ausgesetzt: Denn in den Apotheken kommen weiterhin Menschen zusammen – darunter auch potentiell ansteckende und extrem verunsicherte Patienten. Und so muss das Personal neben der Regelversorgung vor allem beruhigen, aufklären und deeskalieren.

Empfehlungen zum Infektionsschutz

Empfehlungen, wie Apotheker sich selbst und andere vor einer COVID-19-Infektion schützen können, gibt es mittlerweile viele. So hat die Bundesapothekerkammer inzwischen offizielle Empfehlungen zu Arbeitsschutzmaßnahmen herausgebracht. Die Arbeitsgemeinschaft Notfall- und Katastrophenpharmazie der Deutschen Pharmazeutischen Gesellschaft hat eine umfangreiche Checkliste mit Handlungsempfehlungen erstellt. Auch der Apotheken-Dachverband ABDA – Bundesvereinigung Deutscher Apothekerverbände hat einen Fragen-Antworten-Katalog zusammengestellt, der auf häufig gestellte Fragen zum Apothekenbetrieb in Pandemie-Zeiten eingeht.

Doch vieles, was auf dem Papier einleuchtet, ist in der Realität schwer zu stemmen: Schutzkleidung, Atemmasken und Desinfektionsmittel, die im Apothekenalltag unentbehrlich geworden sind, sind kaum noch zu bekommen. Immerhin: Seit kurzem dürfen Apotheker selbst Desinfektionsmittel herstellen.

Epidemie verschärft Lieferengpässe

Dazu kommen zunehmend Lieferengpässe bei lebenswichtigen Medikamenten. Schon lange machen sie Apothekern, Ärzten und Patienten das Leben schwer, doch durch die COVID-19-Pandemie dürfte sich die Situation künftig noch verschärfen.

Seit zum Beispiel der schmerz- und fiebersenkende Wirkstoff Ibuprofen in Verdacht geraten ist, im Fall einer Infektion die Symptome zu verstärken, steigt die Nachfrage nach dem ebenfalls fiebersenkenden Paracetamol. "Ich habe heute mindestens 30 Packungen verkauft", sagt Wolf Wagner, Apothekeninhaber aus dem nordrhein-westfälischen Moers. Beim Paracetamol-Saft komme es bereits zu Lieferengpässen. Doch obwohl Nordrhein-Westfalen bundesweit bislang am stärksten betroffen ist, bleibt Wagner gelassen: "Wenn ich entspannt bleibe, wirkt sich das positiv auf meine Mitarbeiter und Kunden aus."

Keine Hamsterkäufe in Apotheken

Trotzdem wächst die Besorgnis, ob die Arzneimittelversorgung unter diesen Umständen noch gesichert werden kann. Um Hamsterkäufe oder eine übertriebene Bevorratung von Arzneimitteln zu vermeiden, hat das Bundesministerium für Gesundheit den Ärzten Hinweise zu einem bedarfsgerechten Verordnungsverhalten gegeben. Auch die Apotheken sind angehalten, rezeptfreie Arzneimittel bedarfsgerecht und mit Augenmaß an Patienten abzugeben.

So heißt es in einem Schreiben des Bundesgesundheitsministeriums an die ABDA: "Vergleichbare Anforderungen ergeben sich auch für die Apotheken bei der Abgabe von nicht verschreibungspflichtigen Arzneimitteln und apothekenüblichen Waren. Durch die Abgabe von bedarfsgerechten Mengen kann auch bei diesen Produkten Versorgungsengpässen entgegengewirkt werden." Damit soll vermieden werden, dass manche Patienten Arzneimittel horten und für andere nichts mehr übrig bleibt.

Dankbare Kunden

Keiner wagt, bislang eine genaue Prognose zu stellen. Doch soviel ist sicher: Deutschland Apothekerinnen und Apotheker werden wohl längere Zeit hinter Glas arbeiten müssen. Und sehen das keineswegs nur negativ: "Manchmal bringen Scheiben Menschen näher zusammen als eine Umarmung", sagt Dr. Vanessa Gormanns, Apothekerin aus Lindau. So zumindest ihr Eindruck nach dem ersten Tag hinter der Scheibe. "Die Menschen waren so dankbar und entspannt, und man hatte das Gefühl, sie trauen sich endlich wieder frei zu sprechen – ohne Angst."