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Risikogruppen: Schutz am Arbeitsplatz

Für Angehörige einer Risikogruppe bedeuten die Lockerungen erhöhte Vorsicht. Wie können sie sich am Arbeitsplatz ausreichend schützen? Welche Pflichten hat der Arbeitgeber? Ein Arbeitsmediziner gibt Antwort

von Bianca Leppert, 12.05.2020

Nach den zuletzt beschlossenen Lockerungen der Corona-Maßnahmen fragen sich viele Menschen, die besonders gefährdet sind: Wie lässt sich das Risiko einer Erkrankung mit der Arbeit vereinbaren? Einige Experten fordern Sonderregelungen wie zum Beispiel eine Entgeltfortzahlung, wenn das persönliche Risiko unzumutbar hoch ist und der Arbeitnehmer deshalb seiner Beschäftigung nicht nachgehen kann.   

Wer ist am Arbeitsplatz besonders gefährdet? 

"Grundsätzlich beurteilt man sowohl die Gefährdung am Arbeitsplatz selbst als auch das individuelle Risiko des Arbeitnehmers. Beides ist wichtig", sagt Professor Hans Drexler, Präsident der Deutschen Gesellschaft für Arbeits- und Umweltmedizin e. V. Bei der Gefährdung am Arbeitsplatz geht es um das Infektionsrisiko bei der Ausübung des Berufs.

Ein sehr hohes Risiko ist zum Beispiel in einem Krankenhaus beim Kontakt mit COVID-19-Patienten gegeben. Zur mittleren Gefährdung gehören Arbeitsplätze mit Kundenkontakt, bei denen der Mindestabstand von 1,5 Metern nicht eingehalten werden kann. Geringer erscheint das Risiko hingegen im Büro ohne Kundenkontakt bei Einhaltung der nötigen Sicherheitsmaßnahmen

Was versteht man unter individuellen Risikofaktoren?

Zu den individuellen persönlichen Risikofaktoren für einen schweren Verlauf von COVID-19 zählen laut Robert-Koch-Institut zum Beispiel Herzkreislauferkrankungen, Diabetes, Erkrankungen des Atmungssystems, der Leber, der Niere, Krebserkrankungen, Adipositas und Rauchen. Auch für Patienten mit einem unterdrückten Immunsystem – aufgrund einer Immunschwäche oder wegen Medikamenten – wird das Risiko für einen schweren Verlauf höher bewertet. Daneben ist das Alter eine weitere Einflussgröße.  

Es zählt immer die Kombination aus Gefährdung am Arbeitsplatz und individuellem Risiko. Drexler: "In einem hohen Risikobereich stellt sich die Frage: Ist es sinnvoll, hier jemanden weiterarbeiten zu lassen, der beispielsweise ein immunsuppressives Medikament bekommt?"   

Wie lässt sich der Gefährdungsgrad feststellen? 

Eine Beurteilung trifft der Betriebsarzt. Arbeitnehmer können sich hier individuell beraten lassen. Wer zum Beispiel Medikamente einnehmen muss und sich nicht sicher ist, ob diese das Risiko für einen schweren Verlauf von COVID-19 erhöhen, kann mit dem Betriebsarzt sprechen, sagt Arbeitsmediziner Drexler. "Der Arbeitgeber erfährt davon nichts, der Betriebsarzt unterliegt der ärztlichen Schweigepflicht."

Hält dieser das Risiko für erhöht und empfiehlt ein Gespräch mit dem Arbeitgeber, entscheidet aber immer noch der Arbeitnehmer selbst, ob er den Vorgesetzten informiert oder nicht. Grundsätzlich muss jeder Betrieb einen Betriebsarzt haben. Ist dies nicht der Fall, empfiehlt Drexler, sich an einen Arbeitsmediziner zu wenden, da dieser eine spezielle Expertise hat. Zur Beurteilung orientiert er sich an bestehender Literatur, Leitlinien und kennt die jeweiligen Besonderheiten am Arbeitsplatz.    

Wie kann man sich als Risikokandidat selbst schützen? 

Indem man sich möglichst wenig Ansteckungsrisiken aussetzt – und zum Beispiel im Homeoffice arbeitet. Darauf haben derzeit zwar noch nicht alle Arbeitnehmer ein allgemeines Recht, sondern müssen es mit dem Arbeitgeber verhandeln – Risikogruppen haben aber einen besonderen Anspruch. Manchmal ist Homeoffice allerdings aus organisatorischen Gründen keine Option.

Dann ist es besonders wichtig, die geltenden Hygieneregeln einzuhalten: Abstand halten, Mund-Nasen-Schutz tragen, Hände gründlich waschen oder desinfizieren. "Die normalen Masken schützen nicht davor, sich anzustecken", sagt Drexler. Deshalb lohnt es sich eventuell für Risikopatienten, sich eine Schutz bietende FFP2-Maske zu besorgen. Zudem kann man den Arbeitgeber darauf hinweisen, zusätzliche Schutzmaßnahmen zu treffen. Will er davon nichts wissen, empfiehlt sich das Gespräch mit dem Betriebsrat.     

Welche Schutzmaßnahmen muss der Arbeitgeber umsetzen?

"Ein Arbeitgeber muss dafür Sorge tragen, dass seine Mitarbeiter durch ihre Arbeit nicht gefährdet werden", sagt Drexler. Das gilt auch für Infektionen mit SARS-CoV-2. "Hier kommt das STOP-Prinzip zum Einsatz." Es steht für Substitution, Technische, Organisatorische und Persönliche Maßnahmen. Substitution wäre beispielsweise die Konferenz vor Ort durch eine Videokonferenz zu ersetzen.

Eine technische Maßnahme ist die Plexiglasscheibe an der Supermarktkasse. Zu den organisatorischen Veränderungen gehört, zu hinterfragen, welche Mitarbeiter noch Kundenkontakt haben müssen und welche eventuell eine andere Tätigkeit ausüben können. Persönliche Maßnahmen sind Schutzkleidung, Masken, Handschuhe etc. "Die Reihenfolge ist wichtig", sagt der Experte. "Wenn ich eine Videokonferenz habe, brauche ich ja keine Schutzmaske."    

Was passiert, wenn keine Schutzmaßnahmen möglich sind? 

Für diesen Fall fordern immer mehr Experten eine bezahlte Freistellung. "So wie Eltern eine Entschädigung erhalten, wenn sie Corona-bedingt Verdienstausfälle haben, weil sie ihre Kinder betreuen müssen, braucht es auch eine finanzielle Absicherung für diejenigen, die zu einer Risikogruppe gehören und deshalb nicht zur Arbeit gehen können", so Werner Hesse, Geschäftsführer des Paritätischen Gesamtverbands.

Auch Experten des Kompetenznetzes Public Health COVID-19, einem Zusammenschluss von Wissenschaftlern, befürwortet eine solche Regelung. Der Vorschlag: Die Bezahlung könnte, ähnlich wie bei der Entgeltfortzahlung bei Mutterschaft und Beschäftigungsverbot, von Krankenkassen und Unfallkassen finanziert werden. Der Sozialverband VdK spricht sich für eine Lohnersatzleistung nach dem Infektionsschutzgesetz in Höhe von 80 Prozent aus.