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Portrait: Leben mit und nach Covid

Fieber, Atemnot, Koma: Karl Baumann war einer der ersten Deutschen, die sich mit SARS-CoV-2 infizierten. Bis heute ist die Krankheit nicht ganz überwunden – aber er hat einen Weg gefunden, mit ihr zu leben

von Christine Leitner, 26.01.2021

Es begann Anfang März: Karl Baumann, 52 und Unternehmer, trifft sich mit seiner Frau und Bekannten zum Essen in Gedenken an einen kürzlich Verstorbenen. Noch ahnt keiner, welche Folgen dieses gesellige Beisammensein haben wird. Eine unsichtbare Spannung hat sich zu dem Zeitpunkt dennoch über die Bundesrepublik gelegt.

Regelmäßig geistern Meldungen über das neuartige Coronavirus durch die Medien, auf dem Weltmarkt entbrennt ein Kampf um Schutzkleidung und OP-Masken. Italien verliert die Kontrolle über das Virus, auch in Deutschland steigt die Zahl der Infizierten. Gefühlt ist all das noch weit weg. Kontakte zu meiden, kommt da noch keinem in den Sinn.

Der lange Weg zur Diagnose

Tage nach dem gemeinsamen Essen fühlt sich Karl Baumann unwohl. Die Symptome ähneln einer Grippe. Seinen Bekannten, mit denen er gemeinsam zu Tisch saß, geht es ähnlich. Auch Frau Baumann hat es erwischt, allerdings leidet sie weniger stark. "Ihre Symptome dauerten zwei, drei Tage und glichen einem Heuschnupfen", berichtet Baumann. Auch ihren Geschmack verlor sie.

Weil am 15. März die Kommunalwahlen in Bayern anstehen und seine Frau Wahlhelferin ist, lässt sie sich auf das Coronavirus testen. Karl Baumanns Zustand spitzt sich zu. "So schlecht ist es mir noch nie gegangen, ich hatte 40 Grad Fieber", sagt er. Um auf Nummer sicher zu gehen, fragt seine Frau beim ärztlichen Notdienst nach. Am Telefon zerstreut man ihre Gedanken. Sie könne bei der Wahl aushelfen, schließlich handele es sich bei ihrem Mann vermutlich nur um eine starke Grippe.

Doch der Corona-Test lässt anderes vermuten: Einen Tag darauf stellt sich heraus, dass Frau Baumann mit Covid-19 infiziert ist. Die unsichtbare Bedrohung ist nun in Deutschland angekommen. Innenminister Horst Seehofer hat Grenzkontrollen verhängt und Karl Baumann wird in die Uniklinik in Regensburg gebracht. Wieder vermuten die Ärzter eine Influenza. Als die Tests negativ ausfallen, muss sich Baumann einem Corona-Test unterziehen. "Im Nachhinein kommt es mir so vor, als wollte man das nur mal ausprobieren", erinnert er sich. Nach drei Stunden schickt man ihn wieder nach Hause.

"Die Gesichter konnte ich nicht mehr zuordnen"

Die schlechte Nachricht lässt nicht lange auf sich warten. "Am Tag darauf habe ich das positive Ergebnis erhalten. Im ersten Moment dachte ich: Positiv, das ist doch gut", sagt Baumann. Doch schon im nächsten Moment ist klar: Ein positives Ergebnis ist momentan das Schlimmste, was einem passieren kann. Wieder geht es in die Uniklinik, diesmal wegen zunehmender Atemnot.

Auf die wachsende Zahl der Corona-Fälle sind die deutschen Kliniken zu dem Zeitpunkt alles andere als vorbereitet. "In der Uniklinik gab es keine Station für mich, weil es einfach zu früh war", erinnert sich Baumann. Weil die Ärzte von einem Lungenproblem ausgehen, schickt man ihn ins zehn Kilometer entfernte Donaustauf. "Ich war der erste Corona-Patient dort, keiner wusste, wie man damit umgehen sollte", sagt Baumann.

Meiner Frau wurde erklärt welche Probleme es geben könnte bis hin zur ECMO, die Herz-Lungen-Maschine." Kurz bevor die Ärzte ihn ins künstliche Koma versetzen, darf Frau Baumann ihren Mann noch ein letztes Mal per Video-Anruf sehen. "Das ist die letzte Erinnerung bevor ich wieder aufgewacht bin: Wie meine Frau und mein Sohn ins Handy geschaut haben."

Erinnerungen aus dem Schlaf

Drei Wochen liegt Baumann im künstlichen Koma, erleidet sogar einen Schlaganfall. Von den Hamsterkäufen, die Anti-Corona-Demonstrationen und das Drama um die deutsche Wirtschaft bekommt Baumann nichts mit. Er ist einer von 2.600 Covid-19-Patienten, die, Zahlen des Divi-Intensivregisters zufolge, auf deutschen Intensivstationen behandelt werden. Knapp 74 Prozent von ihnen werden künstlich beatmet.

Wegen der schlechten Sauerstoffsättigung muss Baumann schließlich an die ECMO. Die Erinnerungen an diese Zeit sind schemenhaft. "Ich weiß noch, dass eine Frauenstimme fragte, ob sie jetzt den Defi brauchen." An seinem Bett habe er immer wieder Personen gesehen. "Die Gesichter konnte ich nicht zuordnen. Außer eines, das war mein Großvater." Der zu dem Zeitpunkt jedoch schon dreißig Jahre tot ist.

Leben mit den Langzeitfolgen

"Wir vermuten, dass es eine Nahtoderfahrung war. Es muss wohl sehr knapp gewesen sein", kommentiert Baumann das Erlebte. Bis heute kann er sich kaum vorstellen, wie schwer er erkrankt war. "Das wird einem erst nach und nach bewusst." Am 10. April erwacht Baumann schließlich aus dem Koma. "Kurz darauf ist meine Frau 50 geworden. Sie wollte einen besonderen Geburtstag haben, den hat sie dann auch gekriegt."

Doch mit dem Erwachen ist der Spuk nicht vorbei. Im Gegenteil, für Karl Baumann geht es fünf Wochen nach Bad Dürrheim in die Reha. Gemeinsam mit anderen ehemaligen Covid-Patienten tauscht er sich aus und stellt sich die Frage: Wie soll es nach der Reha weitergehen?

Chronische Müdigkeit und geistige Aussetzer

Arbeiten kann der Unternehmer selbst nicht mehr, seine Frau und sein Sohn haben seine Stelle übernommen. Bis heute leidet Baumann unter Atembeschwerden, wenn er mit dem Hund eine Runde dreht, hört es sich an, als wäre er einen Marathon gelaufen. Dazu kommt das Fatigue-Syndrom, chronische Müdigkeit, "die bei mir relativ stark ausgeprägt ist." Mindestens genau so schlimm sind die Konzentrationsprobleme. "Am besten kann man sich das vorstellen wie eine Nachricht, die man immer und immer wieder liest und doch nicht versteht. Irgendwann ruft man die Person einfach an und lässt sich erklären, worum es geht", beschreibt Baumann das Problem.

Nicht zu vergessen seien außerdem die Wortfindungsstörungen. "Das ist wie beim Komödiantenstadl, wenn meine Frau und ich am Tisch sitzen. Der eine findet das nächste Wort nicht und der andere hat schon wieder vergessen, worum es eigentlich geht." Bei der Erinnerung muss Baumann lachen, doch die Situation zeigt nur zu deutlich, welche Spuren das Virus hinterlassen kann – selbst nach einem milden Verlauf.

Beleidigungen aus den sozialen Netzwerken

Für seine Krankheit muss Baumann bis heute bezahlen. Nicht nur körperlich. Über die sozialen Netzwerke hagelt es Beleidigungen, von Corona-Leugnern wird er als "Corona-Befürworter" degradiert und dazu angewiesen, sich "nicht so anzustellen" und "weniger herumzujammern". Auch im Bekanntenkreis kennt Baumann Unbelehrbare, denen es zwar leid täte, was ihm widerfahren sei. "Trotzdem gehen sie weiter demonstrieren." Damit müsse man umgehen.

Seinem psychologischen Begleiter, Günter Diehl, sind diese Anfeindungen nur zu vertraut. Viele seiner Patienten trauten sich nicht mehr, sich über ihre Covid-Erkrankung zu äußern. "Ein junger Patient wurde von anderen lächerlich gemacht, obwohl er fast gestorben wäre und bis heute nicht richtig gesund ist", erzählt der leitende Psychologe der Espan-Klinik in Baden-Württemberg.

Abgesehen davon sei man in Deutschland weit von einer funktionierenden Infrastruktur für Post-Covid-Patienten entfernt. "Die Politik hat zwar viel gut gemacht, aber es wäre vermessen zu sagen, es gäbe schon ein gutes Konzept für die Langzeitfolgen", sagt Diehl. Aber auch die Krankenkassen seien gefragt, Lungensportgruppen und die Reha mehr zu unterstützen.

Deutschlands erste Post-Covid-Selbsthilfegruppe

Flächendeckende Hilfe für Post-Covid-Patienten gibt es bisher nicht. Deshalb hat Karl Baumann zusammen mit seinem Psychologen Günther Diehl im letzten Jahr deutschlandweit eine der ersten Post-Covid-19-Selbsthilfegruppen ins Leben gerufen. "Aufgefangen wurde man nicht, denn es gibt kaum Nachfragezentren und Anlaufstellen für uns Post-Covid-Patienten", sagt Baumann.

Arztbesuche bedeuten für viele Post-Covid-Patienten eine Odyssee. Zum Kardiologen geht es nach Nürnberg, zum Lungenspezialisten nach Donaustauf. "Von mir aus gesehen ist das nicht weit entfernt, aber viele andere sind dafür zwei Stunden unterwegs", schildert Baumann. Dazu kommt das Problem mit den Terminen. Beim Kardiologen heute, beim Psychotherapeuten in einem dreiviertel Jahr.

Diese und viele weitere Probleme bespricht Baumann nun regelmäßig mit ehemaligen Covid-Patienten. Das erste Treffen der Selbsthilfegruppe fand Anfang Dezember statt, seitdem ist die Anfrage so stark gestiegen, dass Baumann sogar eine zweite Gruppe eröffnet hat. Einmal im Monat trifft man sich – wegen der Kontaktbeschränkungen per Zoom – um sich auszutauschen und gegenseitig zu unterstützen.

Bisher keine persönlichen Treffen

Ob sich die Gruppe einmal persönlich treffen wird, kann Baumann zum jetzigen Zeitpunkt nicht sagen. Grund sind nicht nur die hohen Infektionszahlen in Deutschland. Die Anfragen kommen aus den unterschiedlichsten Ecken der Bundesrepublik, jüngst hat jemand aus Schleswig-Holstein angefragt.

Auch die Angst vor einer erneuten Ansteckung schwingt mit. "Auch die Mutation darf man nicht auf die leichte Schulter nehmen", räumt Baumann ein. Immerhin: Sollte ein persönliches Treffen irgendwann möglich sein, hat Baumann schon eine Zusage für einen Raum in der Klinik in Donaustauf erhalten.