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Menschen mit Behinderung in der Krise

Die Umstände der Pandemie treffen eine Bevölkerungsgruppe besonders heftig: Menschen mit körperlichen oder kognitiven Beeinträchtigungen, die in Pflegeeinrichtungen leben oder zuhause betreut werden. Wo es Hilfe gibt

von Ute Wild, 06.04.2020
Senior im Rollstuhl

Viele Menschen sind auf Pflegekräfte angewiesen. Das kann in Zeiten der Corona-Krise problematisch sein


Knapp 13 Millionen Menschen mit einer Beeinträchtigung leben laut dem aktuellen Teilhabebericht der Bundesregierung in Deutschland. Für nicht wenige stellt die Gefahr einer Erkrankung an Covid-19 ein erhöhtes Risiko dar: "Weil viele an einer Immunschwäche leiden oder Vorerkrankungen haben, könnte die Lungenkrankheit bei ihnen einen besonders schweren Verlauf nehmen", sagt Verena Bentele.

Die 37-Jährige, geboren in Lindau am Bodensee, ist von Geburt an blind. Bekannt wurde sie als  Spitzensportlerin: Bentele holte zwölfmal die Goldmedaille bei den Paralympics im Skilanglauf und Biathlon. Seit dem Ende ihrer Sportkarriere engagiert sie sich für die Rechte von Menschen mit Beeinträchtigungen, zuletzt als langjährige Behindertenbeauftragte der Bundesregierung. Seit rund zwei Jahren leitet Bentele den größten deutschen Sozialverband VdK. Sie fordert vor allem von der Politik gerade jetzt mehr Unterstützung.

Die aktuelle Problemlage

Fehlende Schutzkleidung, Nasen-Mund-Masken und zu wenige Desinfektionsmittel: Was in Arztpraxen und vielen Krankenhäusern fehlt, ist auch in Betreuungs- und Pflegeeinrichtungen Mangelware. Das hat besonders in der Pflege gravierende Konsequenzen, weil sich die derzeit gebotenen Abstandsregeln kaum einhalten lassen. Wie riskant das ist, zeigen zahlreiche tragische Beispiele. In einem Heim in Köln etwa hatten sich über die Hälfte der Bewohner mit dem Coronavirus infiziert, mehrere Mitarbeiter sind erkrankt und eine Bewohnerin starb an der Lungenkrankheit.

Bentele befürchtet, dass sich die Problemlage für Wohnheime und Betreuungseinrichtungen weiter verschärft. "Pflegekräfte erkranken und Personal aus dem Ausland fehlt wegen der geschlossenen Grenzen." Der Notstand betrifft auch die häusliche Pflege. "Wenn Pflegebedürftige an Corona erkranken, kommen die Assistenz- und Pflegedienste nicht mehr", erklärt Bentele. "Das Risiko ist einfach zu hoch, dass sich Mitarbeiter anstecken."

Betroffene zuhause versorgen

Wenn Wohnheime dicht machen, Pflegedienste ihren Service einstellen, Schulen und Behindertenwerkstätten geschlossen bleiben, bedeutet die Umstellung nicht nur für Menschen mit Beeinträchtigungen eine große Herausforderung, sondern treibt auch Angehörige an die Grenzen ihrer Belastbarkeit. "Versuchen Sie, eine feste Tagesstruktur aufrecht zu erhalten", rät Bentele.

Dazu gehört: Nach dem Aufstehen anziehen, geregelte Mahlzeiten einhalten sowie auf ausreichende Bewegung achten. Letzteres ist der Sportlerin besonders wichtig: "Spazieren gehen, joggen, die Sonne genießen – zum Glück ist das ja erlaubt!" Zahlreiche Studien zeigten, dass Sport und regelmäßige Bewegung das Immunsystem und die Psyche gleichermaßen unterstützen. Daher gilt für Menschen mit seelischen Leiden und speziell für Kinder mit psychischen Beeinträchtigungen: Jeden Tag raus an die frische Luft!

Wie erklären, was jetzt los ist?

Regelmäßiges intensives Händewaschen und Abstand halten: Für Menschen mit kognitiven Beeinträchtigungen sind diese Regeln nur schwer verständlich. "Weil die Gefahr nicht sichtbar ist, ist es ja auch für Menschen ohne Beeinträchtigung eine sehr abstrakte Situation", meint Bentele.

Trotzdem sollten die wichtigen Schutzmaßnahmen eingehalten werden. Benteles Tipp: "Im Internet finden sich Informationsangebote in leichter Sprache." Das Bundesministerium für Gesundheit bietet zum Beispiel diesen Service. Dort gibt es Beispiele, wie sich Fakten rund um das Coronavirus verständlich darstellen lassen.

Unterstützung für Angehörige

Berufstätige, die ihrer Tätigkeit nicht mehr nachgehen können, weil sie plötzlich Angehörige zuhause betreuen müssen, können eine Auszeit von der Arbeit nehmen. Allerdings ist diese sogenannte kurzzeitige Arbeitsverhinderung bislang auf 10 Arbeitstage beschränkt. Bentele fordert, dass der Gesetzgeber die Frist auf 30 Tage erweitert. "Das muss auch finanziert werden", sagt sie.

Wer keine Lohn- oder Gehaltfortzahlung von seinem Arbeitgeber erhält, sollte Pflegeunterstützungsgeld beantragen. Dies sollte jetzt unbürokratisch ausgezahlt werden, hofft die VdK-Präsidentin. Der Betrag beläuft sich auf 125.- Euro pro Monat – für viele ist das nur ein Tropfen auf den heißen Stein.

Hier gibt es Rat und Hilfe

Wie finde ich einen neuen Betreuungsplatz? Welcher Pflegedienst kommt noch zu uns in die Wohnung, um zu helfen? Woher bekomme ich Schutzkleidung oder finanzielle Unterstützung? Viele Fragen bereiten Betroffenen zurzeit Kopfzerbrechen. "Neben den Informationen unseres Sozialverbands VdK gibt es weitere hilfreiche Angebote im Internet", sagt Bentele.

Antworten, Rat und Hilfe bieten etwa die regionalen Pflegestützpunkte, die Kranken- und Pflegekassen und das Robert Koch-Institut. Dort gibt es auch barrierefreie Informationen für Blinde sowie Videos mit Erklärungen in Gebärdensprache. "Wenn es Ihnen zu umständlich ist, online zu recherchieren", empfiehlt Bentele, "greifen Sie doch einfach zum Telefonhörer!" Viele Stellen bieten telefonisch persönliche Beratung an.

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Tauschen Sie sich aus!

Genauso wichtig wie das Einholen von konkreten Informationen ist der Austausch im Bekanntenkreis. "Andere Betroffene haben vielleicht einen nützlichen Tipp, der Ihnen jetzt helfen kann", sagt Bentele. Dass persönliche Treffen zurzeit nicht möglich sind, sollte dabei kein Hindernis sein: "Sprechen Sie regelmäßig mit Freunden, Familie und Bekannten am Telefon!" Allein darüber zu sprechen, was einen bedrückt, kann etwas Last von den Schultern nehmen – wenigstens für einen Augenblick.


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