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Medikamente gegen Covid-19: Wettlauf mit der Zeit

Bis zu einem zugelassenen Impfstoff gegen Covid-19 dürften noch ein bis anderthalb Jahre vergehen. Viele Hoffnungen richten sich derzeit auf neue Medikamente

von Eva Tenzer, aktualisiert am 20.03.2020

Die Infektion mit dem neuen Coronavirus SARS-CoV-2 verläuft bei den meisten Menschen mild. Sie kann aber vor allem bei älteren Menschen und bei Menschen mit Vorerkrankungen eine Lungenerkrankung auslösen, die in schweren Fällen zur Lungenentzündung und sogar zum Tod führen kann. Medikamente dagegen gibt es noch nicht, daher behandeln Kliniken im Moment vor allem mit unterstützenden Maßnahmen. Dazu zählen beispielsweise Sauerstoffgabe und künstliche Beatmung, Medikamente zur Kreislaufunterstützung und Antibiotika gegen mögliche bakterielle Begleiterkrankungen.

An Medikamenten, die das Virus gezielt ausschalten, wird unter Hochdruck geforscht. Ihr Vorteil: Sie könnten schneller am Start sein als ein Impfstoff und manche Arzneien sind bereits aus dem Einsatz gegen andere Infektionen bekannt. "Es gibt einige Wirkstoffe, deren Entwicklung schon fortgeschritten ist. An ihnen kann man verschiedene Veränderungen vornehmen, damit sie gegen das aktuelle Virus wirken", berichtet Susanne Herold, Professorin für Infektionskrankheiten der Lunge am Universitätsklinikum Gießen und Marburg. Ob sie tatsächlich helfen, muss jedoch erst noch untersucht werden.

"Verwandte" des Coronavirus helfen bei der Entwicklung

Entwickelt werden Medikamente aktuell in vier Richtungen: Zum einen setzt man auf sogenannte Virustatika, die bereits gegen andere Vireninfektionen entwickelt wurden, wie Grippe, HIV, Ebola, Hepatitis, oder auch SARS und MERS, "Verwandte" des neuen Coronavirus. Sie haben den Vorteil, dass sie schon erforscht und zum Teil bereits bei bestimmten Infektionen zugelassen sind. Man muss sie also nicht von Null an neu entwickeln, was enorm Zeit spart. Sie greifen an unterschiedlichen Stellen an, indem sie verhindern, dass das Virus an die menschliche Wirtszelle, die es zu seiner Vermehrung braucht, andocken, in sie eindringen und sich dort vermehren kann.

Wie das funktioniert, erforschen etwa Wissenschaftler am Deutschen Primatenzentrum (DPZ) in Göttingen. Sie haben ein körpereigenes Eiweiß ermittelt, das vom Coronavirus gebraucht wird, um in Lungenzellen einzudringen. Gemeinsam mit Kollegen von der Berliner Universitätsklinik Charité fanden sie heraus, dass ein in Japan gegen Entzündungen der Bauchspeicheldrüse zugelassenes Medikament, diesen "Türöffner" blockiert. Damit sei ein Ansatzpunkt zur Bekämpfung des Virus gefunden, der nun im Rahmen von klinischen Studien weiter untersucht werden kann, so die Forscher.

Erste Medikamente werden bereits an Patienten getestet

Pharmafirmen weltweit testen zudem bewährte Anti-Grippe-Wirkstoffe gegen Covid-19, wie der Verband Forschender Arzneimittelhersteller (VFA) mitteilt: In China führt Zhejiang Hisun Pharmaceutical klinische Studien mit dem antiviralen Medikament Favilavir durch. Atriva Therapeutics in Tübingen prüft, ob ein ursprünglich gegen Grippe entwickelter sogenannter Kinaseinhibitor, die Vermehrung des Coronavirus hemmen kann. Pfizer erprobt Wirkstoffe, die das Unternehmen zuvor gegen andere Viren entwickelt hat.

Und Remdesivir, vor einigen Jahren gegen Ebola entwickelt, wird bereits bei Coronavirus-Patienten in Asien und den USA getestet, wie das US-Unternehmen Gilead Sciences berichtet. Ergebnisse sollen hier Ende April vorliegen. Am Universitätsklinikum Schleswig-Holstein in Kiel wurde ein Studienzentrum eröffnet, um die Forschung in Deutschland zu diesem Wirkstoff zu koordinieren. Mehrere große Lungenkliniken wie die München Klinik Schwabing und die Universitätskliniken Hamburg und Düsseldorf beteiligen sich an der Studie, in die aktuell 600 Patientinnen und Patienten eingeschlossen werden sollen.

HIV-, Hepatitis oder Malaria-Medikament – was wirkt?

In kleineren klinischen Studien wird auch das seit längerem gegen HIV eingesetzte Medikament Kaletra (mit den Wirkstoffen Lopinavir und Ritonavir) sowie die gegen Hepatitis C verwendete Substanz Ribavirin getestet. Ärzte in China und Europa haben beide Substanzen schon schwer erkrankten Covid-19-Patienten verabreicht. Hier gibt es zwar erste positive Ergebnisse; eine neue chinesische Studie mit 199 Patienten ergab jedoch für die Wirkstoffe Lopinavir und Ritonavir keinen Nutzen gegenüber der Standardversorgung. Das Ergebnis wurde im "New England Journal of Medicine" veröffentlicht.

Das Tübinger Institut für Tropenmedizin will außerdem das Medikament Chloroquin testen. Es ist schon lange gegen Malaria im Gebrauch und wirkt auch gegen Viren. Versuche im Reagenzglas zeigten, dass es auch gegen Sars-CoV-2 wirkt. Institutsleiter und Infektiologe Peter Kremsner berichtet, dass in China und Italien viele Covid-19-Patienten unter anderem mit Chloroquin behandelt wurden. Um die Wirksamkeit genauer zu testen, solle noch im März eine Studie an Patienten beginnen. In Marseille ist Chloroquin bereits an 24 Patienten getestet worden und soll gegen das Virus gewirkt haben. Der Virologe Christian Drosten von der Charité Berlin stufte die Studie als nur wenig aussagekräftig ein. Hier sei weitere Forschung nötig.

Wechselwirkung mit Zielzelle unterbinden

Gleich drei neue Substanzen testet das von der Universität Stockholm geleitete Projekt "Fight nCoV" in den nächsten zwei Jahren: molekulare "Pinzetten", die an die Virushülle binden und den Erreger zerstören; ein sogenanntes Oligonukleotid sowie makromolekulare Inhibitoren, die die Wechselwirkung des Erregers mit der Zielzelle unterbinden. Die aussichtsreichsten Wirkstoffe werden dann zunächst in Zellkulturen auf die Hemmung von SARS-CoV-2 getestet, dann an Tieren bis hin zu Primaten. Verlaufen sie positiv, könnten klinische Studien beginnen.

"Wir stehen vor der dringenden Aufgabe, eine wirksame Therapie gegen SARS-CoV-2 zu finden. Daher stellen wir die Testmodelle schnellstmöglich auch anderen europäischen Forschergruppen zur Verfügung", betont der Virologe Jan Münch vom Institut für Molekulare Virologie am Universitätsklinikum Ulm.

Eine andere Strategie verfolgt man mit Medikamenten, die das Immunsystem des Patienten aktivieren, selbst das Virus auszuschalten. Sie enthalten Antikörper aus dem Blut von Patienten, die eine Corona-Infektion überstanden haben oder - in Zukunft - von Menschen, die gegen Covid-19 geimpft wurden. Die Antikörper stammen entweder direkt aus dem Blutplasma der Genesenen, oder sie wurden im Labor künstlich vermehrt.

Immunsystem beeinflussen oder die Lunge

Ein dritter Ansatz sind sogenannte Immunmodulatoren. Dabei handelt es sich um Wirkstoffe, die das körpereigene Abwehrsystem beeinflussen und die beispielsweise verhindern, dass eine zu starke Reaktion des Immunsystems gesundheitliche Schäden verursacht. Solche Immunmodulatoren werden seit längerem bei Autoimmunerkrankungen wie schwerem entzündlichen Gelenkrheuma eingesetzt.

Und der vierte Ansatz schließlich sind Medikamente, die aus der Behandlung bestimmter schwerer Lungenkrankheiten bekannt sind und die vor allem die Vernarbung der Lunge verhindern können, zu der es auch bei einem schweren Verlauf der Coronavirus-Erkrankung kommen kann.

Neues Medikament wäre nicht sofort weltweit verfügbar

Weltweit werden also zahlreiche Wirkstoffe gegen das neue Virus getestet. Anlass zu übertriebenem Optimismus für die nächsten Monate ist das leider dennoch nicht. "Denn es gibt einen großen Unterschied zwischen dem Finden eines Wirkstoffs und dem Entwicklen eines Medikaments", betont Rolf Hilgenfeld, Direktor des Instituts für Biochemie an der Universität Lübeck. "Ein Wirkstoff ist noch lange kein Medikament. Es gehen noch mehrere Jahre ins Land, in denen der Wirkstoff getestet werden muss, an Mäusen, an freiwilligen Gesunden, dann an Erkrankten."

Zwar haben die Zulassungsbehörden signalisiert, dass sie die Genehmigungsverfahren für klinische Studien und die Zulassungsverfahren für erfolgreich getestete Medikamente sehr zügig bearbeiten werden. Im derzeitigen Ausbruch rechnet Hilgenfeld – wie viele andere Experten – dennoch nicht mit einem zugelassenen Medikament. Und selbst dann wäre ein neues Medikament nicht sofort weltweit für alle Patienten verfügbar. Denn dafür muss es dann erst noch in großen Mengen produziert werden. Die Sache bleibt ein Wettlauf gegen die Zeit.