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Medikamente gegen COVID-19: Wettlauf mit der Zeit

Bis zu einem zugelassenen Impfstoff gegen SARS-CoV-2 dürften noch ein bis anderthalb Jahre vergehen. Viele Hoffnungen richten sich derzeit auf neue Medikamente

von Eva Tenzer, aktualisiert am 25.05.2020

Die Infektion mit dem neuen Coronavirus SARS-CoV-2 verläuft bei den meisten Menschen mild. Sie kann aber vor allem bei älteren Menschen und bei Menschen mit Vorerkrankungen eine Lungenerkrankung auslösen, die in schweren Fällen zur Lungenentzündung und sogar zum Tod führen kann. Medikamente dagegen gibt es noch nicht, daher behandeln Kliniken im Moment vor allem mit unterstützenden Maßnahmen. Dazu zählen beispielsweise Sauerstoffgabe und künstliche Beatmung, Medikamente zur Kreislaufunterstützung, Medikamente zur Blutverdünnung und Antibiotika gegen mögliche bakterielle Begleiterkrankungen.

Allgemeine medizinische Maßnahmen:

Unter allgemeinen medizinischen Maßnahmen versteht man die unterstützende Gabe von Medikamenten und Anwendungen, um dem Körper zu helfen.

  • Sauerstoffgabe und künstliche Beatmung

Bei einer schweren Lungenentzündung kann es zur Entwicklung eines sogenannten ARDS (Acute Respiratory Distress Syndrom) kommen. Die entzündliche Reaktion des Lungengewebes führt manchmal zu einer zunehmenden Wasseransammlung in der Lunge (Lungenödem), so dass die Möglichkeit des Gasaustausches in der Lunge verschlechtert und die Sauerstoffversorgung des Körpers nicht mehr gewährleistet werden kann. Zum anderen bedingt die Entzündung einen bindegewebigen Umbau des Lungengewebes (Lungenfibrose), wodurch ebenfalls der Gasaustausch und die Dehnbarkeit der Lunge beeinträchtigt wird. Ist keine ausreichender Gasaustausch in der Lunge mehr möglich führt dies zu einer Sauerstoffminderversorgung. Um diese zu mindern wird unterstützend Sauerstoff gegeben oder sogar eine künstliche Beatmung notwendig.

  • Medikamente

Gegebenenfalls kommen Antibiotika zum Einsatz, um eine zusätzliche Infektion mit Bakterien zu bekämpfen. Gegen Viren, wie Sars-CoV-2, helfen Antibiotka nicht. Wenn nötig wird Flüssigkeit über eine Vene verabreicht. Neuere Studien weisen darauf hin, dass die Gefahr der Bildung von Blutgerinseln im Rahmen einer COVID-19 Erkrankung erhöht ist, so dass teilweise blutverdünnende Medikamente zum Einsatz kommen. Diese werden entweder als niedermolekulare oder unfraktionierte Heparine in die Unterhaut gespritzt (subcutan). Sollte eine blutverdünnende Medikation außerhalb des Krankenhauses notwendig werden kommen gegebenenfalls auch sogenannte direkte orale Antikoagulantien (DOAK), welche in Tabelettenform zur Verfügung stehen, zum Einsatz.

An Medikamenten, die das Virus gezielt ausschalten, wird unter Hochdruck geforscht. Ihr Vorteil: Sie könnten schneller am Start sein als ein Impfstoff und manche Arzneien sind bereits aus dem Einsatz gegen andere Infektionen bekannt. "Es gibt einige Wirkstoffe, deren Entwicklung schon fortgeschritten ist. An ihnen kann man verschiedene Veränderungen vornehmen, damit sie gegen das aktuelle Virus wirken", berichtet Susanne Herold, Professorin für Infektionskrankheiten der Lunge am Universitätsklinikum Gießen und Marburg. Ob sie tatsächlich helfen, muss jedoch erst noch untersucht werden.

"Verwandte" des Coronavirus helfen bei der Entwicklung

Entwickelt werden Medikamente aktuell in vier Richtungen: Zum einen setzt man auf sogenannte Virustatika, die bereits gegen andere Viren entwickelt wurden, wie Grippe, HIV, Ebola, Hepatitis, oder auch SARS und MERS, "Verwandte" des neuen Coronavirus. Sie haben den Vorteil, dass sie schon erforscht und zum Teil bereits bei bestimmten Infektionen zugelassen sind. Man muss sie also nicht von Null an neu entwickeln, was enorm Zeit spart. Sie greifen an unterschiedlichen Stellen an, indem sie verhindern, dass das Virus an die menschliche Wirtszelle, die es zu seiner Vermehrung braucht, andocken, in sie eindringen und sich dort vermehren kann.

Erste Medikamente werden bereits an Patienten getestet

Pharmafirmen weltweit testen bewährte Anti-Grippe-Wirkstoffe gegen COVID-19, wie der Verband Forschender Arzneimittelhersteller (VFA) mitteilt: In China führt ein Pharmaunternehmen klinische Studien mit dem antiviralen Medikament Favilavir durch. Ein Unternehmen in Tübingen prüft, ob ein ursprünglich gegen Grippe entwickelter sogenannter Kinaseinhibitor, die Vermehrung des Coronavirus hemmen kann. Auch weitere Unternehmen erproben Wirkstoffe, die zuvor gegen andere Viren entwickelt wurden.

Und Remdesivir, vor einigen Jahren gegen Ebola entwickelt, wird bereits in mehreren Ländern getestet und eingesetzt. Am Universitätsklinikum Schleswig-Holstein in Kiel wurde ein Studienzentrum eröffnet, um die Forschung in Deutschland zu diesem Wirkstoff zu koordinieren. Mehrere große Lungenkliniken beteiligen sich an der Studie, in die aktuell 600 Patientinnen und Patienten eingeschlossen werden sollen.

HIV-, Hepatitis-, Ebola- oder Malaria-Medikament – was wirkt?

  • HIV- und Hepatitis-Medikamente

In kleineren klinischen Studien wird auch ein seit längerem gegen HIV eingesetztes Medikament mit den Wirkstoffen Lopinavir und Ritonavir sowie die gegen Hepatitis C verwendete Substanz Ribavirin getestet.

Seit dem 25. Mai wurde nun ein weiteres Medikament mit dem Wirkstoff ABX 464 zur Behandlung an COVID-19 Patienten im Rahmen einer Studie zugelassen. Dieses stammt ursprünglich aus der HIV-Forschung und wird auch bei der entzündlichen Darmerkrankung Colitis ulcerosa erforscht. Geprüft wird nun, ob der Wirkstoff die Vervielfältigung des Virus  unterbinden und vor allem eine Überreaktion des Immunsystems verhindern kann.

  • Malaria-Medikamente

Außerdem wurde das Medikament Chloroquin getestet. Es ist schon lange gegen Malaria im Gebrauch und wirkt auch gegen Viren. Versuche im Reagenzglas zeigten, dass es auch gegen Sars-CoV-2 wirken könnte. Eine am 22. Mai veröffentlichte Studie im Journal "The Lancet" kommt zu dem Schluss, dass sich die Medikamente Chloroquin und Hydroxychloroquin wahrscheinlich nicht zur Behandlung von COVID-19 eignen. Es ergaben sich sogar Hinweise darauf, das sich die Sterberate sowie das Auftreten von Herz-Rhythmus-Störungen häufen könnten. Die Studie basiert auf Datenanalysen des Forschungsteams um Professor Mandeep Mehra von der Harvard Medical School, die auf Daten fußen, welche an 671 Krankenhäusern auf sechs Kontinenten gesammelt wurden.

  • Ebola-Medikamente

Das Medikament Remdesivir ist ein virushemmendes Medikament (Virustatika) und wurde ursprüglich zur Behandlung von Ebola entwickelt. Eine am 22. Mai veröffentlichte Studie im "New England Journal of Medicine" kam zu dem Schluss, dass sowohl die Genesungszeit (im Mittel 11 statt 15 Tage) als auch das Risiko zu versterben bei den mit Remdesivir behandelten COVID-19-Patienten niedriger war als bei der Kontrollgruppe, bestehend aus COVID-19-Patienten, welche ein Placebo erhalten hatten.

Wechselwirkung mit Zielzelle unterbinden

Gleich drei neue Substanzen testet das von der Universität Stockholm geleitete Projekt "Fight nCoV" in den nächsten zwei Jahren: molekulare "Pinzetten", die an die Virushülle binden und den Erreger zerstören; ein sogenanntes Oligonukleotid sowie makromolekulare Inhibitoren, die die Wechselwirkung des Erregers mit der Zielzelle unterbinden. Die aussichtsreichsten Wirkstoffe werden dann zunächst in Zellkulturen auf die Hemmung von SARS-CoV-2 getestet, dann an Tieren bis hin zu Primaten. Verlaufen sie positiv, könnten klinische Studien beginnen.

"Wir stehen vor der dringenden Aufgabe, eine wirksame Therapie gegen SARS-CoV-2 zu finden. Daher stellen wir die Testmodelle schnellstmöglich auch anderen europäischen Forschergruppen zur Verfügung", betont der Virologe Jan Münch vom Institut für Molekulare Virologie am Universitätsklinikum Ulm.

Eine andere Strategie verfolgt man mit Medikamenten, die das Immunsystem des Patienten aktivieren, selbst das Virus auszuschalten. Sie enthalten Antikörper aus dem Blut von Patienten, die eine Corona-Infektion überstanden haben oder - in Zukunft - von Menschen, die gegen COVID-19 geimpft wurden. Die Antikörper stammen entweder direkt aus dem Blutplasma der Genesenen, oder sie wurden im Labor künstlich vermehrt.

Immunsystem beeinflussen oder die Lunge

Ein dritter Ansatz sind sogenannte Immunmodulatoren. Dabei handelt es sich um Wirkstoffe, die das körpereigene Abwehrsystem beeinflussen und die beispielsweise verhindern, dass eine zu starke Reaktion des Immunsystems gesundheitliche Schäden verursacht. Solche Immunmodulatoren werden seit längerem bei Autoimmunerkrankungen wie schwerem entzündlichen Gelenkrheuma eingesetzt.

Und der vierte Ansatz schließlich sind Medikamente, die aus der Behandlung bestimmter schwerer Lungenkrankheiten bekannt sind und die vor allem die Vernarbung der Lunge verhindern können, zu der es auch bei einem schweren Verlauf der Coronavirus-Erkrankung kommen kann.

Neues Medikament wäre nicht sofort weltweit verfügbar

Weltweit werden also zahlreiche Wirkstoffe gegen das neue Virus getestet. Anlass zu übertriebenem Optimismus für die nächsten Monate ist das leider dennoch nicht. "Denn es gibt einen großen Unterschied zwischen dem Finden eines Wirkstoffs und dem Entwicklen eines Medikaments", betont Rolf Hilgenfeld, Direktor des Instituts für Biochemie an der Universität Lübeck. "Ein Wirkstoff ist noch lange kein Medikament. Es gehen noch mehrere Jahre ins Land, in denen der Wirkstoff getestet werden muss, an Mäusen, an freiwilligen Gesunden, dann an Erkrankten."

Zwar haben die Zulassungsbehörden signalisiert, dass sie die Genehmigungsverfahren für klinische Studien und die Zulassungsverfahren für erfolgreich getestete Medikamente sehr zügig bearbeiten werden. Im derzeitigen Ausbruch rechnet Hilgenfeld – wie viele andere Experten – dennoch nicht mit einem zugelassenen Medikament. Und selbst dann wäre ein neues Medikament nicht sofort weltweit für alle Patienten verfügbar. Denn dafür muss es dann erst noch in großen Mengen produziert werden. Die Sache bleibt ein Wettlauf gegen die Zeit.