{{suggest}}


Medikamente gegen COVID-19: Die verschiedenen Ansätze

Bis zu einem zugelassenen Impfstoff gegen SARS-CoV-2 dürften noch ein bis anderthalb Jahre vergehen. Viele Hoffnungen richten sich derzeit auf eine medikamentöse Therapie

von Eva Tenzer, Carolin Collin, aktualisiert am 04.08.2020

Derzeit laufen die Forschungsarbeiten weltweit auf Hochtouren, um Medikamente zur Behandlung einer Covid-19 Erkrankung zu finden. Hierfür kommen auch viele Medikamente zum Einsatz, welche bereits von anderen Erkrankungen bekannt sind. Somit müssen die Forscher meist nicht bei null anfangen. Wahrscheinlich wird es aber nicht "das eine Medikament" geben, da eine Infektion mit dem neuartigen Corona-Virus (Sars-CoV-2) sehr unterschiedlich verlaufen kann (siehe hierzu auch Phasen einer Covid-19 Erkrankung). Daher wird bei der Testung neuer Medikamente auch berücksichtigt, in welcher Phase sie am besten zum Einsatz kommen könnten.

Dies ist insofern von Bedeutung, um zu verstehen, was die Ansatzpunkte der verschiedenen Studien sind. In der frühen und gegebenenfalls zweiten Phase der Infektion steht das Eindringen des Virus und die Virusvermehrung im Vordergrund – hier kommen Medikamente infrage, welche die Vermehrung und den Zelltransport (intrazellulären Transport) des Virus reduzieren, wie beispielsweise Virustatika. In der späten zweiten beziehungsweise dritten Phase, der sogenannten hyperinflammatorischen Phase, steht mehr die Entzündungs- und Immunreaktion des Körpers im Vordergrund, sodass hier entzündungshemmende Medikamente von größerer Bedeutung sein könnten. Wirkstoffe, die gegen die schädigenden Mechanismen (ausgelöst durch Sars-CoV-2 an weiteren Körperzellen) helfen könnten, stellen einen weitere Gruppe von Therapiebausteinen dar.

Die vier möglichen Säulen der Therapie gegen Covid-19

Entwickelt werden Medikamente aktuell in vier Richtungen:

1.) Antivirale Medikamente

Zum einen setzt man auf sogenannte Virustatika, die bereits gegen andere Viren entwickelt wurden, wie Grippe, HIV, Ebola, Hepatitis, oder auch SARS und MERS – "Verwandte" des neuen Coronavirus. Diese Medikamente haben den Vorteil, dass sie schon erforscht und zum Teil bereits bei bestimmten Infektionen zugelassen sind, was enorm Zeit spart. Sie greifen an unterschiedlichen Stellen an, indem sie verhindern, dass das Virus an die menschliche Wirtszelle andocken, in sie eindringen oder sich dort vermehren kann.

  • HIV- und Hepatitis-Medikamente

In kleineren klinischen Studien wird auch ein seit Längerem gegen HIV eingesetztes Medikament mit den Wirkstoffen Lopinavir und Ritonavir getestet. Das Robert Koch-Institut erkärt aber explizit, dass die Gabe dieses Medikaments aufgrund der aktuellen Datenlage nur in kontrollierten Studien gerechtfertigt ist. Die WHO hat den Studienarm aktuell auf Eis gelegt. Ebenfalls in der Testphase befindet sich die gegen Hepatitis C verwendete Substanz Ribavirin.

Seit dem 25. Mai wurde ein weiteres Medikament mit dem Wirkstoff ABX 464 zur Behandlung an COVID-19 Patienten im Rahmen einer Studie zugelassen. Dieses stammt ursprünglich aus der HIV-Forschung und wird auch bei der entzündlichen Darmerkrankung Colitis ulcerosa erforscht. Geprüft wird nun, ob der Wirkstoff die Vervielfältigung des Virus  unterbinden und vor allem eine Überreaktion des Immunsystems verhindern kann.

  • Malaria-Medikamente

Außerdem wurde das Medikament Chloroquin und Hydroxychloroquin getestet. Es ist schon lange gegen Malaria im Gebrauch und wirkt auch gegen Viren. Versuche im Reagenzglas zeigten, dass es auch gegen Sars-CoV-2 wirken könnte. Eine am 22. Mai veröffentlichte Studie im Journal "The Lancet" kommt zu dem Schluss, dass sich die Medikamente Chloroquin und Hydroxychloroquin wahrscheinlich nicht zur Behandlung von Covid-19 eignen. Es ergaben sich sogar Hinweise darauf, das sich die Sterberate sowie das Auftreten von Herz-Rhythmus-Störungen häufen könnten. Die Studie basiert auf Datenanalysen des Forschungsteams um Professor Mandeep Mehra von der Harvard Medical School, die auf Daten fußen, welche an 671 Krankenhäusern auf sechs Kontinenten gesammelt wurden. Auch das Robert Koch-Instiut rät von der Gabe (außerhalb von Studien) ab.

  • Ebola-Medikamente

Das Medikament Remdesivir ist ein virushemmendes Medikament (Virustatikum) und wurde ursprüglich zur Behandlung von Ebola entwickelt. Eine am 22. Mai veröffentlichte Studie im "New England Journal of Medicine" kam zu dem Schluss, dass sowohl die Genesungszeit (im Mittel 11 statt 15 Tage) als auch das Risiko zu versterben bei den mit Remdesivir behandelten Covid-19-Patienten niedriger war als bei der Kontrollgruppe, bestehend aus Covid-19-Patienten, welche ein Placebo erhalten hatten. Am 3. Juli 2020 hat die Europäische Kommision die bedingte Zulassung für das Medikament erteilt. Zum Einsatz kommt es nur bei Patienten, welche schwer an Covid-19 erkrankt sind, das heißt, dass sie eine Lungenentzündung haben und einer zusätzlichen Sauerstofftherapie bedürfen. Sinnvoll ist die Gabe vor allem in der Frühphase der Erkrankung (bis zu 10 Tagen nach Krankheitsbeginn). Studien zur Wirksamkeit laufen weiterhin.

2.) Wechselwirkung mit Zielzelle unterbinden

Gleich drei neue Substanzen testet das von der Universität Stockholm geleitete Projekt "Fight nCoV" in den nächsten zwei Jahren (Stand Mai 2020): molekulare "Pinzetten", die an die Virushülle binden und den Erreger zerstören; ein sogenanntes Oligonukleotid sowie makromolekulare Inhibitoren, die die Wechselwirkung des Erregers mit der Zielzelle unterbinden. Die aussichtsreichsten Wirkstoffe werden dann zunächst in Zellkulturen auf die Hemmung von SARS-CoV-2 getestet, dann an Tieren bis hin zu Primaten. Verlaufen sie positiv, könnten klinische Studien beginnen. "Wir stehen vor der dringenden Aufgabe, eine wirksame Therapie gegen SARS-CoV-2 zu finden. Daher stellen wir die Testmodelle schnellstmöglich auch anderen europäischen Forschergruppen zur Verfügung", betont der Virologe Jan Münch vom Institut für Molekulare Virologie am Universitätsklinikum Ulm.

Eine andere Strategie verfolgt man mit Medikamenten, die das Immunsystem des Patienten aktivieren, selbst das Virus auszuschalten. Sie enthalten Antikörper aus dem Blut von Patienten, die eine Corona-Infektion überstanden haben oder – in Zukunft – von Menschen, die gegen Covid-19 geimpft wurden. Die Antikörper stammen entweder direkt aus dem Blutplasma der Genesenen, oder sie wurden im Labor künstlich vermehrt.

3.) Immunsystem beeinflussen

Ein dritter Ansatz sind sogenannte Immunmodulatoren. Dabei handelt es sich um Wirkstoffe, die das körpereigene Abwehrsystem beeinflussen und die beispielsweise verhindern, dass eine zu starke Reaktion des Immunsystems gesundheitliche Schäden verursacht. Solche Immunmodulatoren werden seit Längerem bei Autoimmunerkrankungen wie schwerem entzündlichen Gelenkrheuma eingesetzt.

4.) Medikamente zur Verbesserung der Lunge

Und der vierte Ansatz sind Medikamente, die aus der Behandlung bestimmter schwerer Lungenkrankheiten bekannt sind und die vor allem die Vernarbung der Lunge verhindern können, zu der es auch bei einem schweren Verlauf der Coronavirus-Erkrankung kommen kann.

Erste Medikamente werden bereits an Patienten getestet

Pharmafirmen weltweit testen bewährte Anti-Grippe-Wirkstoffe gegen Covid-19, wie der Verband Forschender Arzneimittelhersteller (VFA) mitteilt: In China führt ein Pharmaunternehmen klinische Studien mit dem antiviralen Medikament Favilavir durch. Ein Unternehmen in Tübingen prüft, ob ein ursprünglich gegen Grippe entwickelter sogenannter Kinaseinhibitor, die Vermehrung des Coronavirus hemmen kann. Auch weitere Unternehmen erproben Wirkstoffe, die zuvor gegen andere Viren entwickelt wurden.

Und Remdesivir, vor einigen Jahren gegen Ebola entwickelt, wird bereits in mehreren Ländern getestet und eingesetzt.

Neues Medikament wäre nicht sofort weltweit verfügbar

Weltweit werden also zahlreiche Wirkstoffe gegen das neue Virus getestet. Anlass zu übertriebenem Optimismus für die nächsten Monate ist das nicht. "Denn es gibt einen großen Unterschied zwischen dem Finden eines Wirkstoffs und dem Entwickeln eines Medikaments", betont Rolf Hilgenfeld, Direktor des Instituts für Biochemie an der Universität Lübeck. "Ein Wirkstoff ist noch lange kein Medikament. Es gehen noch mehrere Jahre ins Land, in denen der Wirkstoff getestet werden muss, an Mäusen, an freiwilligen Gesunden, dann an Erkrankten." Und selbst dann wäre ein neues Medikament nicht sofort weltweit für alle Patienten verfügbar. Denn dafür muss es dann erst noch in großen Mengen produziert werden.

Aber die Zulassungsbehörden haben bereits signalisiert und gezeigt, dass sie die Genehmigungsverfahren für klinische Studien und die Zulassungsverfahren für erfolgreich getestete Medikamente sehr zügig bearbeiten werden. Professor Clemens Wendtner, Chefarzt der Klinik für Infektiologie in der München Klinik Schwabing könnte sich auch vorstellen, dass mehrere Medikamente gegen Covid-19 gefunden werden und zum Einsatz kommen könnten, je nachdem, welche Phase der Erkrankung vorliegt.

 

Hören statt Lesen: Abonnieren Sie gern unseren Podcast "Klartext Corona"

Die Virologin Marylyn Addo erklärt, wann wir frühestens mit der Zulassung eines Impfstoffs rechnen können und ob das Medikament Remdesivir, ursprünglich gegen Ebola entwickelt, auch bei schweren Covid-19-Verläufen helfen kann. (ab Minute 14:18)

https://klartext-corona.podigee.io/25-so-schnell-wie-nie-uber-die-entwicklung-eines-impfstoffs-gegen-covid-19/embed?context=external

Quellen:

  • vfa, die forschenden Pharmaunternehmen. Therapeutische Medikamente gegen die Coronavirusinfektion Covid-19, Stand 28. Juli 2020. Online: https://www.vfa.de/de/arzneimittel-forschung/woran-wir-forschen/therapeutische-medikamente-gegen-die-coronavirusinfektion-covid-19 (abgerufen am 28.07.2020)
  • Robert-Koch-Institut. Gibt es antivirale Substanzen, die zur Behandlung von COVID-19 zur Verfügung stehen?. Onine: https://www.rki.de/DE/Content/InfAZ/N/Neuartiges_Coronavirus/COVRIIN_Dok/Antivirale_Therapien.pdf?__blob=publicationFile (abgerufen am 28. Juli 2020)