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„Je kürzer man beatmen muss, desto besser“

Bei einem schweren Krankheitsverlauf brauchen viele Corona-Patienten Hilfe beim Atmen. Aber wie funktioniert das überhaupt? Und wie steht es um die Kapazitäten von Beatmungsgeräten in Deutschland?

von Nina Himmer, 08.04.2020
Beatmung Coronavirus

Bei leichteren Atembeschwerden kann man über eine Maske die Sauerstoffzufuhr erhöhen


Facharzt Christian Hermanns von der Deutschen Gesellschaft für Anästhesiologie und Intensivmedizin (DGAI) gibt Antworten auf wichtige Fragen rund um die Beatmung bei Covid-19-Patienten:

Covid-19 führt in schwereren Verläufen zu Atemnot und damit einhergehend einer beschleunigten Atmung. Wie können Sie dann helfen?

Bei leichten Atembeschwerden können wir die Sauerstoffzufuhr über eine Maske erhöhen. Reicht das nicht aus, um die Atemfrequenz zu normalisieren, kann der nächste Schritt eine dichter sitzende Atemmaske sein, über die mit leichtem Überdruck Sauerstoff zugeführt wird. Der Patient ist bei Bewusstsein und atmet selbstständig. Wenn die Lunge ihre Funktion aber nicht mehr alleine erfüllen kann, dann bleibt die invasive also "künstliche" Beatmung.

Woran merkt man, dass die Lunge nicht mehr ausreichend arbeitet?

Hinweise darauf liefert zunächst die Atemgeschwindigkeit. Bei gesunden Erwachsenen beträgt sie etwa 10 bis 12 Atemzüge pro Minute. Etwa ab 20 bis 30 pro Minute wird das Atmen für Patienten mental und körperlich extrem erschöpfend. Dazu kommen weitere Messwerte, etwa die sogenannte Sauerstoffsättigung des Bluts. Fällt sie auf unter 90 Prozent, wird es kritisch.

... Und es muss künstlich beatmen werden. Wie genau läuft das ab?

Um einen Patienten künstlich zu beatmen, muss er in Narkose gelegt und intubiert werden. Dabei wird ein Kunststoffschlauch über den Rachen in die Luftröhre geschoben und fixiert. Der Schlauch wird dann an ein Beatmungsgerät angeschlossen. Dieses lässt Luft unter einem vom Arzt festgelegten Druck und Rhythmus  in die Lunge strömen.

Was bekommt der Patient von dem Prozedere mit?

Da der Tubus unter Vollnarkose gelegt wird, spüren die Patienten davon nichts. Sie werden mit Medikamenten in eine Art künstliches Koma versetzt. Das ist ein sehr kontrollierter Zustand, der über Tage oder Wochen aufrechterhalten werden kann.

Der Patient wird in dieser Zeit künstlich ernährt und bekommt Medikamente – sowohl gegen seine Erkrankung, als auch um Komplikationen, wie etwa Thrombosen, zu verhindern – bis es ihm besser geht. Und dann?

Sobald die Lunge sich erholt, ist das oberste Ziel, sie von der Beatmungsmaschine zu entwöhnen. Diesen Prozess nennt man Weaning (englisch "Entwöhnung"). Vor allem nach einer längeren künstlichen Beatmung müssen Patienten erst wieder lernen, selbständig zu atmen. Dafür werden die Narkosemittel soweit reduziert, dass die Patienten wach sind, aber den Tubus tolerieren. Dann lässt man sie immer wieder selbst atmen und dehnt diese Phasen nach und nach aus. Bis die Atmung und die Werte stabil genug sind, um den Tubus zu entfernen.

Wie gut verkraften Patienten die künstliche Beatmung?

Das ist sehr unterschiedlich. Das Risiko steigt an, je kränker und älter ein Patient ist und je länger die künstliche Beatmung dauert. Grundsätzlich gilt: Je kürzer beatmet werden muss, desto besser, da die Atemhilfsmuskulatur mit zunehmender Dauer der Beatmung abbaut und der eigene Atemantrieb leidet.

Unterscheidet sich die Beatmung von Covid-19-Patienten von der Beatmung anderer Patienten?

Sie müssen eher schneller künstlich beatmet werden. Zum einen, weil sich ihr Zustand sehr schnell verschlechtern kann. Zum anderen, weil bei der Sauerstoffmaske die Ausatemluft nicht gefiltert wird. Das bedeutet eine hohe Viruslast in der Luft und damit erhöhte Ansteckungsgefahr für das Personal.

In Fernsehberichten aus Italien sieht man häufig Patienten, die auf dem Bauch liegen.

Wenn es zu einem Lungenversagen kommt, werden die Patienten zeitweise auf dem Bauch gelagert, weil das die Belüftung der Lunge verbessert. Das macht man auch bei anderen Patienten mit Lungenversagen so.

Erfolgt die künstliche Beatmung immer auf der Intensivstation?

Dort sind künstlich beatmete Patienten am besten aufgehoben: Die Überwachung dort ist engmaschig und man kann schnell auf Komplikationen reagieren. Von der Lungenfunktion hängt ja auch die Funktion aller anderen Organe ab. Deshalb werden die Werte ständig überwacht.

Haben die Kliniken wegen Covid-19 in Sachen Intensivbetten aufgerüstet?

Normalerweise haben wir in deutschen Kliniken etwa 28.000 Intensivbetten. Ein Großteil davon verfügt ohnehin über ein Beatmungsgerät. Jetzt gibt es rund 30.000 Beatmungsplätze in den Kliniken bei knapp 40.000 Intensivbetten.

Wie sieht es mit Nachschub für die Beatmungsgeräten aus?

Das Problem ist, dass es nur eine Handvoll zertifizierte Hersteller in Europa gibt, die qualitativ hochwertige Produkte herstellen. Die produzieren jetzt auf Hochtouren, es gibt lange Lieferzeiten.  Aber selbst wenn es mehr Geräte gibt: Wir brauchen auch fachkundiges Personal, um Patienten optimal zu beatmen. Da gehört mehr dazu, als irgendeinen Knopf zu drücken.

An vielen Kliniken werden darum derzeit Pflegekräfte in die Handhabung von Beatmungsgeräten eingewiesen, die sonst nicht auf der Intensivstation arbeiten. Zudem haben Konzerne aus anderen Branchen angekündigt, die Produktion auf Atemgeräte umzustellen. Ist das eine Chance?

Natürlich. Solange es irgendwie möglich ist, werden wir zertifizierte und zugelassene Geräte verwenden. Sollte die Anzahl der Patienten aber jene der Geräte übersteigen, kann man auch auf weniger ausgereifte Geräte und Techniken umschwenken.

Wie werden eigentlich gerade Patientenverfügungen gehandhabt?

Viele Patienten sorgen sich angesichts von Covid-19 um Passagen, die künstliche Beatmung als lebenserhaltende Maßnahme ablehnen. Dazu ist es wichtig zu wissen: Solche Verfügungen kann man jederzeit ändern oder auch explizit vermerken, dass sie für die Zeit der Corona-Krise nicht gelten soll. Das kann also jeder für sich entscheiden – und das werden wir auch in jedem Fall berücksichtigen.