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Impfstoff Sputnik V: Fragen und Antworten

Wie gut ist der in Russland entwickelte Corona-Impfstoff? Erfahren Sie alles über Sputnik V, von der Wirksamkeit über die Nebenwirkungen bis hin zum Ausblick auf eine mögliche Zulassung

von Dr. Christian Heinrich, aktualisiert am 04.03.2021

Wie funktioniert Sputnik V? 

Sputnik V ist ein vektor-basierter Impfstoff. Neben den sogenannten RNA-Impfstoffen ist das die zweite gängige Impfstoffart gegen SARS-CoV-2.

Bei Vektor-Impfstoffen werden Fragmente des Erbmaterials von SARS-Cov-2 in abgeschwächte Viren einer anderen, unbedenklichen Virusart gebracht, zum Beispiel Adenoviren. Weil diese abgeschwächten Viren nur als Transportmittel dienen, um einen Teil der genetischen Information von SARS-Cov-2 in den Menschen zu bringen, werden sie auch als Vektor-Viren bezeichnet. Die menschlichen Körperzellen nehmen dann diese Erbinformationen auf und produzieren selbst ein Eiweiß des Virus. Das Immunsystem des Menschen "lernt" damit  die Struktur des viralen Eiweißes kennen. Es entwickelt Abwehrstoffe gegen SARS-CoV-2.

Vektor-Impfstoffe haben den Vorteil, dass sie etwas leichter zu handhaben sind als RNA-Impfstoffe: Meist können sie bei Kühlschranktemperaturen gelagert werden. Sie haben aber auch Nachteile. "Vieles deutet darauf hin, dass vektor-basierte Impfstoffe nicht ganz so gut wirken wie mRNA-Impfstoffe", sagt der Impfstoffexperte Professor Peter Palese, Leiter der Abteilung Mikrobiologie an der Icahn School of Medicine at Mount Sinai in New York. Einer der möglichen Gründe: Wenn man bereits vor der Impfung mit dem Vektorvirus Kontakt hatte und eine Immunität entwickelt hat, könnte dies die Wirkung der Impfung beeinträchtigen. Aber auch die in Deutschland zugelassenen Vektorimpfstoffe senken die Wahrscheinlichkeit, an Covid-19 zu erkranken in ausreichendem Maße.

Wie oft muss geimpft werden?

Der Impfstoff Sputnik V wird in Russland derzeit in zwei Dosen verabreicht. Ungefähr drei Wochen nach der Verabreichung der ersten Dosis wird die zweite Dosis gespritzt.

Warum war Sputnik V anfangs umstritten?

Der Impfstoff wurde in Russland entwickelt und dort bereits ab August angewendet. Er war auch der weltweit am frühesten für die breite Anwendung zugelassene Corona-Impfstoff. In den USA und in Europa wurde der erste Impfstoff erst im Dezember zugelassen.

Diese frühe Zulassung rief bei Wissenschaftlern aus aller Welt heftige Kritik hervor: Sie wurde als unverantwortlich und unseriös kritisiert. Auch unter russischen Medizinern gab es teils Empörung, der renommierte Mediziner Alexander Chuchalin prangerte "grobe Verstöße" gegen medizinethische Grundsätze an und verließ aus Protest den Nationalen Ethikrats Russlands.

Der Tenor der wissenschaftlichen Kritik: Klar, manches habe dafür gesprochen, dass der Impfstoff schützen würde, aber es wurde eben wissenschaftlich nicht ausreichend und vor allem nicht lang genug untersucht. Sputnik V war also gewissermaßen ein Riesenexperiment an der russischen Bevölkerung, verknüpft mit Risiken. So hätte es zum Beispiel sein können, dass der Impfstoff starke Nebenwirkungen hat oder einfach gar nicht wirkt.

Mittlerweile deutet vieles darauf hin, dass das riskante Experiment gut gegangen ist: Nachträglich hat sich herausgestellt, dass der Wirkstoff wohl keine ernsthaften Nebenwirkungen zu haben scheint und vor relativ gut vor einer Infektion mit SARS-CoV-2 schützt.

Was ist heute bekannt über die Wirksamkeit des Impfstoffs?

Sputnik V hat eine Wirksamkeit von 91,6 Prozent. Zu diesem Befund kommt zumindest eine Studie im renommierten Fachmagazin Lancet, die am 2. Februar 2021 vorab veröffentlicht wurde.

91,6 Prozent sind ein recht hoher Wert und weisen auf eine recht hohe Wirksamkeit hin. Zum Vergleich die anderen bislang in Deutschland zugelassenen Impfstoffe: Biontech-Pfizer weist eine Wirksamkeit von 95 Prozent auf, Moderna wirkt zu 94 Prozent und AstraZeneca zu 60 bis 70 Prozent.

Doch die Lancet-Studie ist umstritten. Insgesamt ist die Zahl der Probanden laut Experten nämlich niedriger als bei den beiden Studien zu den mRNA-Impfstoffen. Das heißt, auch die Zahl derjenigen, die sich infiziert haben ist geringer – und daraus berechnet sich ja die Wirksamkeit eines Impfstoffs. "In der Studie wurden nur insgesamt etwa 60 Infektionen ausgewertet, da hat man schon noch eine große Ungenauigkeit", sagt Ulrike Protzer, Direktorin des Instituts für Virologie am Helmholtz Zentrum München und Leiterin des Instituts für Virologie der Technischen Universität München. Auch andere Aspekte stimmen sie eher nachdenklich. So sei etwa die Zahl der Antikörper im Vergleich zu Patienten, die COVID-19 tatsächlich durchgemacht hätten, recht gering. "Da fragt man sich natürlich, wie lange der Impfschutz nach einer Sputnik V-Impfung voraussichtlich anhalten wird", sagt Protzer.

Auch einige andere Wissenschaftler – darunter eine Gruppe von Experten um den bekannten Molekularbiologen Enrico Bucci aus Italien – kritisieren bei der Veröffentlichung der ersten Daten zu Sputnik im Herbst letzten Jahres verschiedene Details der Studie. Unter anderem würden die Rohdaten unter Verschluss gehalten.

Die mutierten Virusvarianten dürften weiter an Bedeutung gewinnen – wie gut wirkt Sputnik V hier?

Darüber gibt es noch keine ausreichenden Informationen. Bei den Impfstoffen von Biontech-Pfizer und Moderna weisen die bisherigen Untersuchungen darauf hin, dass sie auch gegen die beiden bekanntesten mutierten Virusvarianten, entdeckt in Großbritannien und Südafrika, eine gute Wirksamkeit haben. Beim Impfstoff von AstraZeneca hingegen scheint die Wirksamkeit möglicherweise eingeschränkt zu sein. Er ist wie Sputnik V ein vektor-basierter Impfstoff.

Womöglich ist die Frage nach dem Schutz vor Varianten in naher Zukunft schon der entscheidende Aspekt, wenn es um die Wirksamkeit von Impfstoffen geht.

Welche Nebenwirkungen können auftreten?

Die ersten Daten aus der Lancet-Studie deuten darauf hin, dass Sputnik V sicher ist. Das heißt, in der Regel ruft er lediglich für Impfstoffe insgesamt typische Nebenwirkungen hervor. Vor allem sind das: Grippaler Infekt, Hautirritationen an der Stelle, wo der Impfstoff injiziert wurde, Kopfschmerzen und Abgeschlagenheit.

Ist mit einer Zulassung in Europa zu rechnen?

"Ich glaube, wir sind derzeit weltweit nicht in einer Situation, in der wir es uns erlauben können, einzelne Impfstoffkandidaten zu ignorieren oder aus politischen Gründen abzulehnen", sagt der deutsch-amerikanische Virologe Heinz Ulrich Feldmann. Er leitet das Virologielabor der Rocky Mountain Laboratories am US-amerikanischen National Institute of Health. Nach Feldmanns Meinung sollte Sputnik V deshalb wie jeder andere Impfstoff behandelt werden, wenn eine Zulassung beantragt wird. Die Voraussetzung sei, dass unter wissenschaftlichen und klinischen Gesichtspunkten alles stimme und schlüssig sei und die Daten passten.

Die Europäische Arzneimittel-Agentur (EMA) eröffnet nun ein schnelles Prüfverfahren für den russischen Corona-Impfstoff Sputnik V. Die Entscheidung basiere auf Ergebnissen von Laborversuchen und klinischen Studien bei Erwachsenen, wie die EMA am Donnerstag, den 04.03. 2021 in Amsterdam mitteilte. 

Die Experten der EMA werden die Wirksamkeit des Impfstoffes nach dem schnellen «Rolling-Review-Verfahren» bewerten. Dabei werden Testergebnisse bereits geprüft, auch wenn noch nicht alle Ergebnisse vorliegen und auch kein Zulassungsantrag gestellt wurde. Wann eine Zulassung erfolgen könnte, ist nicht abzusehen.

Russlands staatlicher Direktinvestmentfonds RDIF, der an der Finanzierung der Sputnik-Entwicklung beteiligt ist, begrüßte den Start des EMA-Verfahrens und kündigte für den Fall der Zulassung an, 50 Millionen Menschen in der EU mit dem Impfstoff zu versorgen. Im Juni könne es losgehen, sagte RDIF-Chef Kirill Dmitrijew. Bisher sei Sputnik V in 42 Ländern mit einer Gesamtbevölkerung von 1,1 Milliarden Menschen registriert. Auch Ungarn und die Slowakei hätten das Präparat mit einer Wirksamkeit von 91,6 Prozent bereits ohne EMA zugelassen.