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Gesundheitsämter: Stress und Hoffnung

Der Bund unterstützt die Gesundheitsämter kräftig: Vier Milliarden Euro sollen die Schwachstellen, die während der Pandemie deutlich wurden, beheben. Doch was passiert mit dem Geld aus Steuermitteln?

von Ute Wild, 23.09.2020

Die Corona-Pandemie hat die Gesundheitsämter in vielen Städten Anfang des Jahres überrollt. Und solange kein Impfstoff oder Heilmittel gefunden wird, bleibt der Stress bestehen. Überstunden und Wochenenddienste sind in fast allen Gesundheitsämtern die Regel, weil es an Personal fehlt. Oft musste improvisiert werden, um etwa Infektionsketten nachverfolgen zu können. So wurde der Personalbedarf häufig vorübergehend mit Studenten und Teilzeitkräften aufgestockt. Nun sind Dauerlösungen in Sicht.

5000 neue Stellen sind versprochen

Durch "die größte Investition im öffentlichen Gesundheitsdienst in der Geschichte der Bundesrepublik", so Bundesgesundheitsminister Jens Spahn, sollen schon in den kommenden zwei Jahren 5000 Ärzte, Fach- und Verwaltungspersonal eingestellt werden.

Pro Behörde bedeutet das rund zehn bis zwanzig neue Stellen. Der "Pakt für den Öffentlichen Gesundheitsdienst" macht vielen Menschen Hoffnung, die in den Ämtern derzeit überlastet sind. Doch wie können überhaupt so viele neue Mitarbeiter in kurzer Zeit eingearbeitet werden? Wo sollen sie arbeiten? Und was passiert überhaupt in einem Gesundheitsamt, wenn keine Pandemie herrscht? Wir haben mit den Leiterinnen in Jena, Nürnberg und Essen gesprochen:

Dr. Enikö Bán leitet seit Januar 2020 das Gesundheitsamt von Jena. Die gebürtige Wienerin war zuvor in den Gesundheitsämtern in Nürnberg und Weimar tätig.

4 Milliarden für Gesundheitsämter Gesundheitsamt Leiterin Gera Enikö Ban

Jena

"Die Situation der Gesundheitsämter ist sehr unterschiedlich. Wir in Jena waren personell schon vor Corona gut aufgestellt. Trotzdem besteht Bedarf. Ob eine zweite Welle kommt oder eine andere Infektionskrankheit droht: Dann ist es gut, auf geschultes Personal zurückgreifen zu können. Die sogenannten Containment-Scouts, das sind unsere Mitarbeiter, die Kontaktpersonen nachverfolgen, müssen ständig weiter geschult werden. Und das geht nicht von jetzt auf gleich. Viele Menschen, die angerufen werden und erfahren, dass sie Kontakt zu einer infizierten Person hatten, sind ängstlich, haben Fragen, manche werden auch aggressiv. Daher benötigt unser medizinisches Fachpersonal auch eine hohe Sozialkompetenz. Um gegen die Risiken der Pandemie besser gewappnet zu sein, sind auch Investitionen in die Digitalisierung notwendig. Bis jetzt erhalten wir Informationen über positiv Getestete per Fax und E-Mail. Das bedeutet, wir müssen jede Information einzeln prüfen, um zu entscheiden, wer für den Fall und die Nachverfolgung zuständig ist. Das raubt Zeit und könnte mit digitaler Unterstützung viel schneller gehen.

Viele Menschen nehmen die Existenz der Gesundheitsämter jetzt erst durch Corona wahr. Dabei erfüllen meine Kolleginnen und Kollegen in allen Gemeinden ein breites Spektrum an Aufgaben.

Im Fokus steht dabei die Gesundheitsprophylaxe: Während Ärzte meist heilend tätig sind, sorgen die Gesundheitsämter dafür, dass die Menschen gar nicht erst krank werden. Zu meinem Team in Jena gehören rund 40 Ärzte, Schwestern, Sozial- und Verwaltungsmitarbeiter. Manche sind im amtsärztlichen Dienst tätig und erstellen Gutachten. Sie prüfen, ob Hebammen oder Podologen die Voraussetzungen für eine Praxiseröffnung erfüllen, ob Studenten prüfungs- oder Kriminelle hafttauglich sind. Unser kinder- und jugendärztlicher Dienst begutachtet Schulanfänger und ältere  Kinder, um herauszufinden, wer besondere Hilfe benötigt. Mitarbeiter des sozialpsychiatrischen Dienstes helfen psychisch kranken Menschen und ihren Angehörigen. Die Hygiene in Kliniken, Kitas und Tattoostudios, auf Friedhöfen und Campingplätzen wird kontrolliert. Außerdem sind wir zuständig für Leichenschau und die Überprüfung von Totenscheinen. Und immer wieder gilt es, Ausbrüche von Krätze, Tuberkulose oder Masern zu stoppen. Dabei geht es stets darum, Infektionsketten nachzuverfolgen – so wie jetzt bei Covid-19.

Warum Gesundheitsförderung so wichtig ist, machen aktuelle Studien aus den USA und hierzulande unter Hartz IV-Empfängern deutlich: Menschen am Rande der Gesellschaft werden deutlich schwerer von der Pandemie getroffen. Auch ohne Corona haben arme Menschen in Deutschland eine um zehn Jahre geringere Lebenserwartung als der Durchschnitt. Sie leiden häufiger an chronischen Krankheiten wie Adipositas, Diabetes und Bluthochdruck. Dazu kommt die seelische Belastung durch Unsicherheit und Angst. "Reicht das Geld, um die nächste Miete zu bezahlen?" Dieser Stress macht ebenfalls krank – und ist ein Risiko für einen schwereren Krankheitsverlauf bei einer Infektion mit Covid-19. Wie können wir das lösen? Wir brauchen noch mehr gesundheitliche Aufklärung und müssen die Menschen, die betroffen sind, noch besser erreichen. Dazu müssen wir Projekte fördern, zum Beispiel sozialmedizinische Sprechstunden an Brennpunktschulen, Vertrauen aufbauen und Netzwerke spinnen. Da gibt es noch viel zu tun!"

Juliane Böttcher leitet seit März das Gesundheitsamt in Essen. Die 56-jährige Medizinerin war zuvor zehn Jahre stellvertretende Leitung und Stadtärztin.

4 Milliarden für Gesundheitsämter Gesundheitsamt Essen Leitung Juliane Böttcher

Essen

"Der 4-Milliarden-Euro-Pakt macht Hoffnung, dass wir in Essen unser Personal aufstocken können. Im Idealfall wären das 25 Stellen. Die ersten Bewerbungsgespräche laufen. Außerdem müssen wir Räumlichkeiten finden, denn die neuen Mitarbeiter brauchen schließlich Arbeitsplätze. Neben Medizinern suchen wir auch Naturwissenschaftler, Gesundheits- und Hygienekontrollierende, IT-ler und Verwaltungskräfte. Pandemieschutz bedeutet schließlich auch, dass jetzt viele Daten ausgewertet werden, um Konzepte für die Zukunft zu entwickeln. Als die Corona-Pandemie ausbrach, haben wir einen 12 Jahre alten Pandemieplan für Influenza auf Corona umgeschrieben. Dieses Konzept wird nun auf Basis der neuen Erfahrungswerte ständig aktualisiert. Wir haben mit der Analyse bereits begonnen. Was lief gut, was muss besser werden? Ich wünsche mir vor allem einen besseren Austausch mit anderen Gesundheitsämtern im Umfeld. Dass wichtige Informationen über Faxe, telefonisch und über eine Vielzahl von E-Mail-Adressen laufen, das muss einheitlich besser geregelt werden. Zum Beispiel, wenn es Kontakte zu Covid-19-Infizierten geht. Da muss es bundesweit einen Weg geben, damit flotter und klarer kommuniziert wird.

Die Tätigkeit in einem Gesundheitsamt ist vielfältig und attraktiv. Die geregelten Arbeitszeiten sind familienfreundlicher als vergleichsweise in einer Klinik. In der Regel – also ohne Corona – gibt es bei uns zum Beispiel keine Wochenendschichten. Schwierig ist leider die Bezahlung. Tarifmäßig sollte sich die für alle Gruppen verbessern, nicht nur für die Ärztinnen und Ärzte. Ob wir ausreichend qualifiziertes Personal finden? Da bin ich relativ gelassen, denn Gesundheits- und Hygiene-Kontrollierende können die Gesundheitsämter selbst ausbilden. Die Weiterbildung ist zum Beispiel für Kranken- und Gesundheitspflegende oder Medizinische Fachangestellte interessant. Was wir unbedingt brauchen, sind IT-Fachleute, um uns digital mit anderen Ämtern besser zu vernetzen.
Vor Corona standen auf meiner Agenda ganz oben: psychische Gesundheit und Kindergesundheit. Wir haben in Essen ein buntes Bild durch den Zuzug von Migranten, daher braucht es effektive Projekte zur Integration und Förderung sozial schwächerer Familien. Dazu brauchen wir noch mehr Fachkräfte, zum Beispiel Pädagoginnen und Pädagogen, Sozialarbeiterinnen und Sozialarbeiter. Wir arbeiten sehr eng mit dem Jugendamt zusammen.

Wir haben im öffentlichen Gesundheitsdienst einiges erlebt, etwa die H1N1-Pandemie 2009/10, besser bekannt als die Schweinegrippe. Persönlich am meisten berührt hat mich der Zuzug der Flüchtlinge vor fünf Jahren und die damit einhergehende Aufgabe für die gesamte Stadt. SARS-CoV-2 setzt von der Belastung her noch mal einen drauf. Aber die Herausforderung ist auch spannend – fast könnte ich sagen, die Arbeit macht auch Spaß."

Dr. Katja Günther leitet seit Dezember 2019 das Gesundheitsamt in Nürnberg. Die 61-Jährige ist Fachärztin für öffentliches Gesundheitswesen.

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Nürnberg

"Den ersten Covid-19-Fall hatten wir in Nürnberg Ende Februar. Doch schon vorher war klar, dass ein Mangel an Ärzten im Infektionsschutz und an Hygienesachbearbeitern besteht. Wir brauchen auch mehr Kinderärzte im Gesundheitsamt, weil unter anderem die neuen Schuluntersuchungen in Bayern viel aufwändiger werden. Vor allem was die Digitalisierung betrifft hat uns die Pandemie überrascht. Anfangs mussten wir für die Erfassung der Neuinfektionen mit Excel-Tabellen arbeiten. Mit externer Hilfe ist es uns dann innerhalb von wenigen Wochen gelungen, eine Datenbank aufzubauen. Es gibt da aber noch reichlich Bedarf für Investitionen.

Das Geld aus dem 4-Milliarden-Euro-Pakt wird übrigens nicht auf einmal, sondern über einen Zeitraum von sechs Jahren auf die rund 400 Gesundheitsämter in Deutschland verteilt. Ich habe darüber  bereits mit der Gesundheitsreferentin der Stadt, Britta Walthelm, gesprochen. Vor allem brennt es im Infektionsschutz aber die Gesundheitsämter haben noch mehr Aufgaben.

Diese Vielfalt im Regelbetrieb schätze ich an der Tätigkeit im Gesundheitsamt am meisten: Von Trinkwasserhygiene über Gesundheitsplanung bis zur psychiatrischen Versorgung von Flüchtlingen ist da alles dabei. Ein gravierendes Problem ist jedoch die Bezahlung. Ein Facharzt oder eine Fachärztin verdienen bei einer Vollzeitstelle im Vergleich zu Kollegen in Praxen oder Kliniken bis zu tausend Euro weniger im Monat. Die Stadt Nürnberg hat das Problem erkannt und schon letztes Jahr Zulagen bewilligt, doch der Unterschied wird dadurch nicht wirklich ausgeglichen. Dabei leisten die Kollegen bei uns auch ohne Corona anspruchsvolle Arbeit. So kommt es, dass immer noch Stellen frei sind.

Vor allem suchen wir Kinder- und Jugendärzte sowie Kinder- und Jugendpsychiater und Psychiater. Wer sich dafür interessiert, Arzt für Öffentliches Gesundheitswesen zu werden, kann in Bayern einen Kurs (Amtsarztlehrgang an der Akademie in München) über einige Monate mit abschließender Prüfung absolvieren, hinzu kommen als Voraussetzung für den Facharzt mehrere Jahre der Weiterbildung, die auf jeden Fall auch eine psychiatrische Station umfassen muss. Ähnlich läuft es in den anderen Bundesländern. Eine Weiterbildung zum Hygienesachbearbeiter kommt für Fachkräfte, zum Beispiel aus der Pflege, in Frage, aber auch für Mitarbeiter aus der Verwaltung oder Menschen, die in technischen Berufen arbeiten und neue Herausforderungen suchen.

Um für die Entwicklung der Corona-Pandemie und weitere drohende Gesundheitsgefahren gewappnet zu sein, braucht es neue Pandemiepläne. Wir hatten anfangs einen Plan für etwa vier Wochen. Mehr Fantasie hatten wir nicht, was da auf uns zukommen sollte. Neue Konzepte müssen her, die immer wieder aktualisiert werden müssen. Dazu sind Übungen nötig. Es braucht klare Strukturen und Ablaufwege. Das müssen wir noch auf andere Füße stellen. Wir haben jetzt gesehen, dass wir im akuten Fall schnell einen hohen Personalbedarf haben. Daher sind versierte Stammkräfte wichtig sowie Schulungskonzepte für die, die rasch rekrutiert werden müssen. Es ist gut, dass wir jetzt die Chance für die nötigen Investitionen bekommen."