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„Eine Maske kann auch unvorsichtig machen“

Abstands- und Hygieneregeln sollen beibehalten werden. Wir sprachen mit einem Psychologen über die Herausforderung, die empfohlenen Verhaltensregeln – trotz ersten Lockerungen – weiter einzuhalten

von Elisabeth Hussendörfer, aktualisiert am 27.04.2020

Prof. Dr. Markus Feufel lehrt und forscht am Institut für Psychologie und Arbeitswissenschaft (IPA) der Technischen Universität Berlin. Wir haben ihn gefragt:

Herr Prof. Feufel, Sie erforschen nicht nur, wie Menschen sich ändernden Anforderungen anpassen, sondern auch, wie man sie in die Lage versetzt, diese Anpassungsprozesse aktiv mitzugestalten. Was ist Ihr Eindruck: Gelingt der Spagat? Halten die Leute die Regeln weiter ein - gerade jetzt, wo die Einschränkungen langsam weniger werden?

Tatsächlich habe ich gleich an Tag eins der Lockerungen eine Veränderung bei mir selbst festgestellt. Ich habe zum ersten Mal eine Maske getragen und mich dadurch deutlich sicherer gefühlt. Ich habe mich beim Einkaufen ertappt, dass ich weniger darauf geachtet habe, was ich anfasse und dass ich Abstand zu anderen halte. Eine Maske kann diese Maßnahmen aber natürlich nicht ersetzen. Auch hatte ich bei einem Arztbesuch am gleichen Tag den Eindruck, dass zwar Masken getragen, aber Abstandsregeln wieder weniger eingehalten werden. Das sind natürlich nur meine persönlichen Beobachtungen. Sie haben mir aber klar gemacht, dass Lockerungen nicht dazu führen sollten, dass ich es insgesamt lockerer angehen lassen kann.

Aber ist das denn nicht so? Immerhin klang der Bundesgesundheitsminister in den vergangenen Tagen ja recht optimistisch…

Ja, wir alle haben durch unser diszipliniertes Verhalten in den letzten Wochen dazu beigetragen, dass die Infektionsraten so schnell wieder zurückgegangen sind. Das ist eine gesamtgesellschaftliche Leistung auf die wir stolz sein können. Auch wenn vielleicht der Eindruck entstehen kann und wir uns das alle wünschen, heißt das aber nicht, dass das Risiko gebannt ist. Die Infektionsraten können auch wieder steigen, wenn wir nicht weiterhin das Ansteckungsrisiko durch unser Verhalten klein halten. 

Meinen Sie also, das wahrgenommene Risiko durch das Corona-Virus nimmt durch den bisher positiven Verlauf in Deutschland ab?

Unsere Umfrageergebnisse deuten darauf hin, ja. Seit Tag eins der Kontaktsperre führen wir eine Online-Befragung zur Risikowahrnehmung während der Corona-Krise durch und werten die Ergebnisse täglich aus. Bisher haben ca. 2.700 Menschen an unserer Umfrage teilgenommen und wir hoffen, dass es auch im weiteren Verlauf viele Teilnehmer geben wird, damit wir aus den Antworten gute Schlüsse ziehen können. Anhand der bisherigen Ergebnisse kann man sehen, wie sich die Risikowahrnehmung seit Mitte März entwickelt hat. Vereinfacht kann man sagen: Zu Beginn der Krise standen die Sorge ums eigene Leben und um andere im Vordergrund. Die Akzeptanz der ergriffenen Maßnahmen war und ist insgesamt hoch. Nach und nach wurden aber auch Themen wie "Was ist mit der Wirtschaft?" diskutiert. In der aktuellen Phase wird darüber nachgedacht, ob unter Umständen durch die ergriffenen Maßnahmen "auf Basis unsicherer Datenlage ein riesiger Schaden angerichtet" wurde.

Die Risikowahrnehmung nimmt also ab?

Tendenziell ja. Die Tatsache, dass wir in Deutschland – allen Befürchtungen zum Trotz –weiterhin Kapazitäten in den Krankenhäusern und vergleichsweise wenige Corona-Tote haben, ist in der Tat beruhigend. Sie darf aber nicht dazu führen, dass wir zu früh nachlässig werden. Wie gesagt: Ich beobachte an mir selbst, dass ich anfange, wieder weniger auf Schutzmaßnahmen zu achten. Was wir weiterhin konkret tun können und müssen, tritt in den aktuellen Diskussionen um Lockerungen eher in den Hintergrund. Ich frage mich also, ob wir das Spannungsfeld zwischen gesellschaftliche Lockerungen und der damit wieder wachsenden Verantwortung für das eigene Verhalten stärker öffentlich diskutieren müssen.

Was müsste ganz konkret kommuniziert werden?

Dass es kein Widerspruch ist, neue Freiheiten zu haben und sich gleichzeitig weiterhin verantwortungsbewusst einzuschränken. Ganz im Gegenteil: Lockerung und persönliche Verantwortung – beides geht in der aktuellen Lage nur zusammen, wenn wir weiterhin so gut durch die Krise kommen wollen, wie bisher. Das heißt, wenn jetzt die Geschäfte wieder geöffnet sind, müssen wir noch konsequenter als bisher auf unser Verhalten achten, Abstand halten, in die Armbeuge niesen, immer gut die Hände waschen und so weiter.

Die berühmten 30 Sekunden Händewaschen…

… genau. Anfangs gab es immer wieder ausführliche Erklärungen in Tageszeitungen, im Fernsehen oder im Internet, wie man sich richtig die Hände wäscht und welche anderen Verhaltensregeln wirksam und wichtig sind. Jetzt, wo erste Maßnahmen gelockert werden, liest und hört man kaum noch etwas dazu. Dabei ist Händewaschen natürlich genauso wichtig wie in Woche eins des Lockdowns. Ich würde sogar sagen: Wenn wir jetzt wieder mehr in Kontakt mit anderen Menschen kommen, ist Abstand halten, in die Armbeuge niesen und Hände waschen noch wichtiger als vor der Lockerung, um eine weitere Ausbreitung des Virus zu vermeiden!

Was meinen Sie: Was können wir ganz konkret tun, damit wir in unserem Verhalten nicht nachlässig werden?

Damit wir die geforderten Abstands- und Hygieneregeln im hektischen Alltag nicht vergessen, können wir zum Beispiel Erinnerungshilfen verwenden. Um sich ans Händewaschen zu erinnern, wenn man nach Hause kommt, kann man ein Handtuch ans Schlüsselboard hängen oder man lässt die Badezimmertür offen stehen. Alles, was kurz unsere Aufmerksamkeit auf die geltenden Verhaltensregeln lenkt, kann hilfreich sein: Ein Gummiband am Handgelenk , Post-Its mit "Abstand halten" an der Wohnungstür oder das berühmte Taschentuch mit dem Knoten drin.

Wir Deutschen gelten ja als pflichtbewusstes Volk. Sie sagen es ja selbst: Die Maßnahmen haben bislang gut funktioniert. Aber jetzt hören wir, dass die Einschränkungen uns möglicherweise noch lange begleiten. Das wirkt beim ein oder anderen sicher auch ermüdend.

Ja, die aktuelle Ausnahmesituation ist für uns alle anstrengend und stellt, je länger sie dauert, unsere Geduld und unseren guten Willen auf die Probe. Dabei hilft es sicher nicht, wenn wir immer wieder darüber nachdenken, wie sehr wir durch das Virus in unserem Leben eingeschränkt werden oder was wir selbst oder als Gesellschaft hätten anders oder besser machen können. Den Blick zurück können wir auch nach der Krise noch werfen und werden daraus sicher wichtige Lehren ziehen. Momentan sollten wir uns eher fragen, was uns motiviert weiterzumachen und die Situation gemeinsam durchzustehen.

Was raten Sie?

Wir können uns zum Beispiel immer wieder daran erinnern, warum wir das alles tun und für wen: Sei es dafür, dass unser Gesundheitssystem am Corona-Virus Erkrankte auch weiterhin gut versorgen kann oder, ganz persönlich, für unsere Großeltern oder die nette ältere Dame von nebenan. Auch kann es helfen darüber nachzudenken – und das tun aktuell viele Menschen –, wie wir trotz Einschränkungen mit anderen und für andere da sein können. Beispiele sind der virtuelle Stammtisch oder Videoabend, Gespräche übers Telefon, über den Hof und aus offenen Fenstern. Oder hupende Autokarawanen statt Geburtstagsfeiern. Soviel Kreativität macht Mut! Auch können wir stolz darauf sein, dass wir alle durch unser Verhalten dazu beigetragen haben, dass wir in Deutschland bisher vergleichsweise gut durch die Krise gekommen sind. Ich wünsche uns allen, dass wir die aktuelle Lage dazu nutzen, mehr auf das zu achten, was uns wichtig ist. Dass wir es schaffen, aus dem Erreichten neue Kräfte zu schöpfen, um die Krise gemeinsam und weiter so erfolgreich durchzustehen.