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"Daddeln und aus der Dose essen macht nicht glücklich"

Videoclips der Bundesregierung sollen mit Augenzwinkern dazu animieren, in der Corona-Krise zu Hause zu bleiben. Wir sprachen mit dem Wuppertaler Psychiater Dr. Michael Depner über die Clips

von Elisabeth Hussendörfer, 25.11.2020

Herr Dr. Depner, im Stil von "Opa erinnert sich" erzählt ein fiktiver Herr Lehmann in den Corona-Spots der Bundesregierung rückblickend, was er tat, als "das Schicksal des Landes plötzlich in unseren Händen lag". Wie gefallen Ihnen die Videoclips?

Meine erste Reaktion: Lustig, gute Machart. Dann sprach ich mit meiner Frau. Viele könnten sich vor den Kopf gestoßen fühlen, meinte sie. Ich stimme zu: Wer existenziell von der Krise bedroht ist, kann hier vermutlich nicht lachen.

Herr Lehmann lungert auf der Couch, schaut Fernsehen, isst Chips. In einem früheren Interview mit uns hatten Sie betont, wie wichtig gerade jetzt die Selbstwirksamkeit sei. Das Forschen nach eigenen Einflussmöglichkeiten also – auch, wenn dies vor dem Hintergrund der Einschränkungen schwierig bis unmöglich scheint. Ist der faule Herr Lehmann selbstwirksam?

Tatsächlich wirkt er zunächst eher resigniert. Im späteren Verlauf des Videos klingt er dann aber anders. So, als hätte er das Ganze mit Fassung getragen. Vielleicht hat er sein Tun als etwas Großes, Wirkungsvolles begriffen? Als Mitglied der Gesellschaft einen wichtigen Beitrag leisten zu wollen, indem man andere schützt, kann dazu führen, dass man sich selbst als aktiv und einflussreich erlebt. Bei aller von außen wahrgenommener Passivität.

Getreu des bekannten Gelassenheitsgebets vom Theologen Reinhold Niebuhr: "Gott, gib mir die Gelassenheit, Dinge hinzunehmen, die ich nicht ändern kann, den Mut, Dinge zu ändern, die ich ändern kann, und die Weisheit, das eine vom anderen zu unterscheiden?"

Möglich, dass Herrn Lehmann diese Haltung geholfen hat. Zunächst geht es allerdings erst einmal darum, wertfrei zu sehen und anzuerkennen, was ist. In der Arbeit mit meinen Patienten ist das ein wichtiger Punkt. Im Moment sind es zwei Gruppen, die besonders unter der Situation leiden und die auch verstärkt in die Praxis kommen.

Dr. Michael Depner

Selten saß ich so vielen Studenten gegenüber wie jetzt. Ich kann nur ahnen, wie ich selbst als Student in einem solchen Lockdown gelitten hätte. Also schauen wir uns das Leiden an. Lassen die Erfahrung zu. Sie reflexartig abzuwerten, im Sinne von "alles nicht so schlimm", das würde der Sache nicht gerecht.

Was macht das mit mir, wenn ich jetzt einen so großen Mangel erlebe, meine Freunde nicht treffen und mich nicht verlieben kann? Mir fehlt etwas. Allerdings kann man im zweiten Schritt weiterfragen: Was macht es möglicherweise noch?

Nämlich?

Eine wachsende Wertschätzung für Freundschaft, mehr Tiefe im Zwischenmenschlichen, längerfristig? Zunächst klingt so ein Gedanke gerade für jemanden um die Zwanzig vermutlich abstrakt. Dennoch gebe ich ihn hier und da mit. Zu sagen, Corona ist Unglück, basta, das wäre zu einfach. Die Corona-Krise ist zunächst ein Ereignis, das die Menschen beschäftigt. Wie diese Phase des Lebens genutzt wird und ob dies vielleicht auch nutzbringend geschieht, das ist eine andere Frage.

Welche ist die zweite Gruppe, die besonders stark unter den Einschränkungen leidet?

Das sind die Älteren, vor allem diejenigen, die alleine leben. Viele haben ihren Alltag sonst über feste Programmpunkte strukturiert. Der Gang ins Café. Der Arztbesuch inklusive ausgiebiger Zeit im Wartezimmer, wo man in Illustrierten blättert und vielleicht ein paar Takte plaudert. Wenn das alles wegfällt, kann das einen Verlust von Halt bedeuten. Vor allem dann, wenn ich es mit mir selbst nur schwer aushalten kann. Und das scheint mir auf viele Menschen zuzutreffen – nicht nur auf jene, die zu mir in die Behandlung kommen.

Macht das bei Herrn Lehmann den Unterschied: Ist er jemand, der es gut mit sich aushalten kann?

Sagen wir so: Daddeln und aus der Dose essen macht auf Dauer nicht glücklich. Die Aktivitäten mit der Liebsten dürften sich irgendwann auch erschöpft haben. Ich bezweifle, dass Herr Lehmann auf diese Art durch die Monate gekommen ist. Ich gehe davon aus, dass er irgendwann angefangen hat, sich mit der Situation auseinanderzusetzen, statt die Tage weiter in einer unterschwelligen Halb-Zufriedenheit verstreichen zu lassen.

Was könnte Herr Lehmann geholfen haben?

Dass er sich das Vakuum in seinem Inneren bewusst gemacht hat. Dass er die Leere erkannt und angenommen und sie nicht hektisch und vorschnell mit irgendetwas gefüllt hat. Die Qualität der Leere nicht als Missstand abzuwerten, sondern sie als das zu nehmen, was sie ist - eine Qualität menschlichen Erlebens - darum geht es. Im bloßen Annehmen erleben Menschen manchmal etwas Erstaunliches. Manches lässt sich dann umdeuten: Leere kann Fülle werden.

Haben Sie ein konkretes Beispiel, wie das gelingen kann?

Ich kann von mir selbst erzählen. Seit zwei Monaten schaue ich kein Fernsehen mehr. Grund ist auch ein gewisser Corona-Überdruss und dass ich mich hier lieber lesend informiere als über bedrohlich wirkende Bilder. Eine Freundin meiner Frau hat seit vielen Jahren keinen Fernseher mehr. Wie macht sie das, habe ich mich früher oft gefragt. Womit verbringt sie abends die Zeit?

Ich weiß noch, wie zunächst ein wenig ratlos auf der Terrasse gesessen bin. Mein Blick wanderte zum Himmel. Spontan habe ich mir dann eine Software runtergeladen, mit der man Planetenkonstellationen bestimmen kann. Seitdem klingen viele Tage bei mir genau so aus: Ich gehe mit dem Feldstecher nach draußen, verweile dort.

Auch Spazierengehen und Kochen haben einen neuen Stellenwert bekommen. Ich habe ja jetzt viel mehr Zeit, seitdem ich nicht mehr fernsehe. Ganz ehrlich: Manchmal bin ich fast dankbar um die Krise. Ohne den medialen Überdruss hätte ich all diese schönen Erfahrungen vielleicht nie gemacht.

Sie haben eben vom Umdeuten gesprochen. Kann das auch in den kommenden Wochen gelingen? Viele gewohnten Rituale werden wegfallen. Die Weihnachtsmärkte sind abgesagt, Weihnachtsfeiern finden nicht statt, die für manche schönste Zeit des Jahres dürften vielfach reduziert und traurig erlebt werden.

Keine Frage: Vieles wird fehlen. Aber vielleicht kann man sich ja einmal fragen: Womit könnte sich die Leere stattdessen füllen? Vielleicht kann man in diesem Jahr andere Dinge finden? Stollen backen. Die Wohnung mit Selbstgemachtem schmücken. Möglicherweise bleibt jetzt mehr Zeit für solche Dinge, wird der Advent dann sogar hier und da geruhsamer und stressfreier erlebt als sonst. Wieso lassen wir uns nicht davon inspirieren, wie frühere Generationen die Weihnachtszeit verbracht haben?

Geht es auch um Achtsamkeit?

Auch, ja. Meinen Patienten rate ich das manchmal: Versuchen Sie kleine, Ruhe fördernde Rituale in den Alltag einzubauen. Definieren Sie feste Zeiten dafür. Ich selbst meditiere jeden Tag. Ich lasse den Atem fließen, beobachte, wie er kommt und geht. Aufkommende Gedanken lasse ich ziehen.

Ach je, ich wollte ja noch die Wäsche aufhängen? Ich nehme das als Impuls wahr, reagiere aber nicht darauf. Man kann sowas trainieren. Und es fällt einem dann auch im Alltag leichter, in sich zu ruhen – es mit sich selbst auszuhalten, sozusagen.

Ob der junge Herr Lehmann meditiert hat?

Das bezweifle ich. Ich bezweifle aber wie gesagt auch, dass er allein damit zufrieden war, aus der Dose zu essen und zu daddeln. Ohne die Erfahrung der Selbstwirksamkeit würde er anders auf diese Zeit zurückblicken. Und vielleicht bezieht er in seinen Rückblick ja auch bereits den Sommer 2021 mit ein? Jene Zeit, in der das Leben sich hoffentlich wieder grundlegend anders angefüllt hat.