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Covid-19: Bericht einer Erkrankten

Karin lebt gesundheitsbewusst, ist sportlich und hat keine Vorerkrankungen. Kein Grund, sich wegen Corona Sorgen zu machen, denkt die 52-Jährige. Dann kommt sie mit Atemnot ins Krankenhaus

von Elisabeth Hussendörfer, 27.05.2020

"Dann war das wohl doch etwas viel gewesen, dachte ich mir Anfang März, nachdem ich mit einer Freundin und ihren Kindern für einen ausgedehnten Spaziergang im Wald gewesen war. Dass ich seit Kurzem dieses Kratzen im Hals hatte und hustete, hatte mich nicht abgehalten. Frische Luft tat doch eher gut.

Zunächst fühlte sich alles an wie bei einem grippalen Infekt. Die Glieder schmerzten, der Kopf brummte, dann kam Durchfall dazu. Hatte ich Fieber? Ausgerechnet jetzt gab unser Ohrenthermometer den Geist auf!

Plötzlich ist die ganze Familie schlapp

Am anderen Tag bin ich in die Apotheke, um Ersatz zu holen. Es war schon eigenartig: Nicht nur ich, auch der Rest der Familie fühlte sich auf einmal schlapp: Chris, mein Partner, Tamara, meine 25-jährige Tochter, die gerade auf Besuch war, und Tim, ihr Freund, den sie mitgebracht hatte.

Wir witzelten: Das wird ja wohl nicht Corona sein. Weder waren wir Skifahren gewesen noch anderweitig groß unterwegs in letzter Zeit. Bis heute ist mir schleierhaft, wo ich mich angesteckt haben soll. Bei der Arbeit? Ich bin als Kinderkrankenschwester in einem Hospiz tätig, höher könnten Hygienestandards kaum sein. Beim Einkaufen? Wenn, dann eher da.

Aus den Witzen wurden Beschwichtigungsversuche. Risikogruppe – dieser Begriff scheint im Zusammenhang mit Corona stets der erste zu sein. Wieso sollte ich mir mit Anfang 50 Gedanken machen? Drei- bis viermal pro Woche treibe ich außerdem Sport, laufe, gehe ins Fitnessstudio. Ich rauche nicht, esse kaum Zucker, nur wenig tierisches Fett, viel Obst, viel Gemüse. Wenn, dann trifft es Chris, waren wir uns einig. Er hat Asthma und Bluthochdruck.

Unvorhersehbar, wer von der Familie schwer erkrankt

Inzwischen wissen wir, dass es zumindest auf uns bezogen nicht mal im Ansatz nachvollziehbare Corona-Logiken gibt: Chris, fast 60, hat COVID-19 gut weggesteckt. Tamara dagegen hat mit Mitte Zwanzig fast dasselbe durchgemacht wie ich, nur ohne Krankenhausaufenthalt. Tim hat sich zwar schlecht gefühlt – allem Anschein nach aber kein Corona gehabt. Zumindest hat ein kürzlich durchgeführter Antikörpertest nichts angezeigt.

Zunächst wie gesagt schienen wir damals alle vier im selben Boot zu sitzen. Schlurften kraftlos durch die Wohnung, tranken Tee. "Die Grippe halt." Chris schien es besonders erwischt zu haben, bei ihm ging das Fieber rauf. Aber nur vier Tage lang, dann fühlte er sich besser. So wie ich, die ja ohnehin nur erhöhte Temperatur gehabt hatte. "Zum Glück, kein Corona" – wieder witzelten wir.

Pause nach den ersten Symptomen

Ich weiß noch genau, wie dann mein Sohn, der im Ausland studiert, anrief und etwas sagte, was mich hellhörig machte. Manchmal gehe es bei COVOD-19 erst nach einer Woche so richtig los, hätte er gelesen. Ich beobachtete mich. Nein, da ging nichts los, eher im Gegenteil: Die Kraft kam zurück. Vieles war liegen geblieben, das holte ich nun nach. Wäsche waschen, Bad putzen. Und: Endlich mal wieder was Richtiges kochen.

Chinesische Pfanne mit Curry und Kokosmilch sollte es geben, scharf und würzig. Nie vergesse ich, wie ich da in der Küche stehe und abschmecken will und auf einmal merke ich: Es geht nicht. Ich rieche nichts, ich schmecke nichts. Erst später habe ich irgendwo gelesen, dass es sowas bei Corona öfter gibt.

Plötzlich fällt das Atmen schwer

Und dann ist es passiert, eine gute Woche nach dem Waldspaziergang, von jetzt auf gleich. Es war Abend, ich saß auf der Couch und hatte plötzlich diesen merkwürdigen Gedanken: Ob ich gegen irgendetwas in den Sofakissen allergisch bin? Das Atmen fiel mir auf einmal so schwer. Alles fiel auf einmal schwer. Es war, als hätte jemand den Stecker gezogen.

Du musst ganz tief ausatmen, sagte Chris als es am anderen Morgen nicht besser war. Als Asthmatiker weiß er, wie das ist, wenn man wegen Luftnot in Panik verfällt. Seine Tipps halfen, aber nur kurzfristig. Darum haben wir dann die Hausärztin angerufen, die alles Weitere in die Wege geleitet hat.

Der Transport zum Krankenhaus geschah unter großem Aufwand. Der Rettungswagen kam mit Blaulicht und hielt vor der Tür. Warten Sie drinnen, hieß es. Ich sah, wie zwei Männer sich anzogen: Mundschutz, Schutzkleidung, Brille. Sollen wir eine Trage holen? Fragten sie, als ich ihnen entgegen ging. Ich verneinte, musste mir aber gleichzeitig eingestehen, dass die Frage so abwegig nicht war. Jeder Schritt, jede Bewegung, kostete Kraft.

Abschied von der Familie

Ich bekomme Gänsehaut, wenn ich daran denke, wie ich mich von meinen Lieben verabschiedet habe. Das wird schon alles, sagte meine Tochter, als wir uns drückten. Ich lachte, so wie sie, aber gleichzeitig liefen Tränen. Wenn man in einem Hospiz arbeitet, weiß man, wie schnell ein Zustand sich verändern kann.

Und dann sitzt man also hinten in diesem Rettungswagen und kommt sich vor wie im Film. Gibt es irgendwelche Vorerkrankungen? Zack, da war sie, die Frage. "Überhaupt nicht!"

Im Krankenhaus wurde ich durch Gänge geschleust, durfte mich von am Boden befindlichen roten Klebestreifen nicht wegbewegen. Gruselig.

Die CT liefert deutliche Hinweise

Als erstes wurde dann ein CT der Lunge gemacht. Von einer nicht üblichen Pneumonie, die das Lungenzwischengewebe betreffe, sprach der Arzt, als er mir die weißen Stellen zeigte. Ein Abstrich würde hier im Grunde lediglich eine Bestätigung liefern: "Das alles ist typisch für eine COVID-19 Infektion." Auch der Erguss im Herzbeutel passe ins Bild. "Eine Herzbeteiligung kommt oft bei viralen Infekten vor. Es wird sich genau wie das mit der Lunge zurückbilden."

Beruhigend, denkt man. Mit dem heutigen Wissen aber stehen die Aussagen des Arztes anders da. Das Virus trifft in erster Linie nur die Lungen, dachten Fachleute zunächst. Dass COVID-19 sich im gesamten Körper ausbreiten, in feinste Gewebestrukturen vordringen und das Blut verklumpen kann, ist erst Stück für Stück bekannt geworden. Fakt ist: Ich war eine der ersten Corona-Patientinnen in dieser Klinik. Viel Erfahrung konnte der Arzt mit dem Virus also noch nicht haben.

Manches erschließt sich über das, was man nach und nach erfährt. Etwa diese Situation am zweiten Tag, als mir während der Visite auf einmal war, als würde wer auf meiner Brust sitzen. Hastig bekam ich ein gefäßerweiterndes Spray unter die Zunge gesprüht. Aus meiner Ausbildung weiß ich: Dieses Mittel kommt in der Notfallmedizin bei Verdacht auf einen Infarkt zum Einsatz. Herzinfarkt, denke ich reflexartig. Wenn Leute COVID-19 gebetsmühlenartig mit der Grippe vergleichen, macht mich das heute fassungslos.

Sauerstoff und Inhalationen gegen die Atemnot

Hoffentlich geht das hier gut aus, habe ich mir in der knappen Woche im Krankenhaus oft gesagt. Ein Gesunder hat tausend Wünsche, ein Kranker nur einen – besser lässt sich nicht beschreiben, wie es mir ging. Trotz Inhalation.... Alle sechs Stunden sollte ich zehn Minuten lang über eine Maske eine mit Medikamenten angereicherte Flüssigkeit einatmen. Über Druckluft fein zerstäubt, sodass auch die tieferen Bereiche der Lunge erreicht werden. Danach ging es mir immer für ein bis zwei Stunden besser. Bis die nächste Welle mich erwischte.

So verliefen die Tage: Nach dem Aufwachen ging es mir erst ganz okay, dann kam plötzlich wieder dieses Gefühl vom gezogenen Stecker. Nachmittags dasselbe: Ansätze von Kraft kommen. Und gehen. Im Kleinen – über den Tag – wie im Großen – über die Wochen ist das für mich mit Corona so: Nie weiß man, wo man dran ist. Immer, wenn man zaghaft glauben möchte, dass es endlich besser wird, haut es einen wieder rein. Das Vertrauen in den Körper, in die eigenen Selbstheilungskräfte erfährt einen nie dagewesenen Dämpfer. Zusammen mit dem Wissen, dass es nicht mal ansatzweise so etwas wie ein Medikament gegen COVID-19 gibt, eine sehr spezielle, Angst auslösende Situation!

Dabei war ich ja noch ein vergleichsweise leichter Fall. Nur zum Inhalieren bekam ich Sauerstoff dazu. Eine  Maskenbeatmung war glücklicherweise nicht nötig. Von einer künstlichen Beatmung war ich erst recht weit entfernt. Nicht auszudenken, was andere durchmachen, bis sie genesen. Wenn sie genesen…

Entlassung und erneute Einlieferung

Als die Ärzte am fünften Klinik-Tag von Entlassung sprachen dachte ich erst, ich höre nicht recht. Die weißen Stellen auf der Lunge seien kaum noch zu sehen, hieß es, das Herz sei ebenfalls wieder in Ordnung. So wie mein Blut, das am Tag der Einlieferung untersucht worden war. Nicht mal Entzündungsparameter waren bei mir erhöht, trotz Lungenentzündung, das scheint bei Covid-19 häufig der Fall zu sein, soviel ich weiß. Und auch das macht diese Krankheit für mich so tückisch: Dass sie stellenweise so harmlos daherkommt. Dass die Vitalparameter, Puls, Blutdruck, und Sauerstoffsättigung hervorragend sein können und man sich trotzdem am Ende fühlt. In vielerlei Hinsicht ist das Virus erst auf den zweiten Blick gefährlich, so habe ich es Freunden erklärt.

Auf die Entlassung folgte schon einen Tag später eine erneute Klinik-Einlieferung – sie könne "das" nicht verantworten, meinte die Dame vom Gesundheitsamt, die uns quarantänemäßig überwachte. Wieder Untersuchungen, wieder Inhalation und nach zwei Tagen wieder eine Entlassung, die nicht wirklich für eine Besserung meines Zustandes stand.

Bis heute immer wieder Rückschläge

In Wellen ist es bis heute weitergegangen. Ja, inzwischen gibt es tatsächlich schon auch mal gute Tage. Tage, an denen ich denke: Jetzt geht es bergauf, so richtig. Rückschläge aber bleiben weiterhin nicht aus. Lymphknoten, die plötzlich wieder dick sind, gibt es, heftige Halsschmerzen, Bläschen auf der Zunge. Gestern habe ich ein bisschen im Garten gewerkelt, kurzfristig war Kraft da. Aber dann steht man vor dieser Treppe und fragt sich, wie man es schaffen soll, da rauf zu kommen. Oder auch: Wie man je wieder sowas wie einen normalen Arbeitstag schaffen soll.

Von was sprechen wir eigentlich, wenn wir die Genesenen zählen, frage ich mich. Von einer Lunge, die sich erholt hat? Vom Fieber, dass nicht mehr zurückgekehrt ist? Meine Tochter Tamara hat oft Kopfweh und Übelkeitsschübe, auch fühlt sie sich schwach, ähnlich wie ich. Ob das alles noch mit Corona zu tun hat? Meine Ärztin ist ehrlich, sagt: Sie weiß es nicht. Meine Ärztin sagt auch, es könnte sein, dass das noch Monate so geht.

Kopfschütteln über die Unbeschwertheit

Dann die Unbeschwertheit größer werdender Teile der Öffentlichkeit im Umgang mit COVID-19 zu sehen, löst bei mir Kopfschütteln aus. Ja, es stimmt: Viele scheint es nur leicht zu erwischen. Einige aber trifft es schlimmer. Das dürfen wir nicht vergessen! Auch dann nicht, wenn im Blut weiterhin nichts auffällig ist. Wenn man, wie Tamara und ich, in die Statistik der "Genesenen" gehört."