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Coronavirus: Wird die Impfung auch Skeptiker überzeugen?

Weltweit arbeiten Forscher an einem Impfstoff gegen Covid-19. Die Menschen werden froh sein, sich so schützen zu können, glaubt der Virologe Prof. Thomas Mertens

von Elisabeth Hussendörfer, 02.04.2020
Impfgegner

Die Zahl der absoluten Impfgegner liegt bei etwa zwei Prozent. Experten unterteilen Impfskeptiker in drei Gruppen: eher befürwortend, teils-teils und eher ablehnend


Noch nie zuvor sind uns in den Medien derart viele Virologen, Infektiologen und Mikrobiologen begegnet wie in diesen Tagen. Die Stimme der medizinischen Fachwelt scheint gewaltig, die Menschen warten täglich gebannt darauf, dass es Neuigkeiten gibt. Wir haben Prof. Dr. Thomas Mertens, Virologe an der Universitätsklinik Ulm und Leiter der Ständigen Impfkommission (STIKO) am Robert Koch-Institut gefragt:

Werden die aktuellen Entwicklungen dazu beitragen, dass die Impfbereitschaft in der Bevölkerung zunimmt?

Das hoffen wir, auch wenn sich am Prinzip des Impfens natürlich nichts geändert hat. Wir haben es mit Erregern zu tun, die sich nur dann endgültig eindämmen lassen, wenn es einen ausreichenden Schutz in der Bevölkerung gibt. Das ist bei Sars-CoV-2 nicht anders als beim Masern- oder Poliovirus. Neu ist nun ein möglicher Bewusstseinswandel auf breiter Ebene. Dass gesehen wird: Ja, das macht wirklich Sinn, diesen Pieks in den Arm zu bekommen, damit man sich und andere schützt.

Ein Problem ist ja, dass die meisten Menschen durch die Erfolge der Impfungen viele Krankheiten nicht mehr kennen. Und nicht mal die Ärzte kennen heute noch eine Diphterie oder einen Wundstarrkrampf. Eine Gefahr dieser an sich erfreulichen Entwicklung ist, dass sich das Risikobewusstsein nur schwer aufrechterhalten lässt. Dass ein gewisser Realitätsverlust eintritt, salopp gesagt.

Sie spielen auf Impfgegner an?

Auch, vor allem haben wir aber die Impfskeptiker im Blick. Die Zahl der absoluten Impfgegner liegt seit Jahren recht konstant bei um die zwei Prozent. Daneben gibt es eine Gruppe von Menschen, die in Studien in drei Gruppen unterteilt werden: Eher befürwortend, teils-teils und eher ablehnend. Diese Menschen, gilt es durch eine gute Aufklärung zu gewinnen. Bei den harten Impfgegnern wird dies wohl auch in Zeiten von Covid-19 leider kaum möglich sein.

Wieso?

Solche Leute gehen ja gemeinhin davon aus, dass es hinter den Dingen eine zweite, nicht transparent gemachte Motivation gibt. "Alle Leute, die auf öffentlicher Bühne agieren, sind korrupt" – so etwas zum Beispiel. Eine Frage, die ich mir dann immer stelle, ist: Wenn Menschen glauben, dass die Anderen aus derart schlechten Motiven heraus agieren – schließen die Impfgegner sich da mit ein? Oder glauben sie, die einzigen zu sein, die da ausgeklammert gehören und die allein von guten Motiven getrieben sind? Wenn dem so ist, würde mich schon allein das hellhörig machen.

Sie sprachen gerade davon, dass Aufklärung wichtig sei. Sind die Vorteile des Impfens nicht hinlänglich bekannt?

Leider nein, weder das eine noch das andere. "Gesunde Kinder gehen zum Arzt und werden mit Impfungen vollgepumpt", twitterte Donald Trump vor einiger Zeit. Von einer Zunahme von Autismus sprach er im selben Tweet, es gebe vieler "solcher Fälle". Etwa zur selben Zeit hat Trump Bill Gates im Weißen Haus empfangen, einen der größten Forschungsförderer im Bereich der weltweiten Gesundheitsvorsorge . "Gibt es einen Unterschied zwischen HIV und HPV?" wollte Trump von ihm wissen. Zum einen macht es natürlich fassungslos, wenn so etwas von keinem geringeren als dem amerikanischen Präsidenten kommt.

Zum anderen bringen solche Aussagen auf den Punkt, was auch beim Rest der Bevölkerung vorkommt, und das nicht nur in Amerika: Trotz des eigenen Unwissens und obwohl jede Menge anderslautende wissenschaftliche Information verfügbar wäre, hat man reflexartig Meinungen bereit.

Ich möchte hier gerne nochmal einen amerikanischen Präsidenten zitieren. Der größte Feind der Wahrheit ist häufig nicht die Lüge, sondern der Mythos, hat John F. Kennedy gesagt. Vergessen wir nicht: Impfkritische Veröffentlichungen im Internet oder in der Literatur sind meist subjektiv verfasst und genügen kaum wissenschaftlichen Ansprüchen. Den gewiss eindrucksvoll geschilderten vermuteten Impfschadensfällen könnte man sicher ebensolche Fälle von Kindern gegenüberstellen, die durch Krankheiten einen Gesundheitsschaden erlitten haben.

Reißerische Meldungen rund um die Gefahren des Impfens werden vermutlich häufiger geklickt und geteilt als fundierte medizinische Empfehlungen…

Das ist das eine Problem, ja. Ein anderes mag da eher überraschen. Aus Erhebungen wissen wir, dass es vor allem zwei Gründe dafür gibt, dass Menschen sich nicht impfen lassen: Einmal, weil sie es schlicht vergessen. Und dann, weil sie nicht darauf hingewiesen werden. Die niedergelassenen Ärzte sind hier der entscheidende Faktor.

In Hausarztpraxen wird nicht ausreichend über das Impfen aufgeklärt?

In manchen ist das wohl so. Warum haben Sie sich nicht gegen Masern impfen lassen? Wurde Personen  zwischen 2014 und 2018 mehrfach gefragt. 60 bis 70 Prozent antworteten: Weil mich niemand darauf angesprochen hat. Wenn wir über Impfmüdigkeit reden, sollten wir fair sein und nicht einseitig an die Verantwortlichkeit der Bevölkerung appellieren. Fakt ist leider, dass das Thema Impfen in Medizinstudium noch immer stiefmütterlich behandelt wird. Dass entsprechende Kurse nicht bundesweit verpflichtend sind. Das müsste sich ändern.

Da waren wir hier in Deutschland auch schon mal besser. Ich kann mich noch gut daran erinnern, wie meine Mutter mich als 12jährigen Jungen zum Kinderarzt gebracht hat und wie ich die Spritze gegen Polio bekam. Da passiert etwas sehr Wichtiges - nicht nur meine Eltern, auch der Arzt haben mich das spüren lassen. Kein Wunder: In den 50er Jahren war die Kinderlähmung noch sehr präsent in Deutschland.

Angst vor Nebenwirkungen von Impfungen ist sicher ein großes Thema.

Ja, und hier sollten wir ehrlich sein! Es wäre falsch zu behaupten, dass es nach Impfungen keine Nebenwirkungen geben kann. Keine Wirkung ohne mögliche Nebenwirkung, das trifft auch auf Impfungen zu. Es fängt ja schon damit an, dass der Arzt einen Nerv treffen kann. Vergessen wir aber nicht: Die Nebenwirkungen des Impfens sind viel geringer als die der allermeisten anderen medizinischen Maßnahmen, die Menschen über sich ergehen lassen. Nirgends sonst ist das Verhältnis von Nutzen und Schaden so gut.

Immer wieder hört man von einem möglichen Zusammenhang zwischen Impfungen und Autismus…

… ja, vor einigen Jahren gab es hierzu eine Veröffentlichung in der sehr angesehenen medizinischen Fachzeitschrift Lancet, die Aufsehen erregt hat. Die darin zitierte Studie war gefälscht. Es hat sich herausgestellt, dass hinter ihr als Geldgeber Anwälte standen, die Eltern autistischer Kinder vertraten. Der Arzt, der die Daten weitergegeben hat, bekam in England die Zulassung entzogen. Der Lancet hat die Veröffentlichung zurückgezogen. Die Studie kursiert aber bis heute weiter im Internet. Übrigens genauso wie ein Film desselben Arztes, der vor zwei Jahren in die Kinos kam: "Vaxed".

Fake News halten sich leider sehr hartnäckig. Dass keine wissenschaftliche Studie je einen Zusammenhang zwischen Impfungen und Erkrankungen wie Autismus, Diabetes, Multipler Sklerose oder auch dem plötzlichen Kindstod herstellen konnte, wird hingegen eher wenig kommuniziert.

Um zu sehen, dass Impfungen wirken und wie sie es tun, bräuchten wir übrigens gar keine Studien heranzuziehen: Die Pocken sind ausgerottet, seit 1990 ist Deutschland poliofrei und mittlerweile sind zwei der drei Poliovirustypen weltweit ausgerottet. Hepatis B kommt bei Kindern in Deutschland kaum noch und Diphtherie und Tetanus wie gesagt praktisch nicht mehr vor. Erstmalig kann man gegen durch Papillom-, also HP-Viren (HPV) verursachten Krebs impfen und wir sehen hier bereits die ersten Erfolge.

Auch wenn all diese Erfolge auf der Hand liegen, könnte man skeptisch bleiben. Geimpft wird ja meist im Kindesalter. Und gerade bei Kindern wird das Impfen gern mit einer erhöhten Allergieneigung in Verbindung gebracht. Reagiert gerade der noch junge Organismus nicht vielleicht doch besonders empfindlich auf chemische Substanzen?

Mal abgesehen davon, dass es keinen wissenschaftlichen Hinweis dafür gibt, dass Impfungen Allergieneigungen fördert: Impfungen wirken nicht durch Chemie. Es ist falsch, eine Impfung wie ein Medikament zu sehen. Die Schutzwirkung, die übers Impfen erreicht wird, beruht ausschließlich auf den Fähigkeiten unseres Immunsystems, zumindest wenn wir von sogenannten aktiven Impfungen ausgehen, wie sie heute in aller Regel zum Einsatz kommen. Vereinfacht lernt das Immunsystem einen Erreger kennen, reagiert auf ihn und entwickelt ein Gedächtnis. Beim nächsten Kontakt kann es dann auf den Erreger reagieren, bevor dieser eine Krankheit verursachen kann.

Ich weiß um die Vorstellung, das kindliche Immunsystem könnte durchs Impfen überlastet werden. Man muss hier aber klar sagen: Gerade in frühen Jahren ist das Immunsystem mit seiner unglaublichen Breite ja genau darauf ausgelegt, auf verschiedene Infektionserreger zu reagieren und dann gegen die Antigene dieser Erreger gezielt Antikörper zu bilden. Die paar zusätzlichen Antigene, die ein Kind durch Impfungen erhält, sind kein Problem.

Was ist mit Fremdstoffen wie Schwermetallen oder Quecksilbersalzen?

Davon versucht man die Impfstoffe zunehmend frei zu bekommen. Moderne Impfungen enthalten nur noch wenige bis gar keine solcher Zusatzstoffe mehr.

An geeigneten Impfstoffen gegen Sars-CoV-2 wird derzeit ja weltweit unter Hochdruck geforscht. Muss man Impfskeptikern nicht Recht geben, wenn sie sagen: In Anbetracht der Brisanz der Lage könnten auf dem Weg zum Impfstoff Sicherheitsbedenken außer Acht gelassen werden?

Hier muss man in mehrerlei Hinsicht differenzieren. Zunächst: Es gibt bereits Meldungen aus China, nach denen hier bereits ein Impfstoff entwickelt wurde, der zeitnah eingesetzt werden soll. Das heißt aber nicht, dass das dann automatisch auch hierzulande passiert. Es wird keinen Tag x geben, der weltweit so etwas wie der Startschuss für Impfprävention in Sachen einer Impfung gegen Covid-19 ist.

Im Übrigen würde ich auch dringend dazu raten, die hierzulande bestehenden Forderungen weiter aufrechtzuerhalten: Impfungen müssen nachweislich wirksam sein und sie dürfen nachweislich keinen Schaden anrichten. Wenn in der aktuellen Situation bürokratische Hürden fallen und Zulassungsverfahren beschleunigt werden, ist das zu begrüßen.

Generell haben wir hier in der EU übrigens einen Vorteil: Ist ein Impfstoff in einem der Mitgliedsländer zugelassen, ist er das prinzipiell überall. Ich persönlich muss sagen, ich bin froh um die gegebenen Bestimmungen. Nicht auszudenken, was eine Massenimpfung auf Basis einer schlechten wissenschaftlichen Datenlagen anzurichten vermag.

Seit diesem Jahr gibt es eine Impfpflicht gegen Masern. Könnte es zu so etwas auch bei Covid-19 kommen?

Bei den Masern wurde die Impfpflicht aus globaler Perspektive durchgesetzt. Ziel ist eine weltweite Quote, die letztlich zur Ausrottung führt und zuvor zum indirekten Schutz durch die so genannten Herdenimmunität: Es sind dann so viele Menschen immun, dass der Krankheitserreger nicht mehr weitergegeben werden kann. Weil gegen Masern nicht ausreichend geimpft wurde, um diesen Zustand zu erreichen, ist man von Seiten des Gesetzgebers aktiv geworden. Bei Covid-19 sehe ich nicht, dass es soweit kommen wird.

Im Gegenteil: Die Menschen werden froh sein, sich schützen zu können und es ist davon auszugehen, dass die Nachfrage zumindest anfangs deutlich höher sein wird als die Verfügbarkeit des Impfstoffs. Der kritische Wert von um die 60 -70 Prozent geimpfter oder bereits immuner Personen, den es für eine Herdenimmunität in diesem Fall braucht, dürfte entsprechend schnell erreicht sein. Nach all den Jahren, in denen ich mich nun schon mit der Thematik beschäftige, finde ich es noch immer bemerkenswert, wie das immer gleiche Prinzip des Impfens am Ende funktioniert. Und mit wie wenig Aufwand sich letztlich Großes bewirken lässt.

"Die Pharmaindustrie will ja nur Geld machen" – das ist auch so ein häufig von Impfskeptikern vorgebrachtes Argument. Hier möchte ich entschieden dagegenhalten: Es gibt keine preiswertere medizinische Maßnahme als das Impfen. Drei Euro etwa kostete ein Polio-Schuck-Impfstoff in der Produktion. Drei Euro – und der Effekt ist immens. Was medizinische Kosten-Nutzen-Rechnungen angeht. Und menschlich sowieso.

 

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