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Coronavirus: Risiko für Raucher

Bei all dem Krisenstress zur Beruhigung erst mal eine rauchen? Besser nicht! Atemwegsinfekte treffen Raucher meist härter als Nichtraucher. Experten rufen zum Verzicht auf Glimmstängel auf

von Eva Tenzer, 26.03.2020
Rauchen aufhören

Schluss damit: Rauchen aufzuhören lohnt sich zwar immer, aber zu Zeiten der Corona-Pandemie besonders


Der Appell war klar und eindringlich; in seinem Podcast zum Coronavirus sagte der Virologe Christian Drosten: "Es ist sicherlich immer ein guter Zeitpunkt, mit dem Rauchen aufzuhören, aber jetzt wahrscheinlich ein besonders guter."

Wie er weisen viele Experten darauf hin, dass Covid-19 für Raucher besonders gefährlich ist. Auch das Robert Koch-Institut (RKI) zählt Raucher zu den Risikogruppen für schwere Verläufe. Was aber macht es so gefährlich? Warum reagiert der Körper eines Rauchers anders als der eines Nichtrauchers? Und wie gefährlich sind e-Zigaretten?

Indizien und Fakten

Dass Drostens Appell und Stellungnahmen von Lungenspezialisten so eindeutig ausfallen, dafür gibt es viele Indizien, aber auch erste handfeste Fakten. So zeigte eine im Februar 2020 veröffentlichte chinesische Studie an Covid-19-Patienten im Zentralkrankenhaus in Wuhan, dass Raucher ein deutlich höheres Risiko für einen schweren Verlauf der Erkrankung hatten. Hendrik Streeck, Direktor des Instituts für Virologie und HIV-Forschung an der Medizinischen Fakultät der Universität Bonn twitterte mit Blick auf die Studie: "Zeit mit dem Rauchen aufzuhören."

Ein epidemiologisches Indiz dafür, dass Raucher stärker gefährdet sein könnten, ist der Überschuss männlicher Patienten in den chinesischen Krankenhäusern. Drosten erklärt: "Klar ist, dass in China vor allem die Männer rauchen. Und klar ist natürlich auch, dass in der Generation der Patienten, die jetzt besonders gefährdet sind, eben auch vor allem die Männer ihr Leben lang viel geraucht haben." Laut Statistiken raucht jeder zweite Mann in China, bei den Frauen hingegen nur zwei von hundert.

Rauchen schränkt die Abwehr der Lunge ein

Michael Pfeifer leitet die Abteilung für Lungenkrankheiten am Universitätsklinikum Regensburg und ist Präsident der Deutschen Gesellschaft für Pneumologie und Beatmungsmedizin (DGP). Seiner Meinung nach spreche vieles für ein höheres Risiko von Rauchern, da sie grundsätzlich ein höheres Risiko für Virusinfektionen haben. Wichtig zu wissen ist, dass der SARS-CoV-2-Erreger gezielt die Lungenzellen angreift, er dringt in sie ein, um sich dort zu vermehren. Was nun nötig ist, ist eine gute Immunabwehr in der Lunge. Denn ein intaktes Immunsystem kann das Virus aufspüren und ausschalten. Und genau hier liegt das Problem der Raucherlunge: Ihre Abwehrkräfte sind eingeschränkt.

Die Schleimhaut unserer Atemwege ist mit feinen Flimmerhärchen (Zilien) überzogen. Ihre Aufgabe ist die die Selbstreinigung der Bronchien. Die Härchen sorgen dafür, dass eingeatmete Schmutzpartikel, aber auch Keime aus der Lunge transportiert werden. Rauchen hemmt die Bewegung der Härchen und somit  die wichtige Selbstreinigung der Bronchien. Außerdem beeinträchtigt Nikotin die Durchblutung, sodass weniger Abwehrzellen in die Schleimhaut gelangen. Dabei ist es  egal, woher das Nikotin kommt - ob aus einer normalen Zigarette, einer e-Zigarette oder einem Nikotin-Kaugummi. Schädlich sind sie in dieser Hinsicht alle.

Coronaviren können vermutlich besser andocken

Auf eine weitere Gefahr durch das Nikotin machen aktuell Forscher der George Mason University in Arlington/USA aufmerksam. Demnach könne Nikotin auch direkt die Bindungsstelle beeinflussen, über die das Coronavirus in die Lungenzellen gelangt. Das Virus braucht diese Bindungsstellen, um an die Lungenzelle anzudocken. Je mehr dieser Rezeptoren vorhanden sind, desto besser kann sich das Virus vermehren.

Und wie die Forscher berichten, untermauern ihre Analysen  die Annahme, dass Rauchen die Zahl dieser Bindungsstellen in der Lunge erhöht. Somit würde die Lunge von Rauchern dem Coronavirus vermehrt Einfallstore bieten. Zu ähnlichen Ergebnissen kam eine Forschergruppe der University of South Carolina.

Ständige Entzündung der Atemwege durch Tabak

Bei Zigaretten kommt hinzu, dass mit dem Tabakrauch weitere Schadstoffe in die Lunge gelangen, die Kondensate. Sie sind ein auf Zigarettenschachteln als "Teer" angegebenes Gemisch, das beim Verbrennen von Tabak entsteht. Sie schädigen die Schleimhäute, indem sie für eine andauernde Entzündungsreaktion sorgen. Bei Rauchern wird mehr und zähflüssigerer Schleim in den Bronchien gebildet. Dadurch haben es die  Flimmerhärchen auf der Schleimhaut schwerer, den Schleim abzutransportieren - chronischer Husten, der Raucherhusten, ist die Folge.

Zigarettenrauch schädigt die Atemwege  auch indirekt, wie Forscher herausfanden: Raucher -  auch Passivraucher - leiden häufiger unter Atemwegsinfekten. Der Grund: Die in unseren Atemwegen angesiedelten Bakterien  sind bei Rauchern besonders widerstandsfähig gegen Angriffe durch das menschliche Immunsystem oder auch Antibiotika.

Ist die Lunge erst einmal auf diese Art vorgeschädigt, haben Krankheitserreger ein leichtes Spiel. Wie weit diese aus dem klinischen Alltag bekannten beim aktuellen Coronavirus eine Rolle spielen, müsse noch eindeutig nachgewiesen werden, geben Forscher wie Pfeifer und Streeck zu bedenken. Die Daten aus Wuhan seien jedoch ein Hinweis darauf, dass das Risiko eines schweren Krankheitsverlaufs für Raucher deutlich höher sei. Das Risiko für eine lebensbedrohliche Lungenentzündung durch eine Infektion mit Sars-CoV-2 ist höher, wenn die Lunge bereits angeschlagen ist.

Appell von Experten zum Rauchstopp

"Es ist durchaus möglich, das Krankheitsrisiko und den Krankheitsverlauf auch jetzt noch zu beeinflussen, wenn man mit dem Rauchen aufhört. Es macht immer einen Unterschied, ob man aktiver oder ehemaliger Raucher ist", mahnt Michael Pfeifer. Und auch die Drogenbeauftragte der Bundesregierung, Daniela Ludwig, rief die Bürger auf, angesichts der Coronavirus-Epidemie mit dem Rauchen aufzuhören.

Wichtig sind diese Forschungsergebnisse und Warnungen nicht zuletzt für jüngere Menschen, die sich in der aktuellen Pandemie häufig auf der sicheren Seite wähnen. Wer zwar jung und ansonsten gesund ist, jedoch als Raucher eine vorgeschädigte Lunge hat, kann dennoch schwer erkranken. Und Experten gehen davon aus, dass es auch in Zukunft immer wieder zu Ausbrüchen mit Viren aus der Sars-Familie kommen könnte. Ob Sars, Mers oder aktuell SARS-CoV-2 - sie alle lösen schwere Erkrankungen der Lunge aus. Eine Gegenmaßnahme, die jeder jetzt schon treffen kann, ist der Rauchstopp - eigenständig, mit therapeutischer Unterstützung oder auch mithilfe einer App.