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Coronavirus-Mutationen im Raum München breiten sich weiter rasant aus

Innerhalb weniger Wochen hat sich der Anteil der SARS-CoV-2-Varianten in München vervielfacht. Zu diesem Befund kommt ein großes medizinisches Labor mit einer neuen Testmethode

von Christian Heinrich, aktualisiert am 23.02.2021
Prof.Dr.Dr. Jürgen Durner Neugeborenen Screening Labor Becker

Professor Jürgen Durner ist Facharzt für Labormedizin und Chief Medical Officer im Labor Becker & Kollegen. Sein Team hat in PCR-Proben aus dem Raum München in den vergangenen Tagen häufiger Mutationen des Sars-CoV-2-Virus gefunden


Neue Varianten von SARS-CoV-2 breiten sich im Raum München derzeit offenbar rasant aus. Es handelt sich um die in Großbritannien erstmals entdeckte Mutation namens B1.1.7, um die in Südafrika entdeckte Variante namens B1.351 und/oder um die aus Brasilien stammende Mutation B.1.1.28 P.1. Sie haben die Gemeinsamkeit, dass ein Austausch der Aminosäure Asparagin (N) zu Tyrosin (Y) an der Positon 501 (N501Y) erfolgte. Das Labor Becker & Kollegen weist in seinen verschiedenen Standorten in Tests diese Veränderung mittlerweise täglich in beträchtlichen Mengen nach.

Von den im Labor zwischen dem 28. Dezember und 7. Januar untersuchten positiven Proben, wies nur eine Probe diese Mutation auf, also lediglich 0,2 Prozent. Bei den positiven Abstrichen vom 20. Januar wurden schon 4,7 Prozent den neuen Varianten zugeordnet. Und bei den Abstrichen vom 21. Januar stieg der Wert auf 8,1 Prozent an. Vom 22. bis 24. Januar wiesen 7 Prozent der positiven Proben eine Mutation auf. Die Entwicklung der Zahlen in den folgenden Wochen sehen Sie im Diagramm unten.

Nachgefragt! Folge 211 mit Prof. Dr. Dr. Jürgen Durner

Die Zahlen seien aber unbedingt mit Vorbehalt zu betrachten, sagt Professor Jürgen Durner, Facharzt für Labormedizin und Chief Medical Officer von Becker & Kollegen. "Wir haben diejenigen unserer Proben auf die Mutation hin getestet, bei denen das Virus nachgewiesen werden konnte. In Bezug auf die positiven Tests in ganz Süddeutschland ist das natürlich nur eine sehr kleine Stichprobe, die auch nicht repräsentativ ist", so Durner. Die Tendenz aber könne und solle man ernstnehmen: "Innerhalb weniger Wochen hat sich der Anteil der Varianten an den Infektionen vervielfacht. Alles deutet darauf hin, dass neue Varianten mittlerweile keine Ausnahmen mehr sind, sondern bald die neue Normalität, wenn wir nicht handeln."

 

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Neue Testmethode entwickelt

Dass es dem Labor gelungen ist, die Rate der Varianten unter den Infektionen zeitnah zu verfolgen und bereits am Folgetag nach dem Abstrich zu ermitteln, liegt an einer neuen Methode, die das Labor mitentwickelt hat. Bisher dauerte es einige Tage, bis festgestellt werden konnte, ob ein positiver Test durch den "herkömmlichen" SARS-CoV-2 – auch Wildtyp genannt – oder durch eine Variante zustande gekommen ist. Das liegt daran, dass immer die vollständige Sequenz des viralen Genoms analysiert wurde. "Wir haben nun gezielt nur die Stelle des Erbguts analysiert, wo der Aminosäureaustausch N501Y vorhanden ist, der für diese Varianten charakteristisch ist", erklärt Durner. Dabei gehe es um ein Spike-Protein, dass an der Oberfläche des Virus sitzt und als Andockprotein an die menschlichen Zellen dient. "Damit haben wir zwar nur einen Bruchteil des Virusgenoms angeschaut, aber das reicht aus, um innerhalb von wenigen Stunden die Ja-oder-Nein-Frage zu beantworten, ob es sich um eine Variante handelt oder den Wildtyp.

Die Ergebnisse der ersten Testreihe aus der Jahreswende wurden auch von einem Referenzlabor in der Charité in Berlin getestet. "Die Befunde waren identisch – das bestätigt, dass die Methode funktioniert", sagt Durner. Die Studie, die auch eine Art Anleitung für die Durchführung der Analyse enthält, wurde beim renommierten Fachmagazin "Dental Materials" veröffentlicht.

 

https://klartext-corona.podigee.io/96-neue-episode/embed?context=external

"Jedes Labor, das mit Geräten zur PCR-Analyse ausgestattet ist, kann nach unserer Methode auch rasch SARS-CoV-2-positive Proben daraufhin prüfen, ob die Mutation N501Y vorhanden ist und es sich damit um eine der beiden Virusvarianten handelt", sagt Durner. Dazu brauche man lediglich ein entsprechendes Testkit einzusetzen, das eine Berliner Firma auf Basis des neuen Ansatzes entwickelt hat.

Neue Varianten gelten als ansteckender

Zeitnah zu wissen, ob jemand mit einer der neuen Varianten infiziert ist, ist derzeit aus epidemiologischer Sicht besonders interessant. Andere Methoden, wie das Sequenzieren des Virusgenoms, benötigen wesentlich mehr Zeit.

Die neuen Varianten gelten nach den aktuellen Erkenntnissen als ansteckender als die Wildtyp-Variante. Aber nicht nur eine höhere Ansteckrate könnte ein Problem sein. In Großbritannien gab Premierminister Johnson vor Kurzem bekannt, dass erste Hinweise gefunden wurden, dass die neue Virusvariante womöglich eher zu schweren Verläufen führt und eine leicht höhere Todesrate verursacht. Auch vor diesem Hintergrund könnte der neue, zügige Test auf die Varianten künftig womöglich an Bedeutung gewinnen.

Erklärvideo: Wie entstehen Mutationen bei Viren?

 

Anmerkung der Redaktion:

Der Gesellschafter des Labors Becker & Kollegen, Dr. Marc Becker, ist Herausgeber der Apotheken Umschau.

 

Aktualisierungen:

27.01.2021: Wir haben das Interview mit Prof. Dr. Dr. Jürgen Durner in unserem Expertenpodcast "Klartext Corona" ergänzt.

25.01.2021: Wir haben das "Nachgefragt!"-Videointerview mit Prof. Dr. Dr. Jürgen Durner ergänzt.

25.01.2021: Wir haben die Prozentzahl der Mutationen vom 22. bis 24. Januar in Text und Diagramm eingefügt.

27.01.2021: Der Podcast "Virusmutationen: Wie findet man sie?" wurde eingefügt.

28.01.2021: Diagramm aktualisiert.

01.02.2021: Foto ausgetauscht und Erklärvideo "Wie entstehen Mutationen?" zugefügt. Diagramm aktualisiert.

02.02.2021: Variante B.1.1.28 P.1 in Text aufgenommen.

23.02.2021: Zitat aktualisiert, veraltet: "Innerhalb von nicht einmal drei Wochen ist der Anteil der Varianten an den Infektionen von weniger als ein Prozent auf einen hohen einstelligen Prozentbereich geschnellt. Das ist schon ein klares Zeichen dafür, dass sich die neuen Varianten derzeit sehr schnell ausbreiten."

23.02.2021: Überschrift aktualisiert, alt: "Coronavirus-Mutationen im Raum München breiten sich rasant aus"

Die Prozentzahlen im Diagramm werden fortlaufend aktualisiert.