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Coronavirus: Keine Panik – aber Grund zur Vorsicht

Leere Supermarktregale, fehlende Desinfektionsmittel: Die Folgen des Coronavirus sind zu spüren. Was hilft, einen kühlen Kopf zu bewahren, erklärt Psychologe Professor Ralph Hertwig

von Marlen Schernbeck, 12.03.2020
Coronavirus Öffentliche Fahrrad

Eine Vorsichtsmaßnahme derzeit ist, nicht mehr mit den Öffentlichen zu fahren. Trotzdem gilt: Ruhe bewahren


Täglich erreichen uns neue Schlagzeilen über das Coronavirus Sars-CoV-2. Die Fallzahlen steigen weltweit. Auch in den kommenden Wochen und Monaten wird sich dieser Trend weiter fortsetzen, prognostizieren Experten. Um die Verbreitung zu verlangsamen, werden Großveranstaltungen abgesagt, Mitarbeiter falls möglich ins Homeoffice geschickt und auch privat soll man Menschenansammlungen möglichst meiden.

Das Coronavirus wirkt sich auf die gesamte Gesellschaft aus. Warum man trotz dieser Maßnahmen nicht in Panik geraten muss und was dabei hilft, einen kühlen Kopf zu bewahren, erklärt Psychologe Professor Ralph Hertwig. Er ist Direktor am Max-Planck-Institut für Bildungsforschung in Berlin und forscht seit Jahren zur Psychologie des Risikos.

Herr Professor Hertwig, ständig hören wir im Zusammenhang mit dem Coronavirus: "Keine Panik!" Beruhigt der Appell oder bewirkt er das Gegenteil?

Wenn man ihn ständig wiederholt, signalisiert das natürlich: Offensichtlich gibt es doch einen Grund, um in Panik zu geraten – nach dem Motto, da wo Rauch ist, ist auch Feuer. Der Appell allein reicht nicht, man muss immer dazu sagen, warum es keinen Grund zur Panik gibt.

Also informieren statt nur beschwichtigen.

Genau. Es ist wichtig zu erklären, warum etwas getan wird – zum Beispiel: Warum ist es vor allem jetzt so wichtig, die Ausdehnung des Virus zu verlangsamen? In erster Linie geht es darum, unsere Gesundheitssysteme nicht zu überfordern. Durch die Grippesaison sind die Ressourcen bereits stark beansprucht. Je mehr wir das Coronavirus zeitlich hinauszögern können – etwa in den Sommer, wenn die Grippewelle vorbei ist –, desto besser kann man sich dann um die Menschen kümmern, die schwerwiegend an dem Coronavirus erkranken. Ich denke, dieser Aspekt und damit verbunden auch der Zweck bestimmter vorausschauender Maßnahmen wie Homeoffice kommen in der öffentlichen Darstellung noch zu kurz.

Stattdessen hört man ständig, dass Großveranstaltungen abgesagt, Schulen teilweise geschlossen oder Mitarbeiter in häusliche Quarantäne geschickt werden. Das sind drastische Maßnahmen, die für viele bedrohlich wirken.

Das stimmt. Zum einen soll man keine Panik haben und dann werden plötzlich sämtliche Veranstaltungen abgesagt. Das könnte auf den ersten Blick wie ein Widerspruch wirken. Deshalb ist es nötig, die Logik dahinter zu erklären. Also: Die Maßnahmen bedeuten nicht, dass das Virus für jeden Einzelnen bedrohlicher geworden ist. Sondern es geht vorrangig darum, die schnelle Verbreitung des Virus zu verlangsamen, um so der Gefahr einer schlagartigen Überforderung des Gesundheitssystems entgegenzuwirken.

Wenn man das vernünftig erklärt, können die Bürger den Sinn der Maßnahmen verstehen und mittragen. Außerdem kann man dann besser verstehen und nachvollziehen, wie man selbst dazu beitragen kann, das Virus einzudämmen – zum Beispiel durch die Nieshygiene, regelmäßiges Händewaschen oder kontaktfreie Begrüßungsrituale.

Bisherige Analysen zeigen: Die meisten Erkrankungen an Covid-19 verlaufen ohne schwerwiegende Folgen. Was verstärkt dennoch die Angst vor dem Virus?

Da spielen verschiedene Faktoren eine Rolle. Unsere subjektive Risikowahrnehmung berücksichtigt schließlich nicht nur statistische Werte eines Risikos. In sie fließt viel mehr hinein.

Zum Beispiel?

Ob ich das Risiko anfassen oder sehen kann. Viren oder radioaktive Strahlen sind ein Paradebeispiel für eine unsichtbare Gefahr, die bedrohlich wirkt. Außerdem spielt das Neue, Unbekannte eine Rolle. Schon sprachlich betonen wir das "neuartige" Coronavirus – und was unbekannt ist, verstehen wir nicht. Tatsächlich kann die Wissenschaft viele Fragen noch nicht beantworten, etwa wie hoch die Sterberate ist oder die Geschwindigkeit der Ausbreitung. Hinzu kommt, dass sich das Virus global ausbreitet und so das Gefühl einer Gefahr entsteht, die nicht lokal oder auf den Einzelnen begrenzt ist.

Was hilft dabei, einen kühlen Kopf zu bewahren?

Wir neigen dazu, neuartige Risiken im Verhältnis zu ihrer objektiven Gefährlichkeit zu überschätzen. An alltägliche Risiken haben wir uns hingegen gewöhnt, selbst wenn sie objektiv gefährlicher sind. Im vergangenen Jahr sind in Deutschland zum Beispiel über 3.000 Menschen im Straßenverkehr gestorben, bei Unfällen im Haushalt waren es rund 8.000. Beim Coronavirus sind wir in Deutschland von diesem Umfang weit entfernt. Die meisten Infektionen mit dem Virus verlaufen mild.

Es kann helfen, sich dieses Verhältnis bewusst zu machen, um die Größenordnung des Risikos, so weit wir es gegenwärtig kennen, in eine vernünftige Perspektive zu rücken. Das heißt nicht, dass wir umgekehrt das Risiko unterschätzen oder die Maßnahmen nicht ernst nehmen sollten. Aber Panik ist auch nicht angesagt.

Ist Angst ein Phänomen, das sich unter Menschen schnell verbreitet?

Generell kann man sagen, dass Nachrichten, die Emotionen wecken, oft als spannender empfunden werden und so schneller in Umlauf geraten. Außerdem: In Zeiten, in denen viel Unsicherheit herrscht, beobachten wir verstärkt das Verhalten anderer. Wie reagieren sie? Wenn ich etwa im Supermarkt sehe, dass bestimmte Sachen ausverkauft sind, könnte ich das als ein Signal nehmen: Das ist offensichtlich ein knappes Gut, jeder braucht es, also auch ich.

Dazu gehören zur Zeit auch Desinfektionsmittel, Mundschutz oder bestimmte Medikamente, die jetzt an Stellen fehlen, wo sie dringend gebraucht werden. Macht Angst egoistisch?

Prinzipiell brauchen wir Angst, um uns vor Gefahren zu schützen. Aber natürlich kann Angst auch übersteigert sein und dazu führen, dass wir uns auf eine Art und Weise verhalten, die nicht mehr empathisch und fürsorglich für andere ist. Hier kann ein Perspektivenwechsel helfen: Wenn ich jetzt medizinische Hilfe bräuchte: Würde ich nicht wollen, dass die Leute, die mich behandeln, mit Desinfektionsmitteln ausgestattet sind?