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Coronavirus: Fragen und Antworten zur Ansteckung

Kann man sich bei beschwerdefreien Menschen mit dem neuartigen Coronavirus anstecken? Und wenn ja - wie eigentlich? Antworten auf Fragen zum Thema Ansteckung mit SARS-CoV-2

von Dr. med. Irmela Manus, 09.04.2020

Noch gibt es weder eine Impfung noch ein wirksames Medikament gegen die Lungenkrankheit COVID-19. Umso wichtiger ist es, das Risiko einer Ansteckung zu minimieren. Das bedeutet: Kontakte vermeiden, Abstand halten, Hygieneregeln befolgen, auch beim Husten und Niesen.

Im Alltag tauchen dabei viele Fragen auf. Nicht immer ist die Antwort einfach. Umfassende wissenschaftliche Daten zum neuartigen Coronavirus fehlen. Auch Experten lernen täglich dazu. Professor Sandra Ciesek, Direktorin des Instituts für Medizinische Virologie am Universitätsklinikum Frankfurt am Main und Dr. med. Markus Frühwein, Vorstand der Bayerischen Gesellschaft für Immun-, Tropenmedizin und Impfwesen e.V., ordnen Informationen für uns ein.

Können Menschen das neuartige Coronavirus übertragen, obwohl sie selbst gar keine Symptome wie Husten oder Fieber haben?

Ja, das ist denkbar. "Unsere Untersuchungen zeigen, dass auch Menschen, die keinerlei Symptome angeben, dennoch ansteckungsfähige Viren etwa über die Rachenschleimhaut ausscheiden können", sagt Professor Sandra Ciesek. "Wir konnten zeigen, dass in Proben von Menschen ohne jegliche Beschwerden Viren enthalten sind, die in der Lage sind, eine Infektion auszulösen. Ob es bewiesene Fälle einer solchen Übertragung gibt, können wir nicht sagen".

Auch das Robert Koch-Institut schreibt, dass Menschen vermutlich schon etwa zwei bis drei Tage ansteckend sind, bevor sie Symptome bekommen. Diese Angabe beruht auf Schätzungen anhand realer Daten. Für eine endgültige Aussage zum Übertragungsrisiko durch symptomfreie Menschen reichen die wissenschaftlichen Belege allerdings noch nicht aus.

Forscher unterscheiden zwischen präsymptomatisch und asymptomatisch, erklärt Dr. Frühwein. Präsymptomatisch bedeutet: Jemand ist infiziert und hat im Moment noch keine Symptome, später treten aber noch Krankheitszeichen bei ihm auf. Erst rückblickend kann man jemanden als "präsymptomatisch" einordnen. Asymptomatisch heißt, dass die Symptome im gesamten Verlauf der Infektion fehlen. Ohne einen Test wird eine solche Person also überhaupt nicht bemerken, dass sie infiziert ist. "Beide Varianten bedeuten eine große Herausforderung für die Kontrolle von Neuinfektionen", so Dr. Frühwein.

Wie stellt man sich den Ansteckungsweg vor, wenn jemand (noch) nicht hustet oder niest?

"Durch Husten oder Niesen können Viren natürlich leicht auf andere Menschen übertragen werden, besonders, wenn der hustende, infizierte Mensch keinen Mundschutz trägt", so Professor Ciesek. "Aber neben dieser "Tröpfcheninfektion" können Coronaviren auch über die sogenannte Kontakt- oder Schmierinfektion übertragen werden – wenn man sich zum Beispiel in den Mund oder an die Nase fasst, und dann einen anderen Menschen etwa beim Händeschütteln berührt, oder beide Menschen einen Gegenstand anfassen". Deshalb lauten wichtige Empfehlungen: keine Hände schütteln, ungewaschene Hände aus dem Gesicht heraushalten, Hände regelmäßig gründlich waschen. Auch bei engem Körperkontakt wie etwa Küssen sei eine Übertragung der Viren möglich, so die Expertin.

Kann das neuartige Coronavirus auch beim Sprechen oder Atmen übertragen werden?

Ausgeschlossen ist beides nicht, auch wenn ganz eindeutige Beweise noch fehlen. Schon beim normalen Sprechen können unbemerkt winzige Tröpfchen in die Umgebung gelangen – umso eher, je feuchter die Aussprache ist. Das Risiko, sich in Gespräch anzustecken, steigt sehr wahrscheinlich an, je länger man mit sich unterhält und näher der Gesprächspartner steht. Deshalb gilt:

  • Kontakte vermeiden, wann immer es geht
  • Bei unvermeidlichen Kontakten so viel Abstand halten wie möglich – mindestens aber eineinhalb, besser zwei Meter
  • Unterhaltungen auf das absolut Notwendigste reduzieren
  • Ein Mund-Nase-Schutz kann dazu beitragen, Tröpfchen abzufangen, die man beim Sprechen, Husten oder Niesen verteilt. Er kann das Risiko für andere Menschen senken. Was Sie zum Thema Mundschutz wissen sollten, lesen Sie im Beitrag: Was bringt ein Mundschutz?
  • Räume möglichst häufig lüften

Sprechen lässt sich vielleicht in vielen Fällen vermeiden. Aber atmen müssen wir alle. Wird das Virus auch über die Atemluft übertragen? Zu dieser Frage gibt es Untersuchungen, aber noch keine endgültige Aussage. Verschiedene Studien liefern Hinweise, dass eine Übertragung durch die Luft zumindest nicht ganz auszuschließen ist. Beim Atmen können ebenfalls winzigste Tröpfchen freigesetzt werden, die als Aerosol eine Weile in der Luft schweben.

In Laborversuchen hielt sich das neuartige Coronavirus eine Zeit lang auf Oberflächen, ebenso konnte es bei Experimenten eine Weile in Aerosolen in der Raumluft nachgewiesen werden, also in sehr kleinen Tröpfchenkernen von weniger als fünf Mikrometer Größe. Allerdings betont das Robert Koch-Institut, dass es sich dabei um eine künstliche Aerosolproduktion handelte, die sich grundlegend von hustenden sind niesenden Patienten mit COVID-19 im normalen Alltag unterscheidet. Zwei weitere Studien, die den Luftraum um COVID-19-Patienten untersuchten, ergaben abweichende Ergebnisse. Die bisherige Studienlage liefert laut Robert Koch-Institut noch keine sicheren Belege für eine Übertragung von SARS-CoV-2 über Aerosole im normalen gesellschaftlichen Umgang.

Teilweise war das Virus auch im Stuhl von Patienten feststellbar. Dass das Virus in all diesen Konstellationen nachweisbar war, heißt aber noch nicht zwangsläufig, dass auch eine Ansteckungsgefahr besteht. Welche Rolle solche theoretischen Übertragungswege spielen, ist nicht abschließend geklärt. "Sehr wahrscheinlich findet der Großteil der Infektionen durch Tröpfcheninfektion statt", sagt Dr. Frühwein.

Ist die empfohlene Hände-Hygiene auch zu Hause nötig, wenn ich allein bin?

Eine gute Händehygiene – beispielsweise das Händewaschen vor der Essenszubereitung – ist grundsätzlich empfehlenswert, ganz unabhängig von der Ausbreitung des neuartigen Coronavirus. Es gibt viele Keime, mit denen wir ständig in Kontakt kommen, darunter auch Krankmacher. Unser Zuhause ist nicht steril - und muss es normalerweise auch nicht sein. Tipps zum hygienischen Umgang mit Lebensmitteln ganz allgemein gibt es zum Beispiel auf der Seite des Bundesinstitut für Risikobewertung.

Natürlich spielen individuelle Gegebenheiten eine Rolle. Risikopatienten sollten zum Beispiel generell vorsichtiger sein. Am besten besprechen sie telefonisch mit ihrem Arzt, was im Einzelfall wichtig und sinnvoll ist.

Werden alle zunächst symptomlosen Menschen später noch krank? Oder gibt es Menschen, die infiziert sind, aber selbst nie krank werden?

"Wir konnten zeigen, dass es auch Menschen gibt, die das Virus ausscheiden, aber zu keinem Zeitpunkt Beschwerden entwickeln", so Professor Ciesek, "wir sagen, dass diese Menschen asymptomatisch infiziert sind". Wie häufig solche asymptomatischen Infektionen vorkommen, weiß man noch nicht genau.

"Vermutlich ist der Anteil der Infizierten, der symptomfrei bleibt oder nur sehr milde Beschwerden entwickelt, recht groß. Das werden wir aber erst genau sagen können, wenn die Pandemie vorbei ist", lautet die Einschätzung von Professor Ciesek.

"Diese Zahl wird bei der Bewertung der Pandemie eine große Rolle spielen", sagt Dr. Frühwein. Ein entscheidender Faktor für den weiteren Verlauf der Pandemie sei außerdem, wie stark die Immunantwort bei asymptomatisch Infizierten ausfalle, wie gut sie also gegen eine erneute Infektion gewappnet seien.  Auch das ist bisher noch nicht wirklich erforscht.

In Entwicklung befinden sich breit anwendbare Tests auf SARS-CoV-2-spezifische Antikörper. Sie könnten – eingesetzt in großen Studien – unter anderem dazu beitragen, solche Fragen zu klären.

Sind Menschen ohne Symptome weniger ansteckend als jemand, der schwer krank ist?

"Vermutlich scheiden Menschen besonderes viele Viren über die oberen Atemwege aus, wenn sie gerade die ersten Beschwerden entwickeln, auch wenn die Beschwerden nur mild sind", sagt Professor Ciesek. Die Viren könnten dann leicht übertragen werden. "Wie das aber im Vergleich aussieht, wenn man nach einiger Zeit sehr krank wird, oder nie Beschwerden entwickelt, lässt sich nicht so leicht sagen." Hier besteht noch Forschungsbedarf. Jedenfalls kann man im Moment nicht davon ausgehen, dass die Stärke der Beschwerden automatisch das Ausmaß der Ansteckungsgefahr widerspiegelt.

Quellen:

RKI: SARS-CoV-2 Steckbrief zur Coronavirus-Krankheit-2019 (COVID-19)
https://www.rki.de/DE/Content/InfAZ/N/Neuartiges_Coronavirus/Steckbrief.html#doc13776792bodyText6

NDR: Das Coronavirus-Update mit Professor Christian Drosten, dort

Folge 3 "Es ist nicht schwarz-weiß"
https://www.ndr.de/nachrichten/info/3-Coronavirus-Update-Es-ist-nicht-schwarz-weiss,podcastcoronavirus114.html

Folge 23, "Die Forschung braucht jetzt ein Netzwerk"
https://www.ndr.de/nachrichten/info/23-Coronavirus-Update-Die-Forschung-braucht-jetzt-ein-Netzwerk,podcastcoronavirus164.html

englisch:

Ferretti L, etc al: "Quantifying SARS-CoV-2 transmission suggests epidemic control with digital contact tracing", Science  31 Mar 2020: eabb6936
DOI: 10.1126/science.abb6936
https://science.sciencemag.org/content/early/2020/03/30/science.abb6936

HOEHL S, Berger A, Kortenbusch M, Cinatl J, et al
Evidence of SARS-CoV-2 Infection in Returning Travelers from Wuhan, China
N Engl J Med 2020; 382:1278-1280
DOI: 10.1056/NEJMc2001899
https://www.nejm.org/doi/full/10.1056/NEJMc2001899

Mizumoto K, Kagaya K, Zarebski A, Chowell G.
Estimating the asymptomatic proportion of coronavirus disease 2019 (COVID-19) cases on board the Diamond Princess cruise ship, Yokohama, Japan, 2020
Euro Surveill. 2020;25(10):pii=2000180.
https://doi.org/10.2807/1560-7917.ES.2020.25.10.2000180

Hiroshi Nishiura, Tetsuro Kobayashi, et al
Estimation of the asymptomatic ratio of novel coronavirus infections (COVID-19)
International Journal of Infectious Diseases (2020)
doi: https://doi.org/10.1016/j.ijid.2020.03.020

van Doremalen N, et al: "Aerosol and Surface Stability of SARS-CoV-2 as Compared with SARS-CoV-1"
March 17, 2020
DOI: 10.1056/NEJMc2004973

https://www.nejm.org/doi/full/10.1056/NEJMc2004973

Kim YI, Choi YK et al: "Infection and Rapid Transmission of SARS-CoV-2 in Ferrets"
Cell Host & Microbe, online 6 April 2020
https://doi.org/10.1016/j.chom.2020.03.023
https://www.sciencedirect.com/science/article/pii/S1931312820301876?via%3Dihub

siehe dazu auch:
https://www.sciencemediacenter.de/alle-angebote/rapid-reaction/details/news/infektion-und-rasche-uebertragung-von-sars-cov-2-bei-frettchen/