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Corona: Warum die Sterberate unklar ist

Die Frage nach der Sterberate bei Covid-19 beschäftigt zur Zeit viele Menschen. Sie ist nicht leicht zu beantworten, doch ein gutes Gesundheitssystem kann das Risiko zu sterben verringern

von Eva Tenzer, 17.03.2020
Italien: Patienten liegen in Betten in einem Notfallanbau

Italien: Patienten liegen in Betten in einem Notfallanbau – ist die Versorgung nicht optimal, steigt die Sterberate


Die Menschen weltweit verfolgen angespannt die wachsende Zahl an Covid-19-Erkrankten. Sie fragen sich vor allem, wie viele Patienten an den Folgen der Infektion sterben. Die Zahlen verändern sich täglich, das macht es schwer, den Überblick zu behalten.

Und besonders eine Frage drängt sich beim Blick auf die Statistiken auf: Warum sterben in manchen Ländern wie Italien oder dem Iran auffällig viele Patienten, während in anderen Ländern wie Deutschland die Zahl deutlich niedriger ist?

Große Unterschiede von Land zu Land

Schaut man sich die Zahlen aus den europäischen Ländern im Vergleich an, fällt die Diskrepanz ins Auge: Die meisten Coronafälle in Europa gibt es in Italien mit über 31.500 bestätigten Fällen. (Stand 18.3.2020) In Deutschland sind es mehr als 9.300.

Während jedoch in Italien bislang über 2.500 Patienten gestorben sind, sind es in Deutschland 26 - deutlich weniger also, nicht nur absolut, sondern auch im Verhältnis zur Zahl der Erkrankten. Eine ähnlich niedrige Sterblichkeit haben auch die Schweiz und die Niederlande.

Weniger tödlich als Sars und Mers

Wie also sieht die Sterblichkeit aus, wie viele Menschen sterben am Virus? Die sogenannte Letalität bezeichnet die Sterblichkeit bei einer Erkrankung. Sie berechnet das Verhältnis der Todesfälle zur Anzahl der Erkrankten. Fest steht derzeit: Das neue Coronavirus ist deutlich weniger tödlich als seine "Verwandten", das Sars- und das Mers-Virus.

An Sars starben zehn von hundert Infizierten, an Mers sogar 35 von hundert. Andererseits fallen dem neuen Corona-Virus im Verhältnis zur Zahl der Erkrankten deutlich mehr Patienten zum Opfer als einer saisonalen Grippe, die ein bis zwei von 1.000 Patienten tötet.

Erschwert wird die Ermittlung der Covid-19-Sterblichkeit durch die Tatsache, dass eine Epidemie dynamisch verläuft. Die Zahl der Erkrankungen verändert sich ständig und kann von Land zu Land und in einem Land auch regional stark schwanken. Zudem ist das Sterberisiko in der Bevölkerung sehr ungleich verteilt, vor allem hochbetagte Patienten sterben.

Vier Unsicherheitsfaktoren

Vier Faktoren sorgen dafür, dass Angaben zur Sterblichkeit mit vielen Unsicherheiten behaftet sind:

  1. Nicht jeder Infizierte wird krank. Das Coronavirus kann Menschen infizieren, ohne dass sie Symptome zeigen.
  2. Nicht jeder Erkrankte wird erkannt. Gerade unter jungen und gesunden Menschen verläuft Covid-19 oft so mild, dass sie, ohne es zu merken, andere anstecken, ohne getestet worden zu sein. Sie tauchen auch nicht in den Statistiken auf. Da viele leicht Erkrankte nicht erfasst werden, liegt die Sterblichkeit vermutlich niedriger als die Zahl der Toten vermuten lässt.
  3. Nicht jeder an Covid-19 Verstorbene wird in der Statistik erfasst. So ist es durchaus möglich, dass gerade zu Beginn der Epidemie Menschen bereits am Virus gestorben sind, ohne zuvor getestet worden zu sein.
  4. Veränderungen des Virus (Mutationen), die hygienischen Bedingungen und die Qualität der Behandlung beeinflussen die Sterbezahlen.

Ein Toter pro 200 Erkrankungen?

Dennoch versuchen Experten, die Lage einzuschätzen: Inzwischen werde geschätzt, dass die Menschen etwa in der Größenordnung von 0,5 Prozent sterben, so Alexander Kekulé, Virologe an der Universität Halle-Wittenberg. Das heißt: Von 200 Erkrankten stirbt einer.

Schaut man speziell auf Deutschland, so liegt die Letalität laut der Deutschen Gesellschaft für Infektiologie aktuell bei 0,2 Prozent. Diese niedrige Zahl sei jedoch "trügerisch, sie steigt erst im weiteren Verlauf der Ausbreitung an".

Gute Versorgung senkt die Sterberate

Die gute Nachricht laut Kekulé: Wahrscheinlich wird man in Deutschland in der Lage sein, die allgemein hohe Zahl zu drücken, weil wir ein gutes Gesundheitssystem haben. Damit ist man bei einem wichtigen Trumpf, den das Land in den nächsten Wochen ausspielen kann: Viele Ärzte, eine hohe Dichte von Praxen und Krankenhäusern, von Testzentren zur Abklärung der Infektionen und viele Intensivbetten senken die Sterberate. COVID-19-Patienten sterben meist an Lungenentzündung, Atemnot oder einer Blutvergiftung - je besser das Gesundheitssystem etwa mit Beatmungsgeräten auf Intensivstationen ausgestattet ist, desto mehr Todesfälle können verhindert werden.

Zusätzliche Intensivbetten sollen helfen

Deutschland sei bestmöglich vorbereitet, so der Bundesgesundheitsminister. "Vor allem das Netzwerk von Kompetenzzentren und Spezialkliniken ist international beispiellos. Wir verfügen über ein sehr gutes Krankheitswarn- und Meldesystem und Pandemiepläne." Hierzulande gibt es 28.000 Intensivbetten und 500.000 Krankenhausbetten. In Europa sei das "absolute Spitze".

Zusätzlich sind die Kliniken jetzt aufgefordert, mehr Betten in Intensivbetten umzuwandeln. Die Bundesregierung hat gerade 10.000 neue Beatmungsgeräte für Kliniken bestellt. Auch das dürfte helfen, die Sterblichkeit zu senken.

Je langsamer die Verbreitung, desto günstiger

Nicht zu unterschätzen ist auch der Faktor Zeit: Wird ein Gesundheitssystem sehr schnell und unvorbereitet mit vielen Patienten konfrontiert, wie in Italien, oder reagieren Behörden zu zögerlich mit Gegenmaßnahmen, steigt das Sterberisiko.

Je mehr Wochen dagegen vergehen, in denen etwa die Umwandlung in Intensivbetten bewerkstelligt, Schutzmaterial und medizinische Geräte angeschafft und das Personal auf die Epidemie vorbereitet werden kann, umso niedriger die Sterblichkeit.


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