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Corona: Vom Lockdown im März lernen?

Der Teil-Lockdown im November sollte Weihnachten retten. Stattdessen werden angesichts steigender Corona-Zahlen die Zügel nun nach und nach straffer gezogen. Wird es jetzt wieder so wie im Frühjahr?

von Sebastian Fischer, dpa, 11.12.2020

Die Zahlen sinken einfach nicht. Trotz vieler Einschränkungen, die in Deutschland besonders seit Anfang November gelten, vermeldet das Robert Koch-Institut (RKI) erst am Freitag wieder einen Corona-Höchststand. 29 875 Neuinfektionen binnen eines Tages - so hoch waren die Zahlen zuletzt nicht. Und auch nicht im Frühjahr, als noch viel strengere Regeln zur Eindämmung der Pandemie galten. Was läuft schief? Ist das alles zu lasch?

"Die Regeln sind nicht so, dass den Menschen die Dramatik der Lage bewusst wird", sagt Professor Hajo Zeeb vom Leibniz-Institut für Präventionsforschung und Epidemiologie in Bremen. Viele sähen nicht mehr die Gefahr, sich anzustecken. Sie hätten sich an die Maßnahmen gewöhnt und seien nachlässiger. Er plädiert wie auch die Nationale Wissenschaftsakademie Leopoldina für einen "harten Lockdown".

Der Unterschied zwischen Maßnahmen-Decken und Nadelstichen

Rückblick auf Mitte März: Das öffentliche Leben in Deutschland kommt weitgehend zum Stillstand. Die meisten Gaststätten, Läden und Dienstleister dürfen keine Kundschaft empfangen. Nur Lebensmittelgeschäfte, Drogerien, Apotheken, Tankstellen und Banken sind offen. In den Werken großer deutscher Autobauer wie VW und BMW kommt es wegen der Ansteckungsgefahr zum Produktionsstopp.

Über Wochen dürfen sich damals nicht mehr als zwei Menschen aus verschiedenen Haushalten treffen. Die Grenzen zu den Nachbarn sind abgeriegelt. Als die meisten Schulen und Kitas geschlossen werden, ist die Zahl der Todesfälle in Deutschland noch einstellig,
bundesweit bestätigt das RKI seinerzeit rund 3000 Ansteckungen. Erst nach Ostern gibt es schrittweise wieder Lockerungen.

Und heute? Rund 20 000 Menschen sind hierzulande im Zusammenhang mit einer Corona-Infektion gestorben, Hunderte weitere kommen täglich dazu. Den Menschen allerdings stehen aktuell noch so einige Freiräume offen. Zwar sind Kultur-, Sport- und Gaststätten für die Öffentlichkeit auch jetzt wieder großteils gesperrt. Doch öffnen bisher noch alle Geschäfte für den Weihnachtseinkauf, Arbeiter stehen weiter an den Fließbändern, Berufspendler drängeln sich in teils überfüllte Busse und Bahnen. Und ins Dauerthema Schulen kommt erst allmählich Bewegung. Der Begriff dafür: "Lockdown light".

Während also im Frühjahr eine Maßnahmen-Decke über ganz Deutschland gelegt wurde, wollten Bund und Länder von November an über gezielte Nadelstiche vor allem die Freizeit-Kontakte der Menschen reduzieren - ohne dabei Wirtschaft und Bildung herunterzufahren. "Das hat aber nicht geklappt", sagt Zeeb. Um das Infektionsgeschehen halbwegs in
den Griff zu bekommen, geht er davon aus, dass jeder seine Kontakte auf ein Viertel reduzieren müsse. Das sei mit den gegenwärtigen Maßnahmen allerdings nicht geschehen, konstatiert der Epidemiologe.

Neue Maßnahmen der Bundesländer

Eine ganze Reihe von Bundesländern hat bereits strenge Maßnahmen beschlossen. Die für den Zeitraum vom 23. Dezember bis zum 1. Januar geplanten Lockerungen von Kontaktbeschränkungen wurden in einigen Ländern bereits eng begrenzt.

Baden-Württemberg will unter anderem zu Anfang nächster Woche eine nächtliche Ausgangssperre sowie tagsüber Ausgangsbeschränkungen einführen, erfuhr die Deutsche Presse-Agentur in Stuttgart nach einem Gespräch der grün-schwarzen Landesregierung mit den kommunalen Spitzenverbänden am Donnerstag. Wer das Haus tagsüber verlässt, soll das nur noch mit einem triftigen Grund tun, etwa für die Arbeit.

In Sachsen, zurzeit bundesweit das Land mit den höchsten Infektionszahlen, sollen Schulen, Kitas, Horte und viele Geschäfte vom kommenden Montag an geschlossen werden. Geplant sind auch nächtliche Ausgangssperren zwischen 22 und 6 Uhr. Das sieht die neue Corona-Schutzverordnung vor, die das Kabinett am Freitag beschließen will. Einkaufen in Sachsen soll von nächster Woche an nur innerhalb eines 15-Kilometer-Radius möglich sein. Ziel der Maßnahme ist es, Einkaufstourismus in angrenzende Bundesländer zu verhindern.

Das Kabinett von Thüringen, das ebenfalls hohe Infektionszahlen aufweist, beschloss am Donnerstagabend weitere Maßnahmen für den Freistaat. So sollen Handels- und Dienstleistungsbetriebe mit Ausnahmen von Lebensmittelläden und Geschäften für den Grundbedarf, "soweit die Ministerpräsidentenkonferenz keine zeitlich davor liegenden Regelungen trifft", mit Ablauf des 18. Dezember schließen.

Auch das saarländische Kabinett tagt am Freitag. Ministerpräsident Tobias Hans (CDU) sagte der Rheinischen Post, er befürworte einen harten, mindestens zweiwöchigen Lockdown. "Entscheidend ist, dass sich alle Bundesländer gemeinsam mit dem Bund auf ein abgestimmtes, einheitliches und für die Menschen nachvollziehbares Vorgehen einigen. Der Föderalismus muss zeigen, dass er in der Bekämpfung der Pandemie handlungsfähig ist", sagte Hans der Zeitung.

Für Berlin hatte der Regierende Bürgermeister Müller am Donnerstag ebenfalls deutliche Einschränkungen angekündigt. Der Senat will sich am kommenden Dienstag damit befassen. Müller will sich dabei auch mit Brandenburg abstimmen.

Auch Bayerns Ministerpräsident Markus Söder setzt auf die Gemeinsamkeit der Länder. "Ich rate uns zu einem einheitlichen Vorgehen und hoffe dabei auf die Ministerpräsidentenkonferenz", sagte der CSU-Chef dem Nachrichtenportal t-online. In Bayern gelten schon seit Mittwoch strengere Regeln wie Ausgangsbeschränkungen, Alkoholverbot in Innenstädten und Ausgangssperren in Hotspots. "Es braucht bundesweit Ausgangsbeschränkungen, nächtliche Ausgangssperren in Hotspots, Geschäftsschließungen, Betriebsferien und überall verlängerte Schulferien", sagte Söder am Donnerstag der Deutschen Presse-Agentur in München. Nur Läden für den alltäglichen Bedarf wie Lebensmitteln sollen offenbleiben.

Bevölkerung schränkt Kontakte zu wenig ein

RKI-Präsident Lothar Wieler fordert die Menschen unabhängig von Vorgaben aus der Politik auf, ihre Kontakte weiter einzuschränken: um mehr als 60 Prozent. Bislang seien im Schnitt aber nur etwa 40 Prozent erreicht worden. Auch er sieht eine "gewisse Ermüdung" in der Bevölkerung. Das Risikobewusstsein habe sich teilweise verändert.

Stück für Stück haben sich in den vergangenen Monaten viele wieder mehr Kontakte erlaubt. Dazu kommt noch, dass es einer repräsentativen Umfrage zufolge für etwa jeden siebten Bundesbürger keine eindeutigen Beweise für die Existenz des Coronavirus gibt. Bei ihnen ist die Bereitschaft, sich an Corona-Regeln zu halten, womöglich nicht so ausgeprägt. Unter dem Strich hänge die Entwicklung "in hohem Maße damit zusammen, wie wir alle uns verhalten", sagt RKI-Chef Wieler.

Weihnachten steht vor der Tür, und viele wünschen sich nach einem Jahr großer Entbehrungen nun endlich ein Zusammenkommen mit Familie und Freunden. Die Politik machte zunächst auch Hoffnung: Der Teil-Lockdown im November könne das Weihnachtsfest retten, hieß es. Doch einige Bundesländer sind von Lockerungen über die christlichen Festtage inzwischen abgerückt. "Der Teil-Lockdown hat nicht das gebracht, was er bringen sollte", sagt Epidemiologe Zeeb.

Die Zahlen müssen runter

Das Ziel kann nur lauten: Die Neuinfektionen müssen sinken. "Es ist viel einfacher, die Fallzahlen zu kontrollieren, wenn sie niedrig sind, als wenn sie hoch sind", sagte die Göttinger Physikerin Viola Priesemann vom Max-Planck-Institut für Dynamik und Selbstorganisation am Mittwoch bei Markus Lanz im ZDF. Maßnahmen scheibchenweise zu beschließen, bringe nichts. Priesemann ist Mitglied des Expertenteams der Nationalen Wissenschaftsakademie Leopoldina.

Diese hatte jüngst in einer eindringlichen Stellungnahme eine drastische Verschärfung der Beschränkungen gefordert - am besten so schnell wie möglich. Ein "harter Lockdown" solle genutzt werden, um die deutlich zu hohen Neuinfektionen zu verringern. Epidemiologe Zeeb mahnt, ein solcher Lockdown solle nicht dem Winterschlaf dienen, sondern dazu genutzt werden, langfristige Strategien zu entwickeln. Die Hoffnung auf einen baldigen Start der Impfungen könne nicht der alleinige Ausweg sein.