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Corona-Tagebuch aus Berlin: Familien auf der Suche nach Struktur

Selten hat sich die Politik so schwer getan, klare Regeln zu formulieren. Tina Haase beschreibt am 30.04.2020, in welchem Dilemma sich Eltern gerade befinden

von Tina Haase, 30.04.2020
Coronavirus Abstandsregeln Schule

Orange Striche auf dem Fußweg vor einer Schule zeigen, wie viel Abstand Schüler halten müssen


Berlin Wilmersdorf, Blissestraße Richtung Fennsee. Wir machen einen Spaziergang, gehen an einer Eisdiele vorbei. Gelbe Klebestreifen im Abstand von 1,5 Metern trennen die Menschen, die dort anstehen, voneinander. Vorne an der Ecke biegen wir rechts ab. Wieder Striche auf dem Boden, diesmal gesprüht und in Orange. Sie führen in das Gymnasium dort.

Markierungen gehören zum neuen Leben mit der Coronapandemie. Man sucht Striche auf dem Boden, die einem sagen, wie weit man sich dem Nächsten nähern darf. Ein ganz bisschen mehr Normalität kehrt am kommenden Montag in Berlin zurück. Die Sechstklässler gehen wieder in die Schule. Allerdings eben mit Abstand, in kleinen Gruppen, zeitversetzt und in reduziertem Stundenumfang.

Die ältesten Schüler dürfen hier schon seit ein paar Tagen zum Teil wieder in die Schule. Die anderen Kinder aber – ob die jüngeren Grundschüler, Krippen- oder Kindergartenkinder müssen zu Hause blieben. Es gibt nur eine Notbetreuung für Eltern aus systemrelevanten Berufen.

Wie geregelt das Leben der Kinder – ob für Kleine oder Große – vor der Coronakrise doch war. Die Schüler hatten ihre Stundenpläne, wir wussten Monate im Voraus wann ein Brückentag ist. Und wir wussten über Jahre hinaus, wann welche Ferien sind. Wenn Unterricht ausfiel, dann weil die Lehrerin oder der Lehrer krank war.

Und heute in der Krise denkt Bundesfamilienministerin Franziska Giffey (SPD) über Stufenpläne nach, die zu einem Normalbetrieb zurückführen sollen. Bis jetzt weiß sie aber noch nicht, wann die eine Stufe endet und die andere beginnt. Natürlich ist das letztendlich auch Sache der Länder und regional unterschiedlich.

Bei Eltern herrscht eine große Ungewissheit. In unserem Alltag schlägt sich das längst wieder. Gingen unsere Kinder während der Schulzeit Punkt 20 Uhr ins Bett, wurde es nach und nach immer später. Gestern ging das letzte Hörspiel im Kinderzimmer erst um 21.30 Uhr aus.

Und eine Freundin aus München erzählte, ihr kleiner Sohn hat mittags oft noch den Schlafanzug an, während der große Sohn sich durch den Homeschooling-Vormittag quält. Es gibt keine Pausen mit den Mitschülern auf dem Schulhof. Die Mutter versucht ein wenig Struktur durch Mahlzeiten und Rausgehzeiten in den Tag zu bringen.

Früher hätten wir uns gewünscht, die Kinder freitags mal eher aus der Schule zu nehmen, um Oma und Opa zu besuchen. Jetzt sehnen wir uns nach der strengen Schulstruktur zurück.

Selten hat sich die Politik so schwer getan, klare Regeln zu formulieren. Das Virus zwingt dazu, wochenweise zu denken. Vor Corona haben wir in Halbjahren gedacht. Heute unternehmen Kanzlerin Angela Merkel (CDU) und die Regierungschefs der Länder jedenfalls einen neuen Anlauf, auch für Familien wieder Strukturen in den Alltag zu bringen.

Als ich diese Zeilen schreibe, liegen die Kinder noch im Bett. Normalerweise würde der Wecker klingeln, weil die Schule gleich beginnt. Früher hat es mich genervt, so durchgetaktet zu sein. Jetzt wäre ich froh, wenn es auch für die Kinder schon einen konkreten Plan gäbe.


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