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Corona-Tagebuch aus Berlin 8. April

Wie die Corona-Pandemie die Telemedizin angeschoben hat, die Rezeptbeschaffung aber immer noch mühsam ist, berichtet Tina Haase

von Tina Haase, 08.04.2020
Ärztliches Kassenrezept

Rezept: Nächstes Jahr soll es auch als E-Variante erhältlich sein


Rezeptpanne und Videosprechstunde

Ich brauche eigentlich nur ein Rezept vom Arzt. Ich rufe die Praxis an, will fragen, ob sie mir die Verordnung zuschicken kann. Ich war ja letztes Quartal da. Den Besuch in der Praxis und den Kontakt zu dessen Personal und zu anderen Patienten will ich verhindern. So wie man das machen soll in dieser Zeit. Außerdem weiß ich, dass den Ärzten wegen der Coronakrise die Portokosten für Rezepte und Überweisungen erstattet werden müssten.

Es ist besetzt. Ständig. Wie vor der Coronazeit. Nach ein paar Anrufen gebe ich auf. Ich schreibe eine Mail, gebe Versichertennummer und Adresse an und bitte das Praxispersonal darum, mir ein Rezept zuzuschicken. Die Antwort der Praxis: Ich soll doch bitte meine Krankenkassenkarte und einen frankierten Briefumschlag schicken oder vorbeikommen. Die Krankenkassenkarte gebe ich nicht gerne aus der Hand. Nicht über mehrere Feiertage, die anstehen, – und erst recht nicht in dieser verrückten Zeit.

Also gehe ich direkt zum Arzt. Ein Zettel an der Tür klärt darüber auf, dass ich die Praxis mit Husten, Halskratzen oder Fieber nicht betreten darf. Ich klingele, die Tür öffnet sich. Das Wartezimmer ist leer. Die Praxismanagerin, ausgestattet mit medizinischer Maske und Gummihandschuhen, nimmt meine Versichertenkarte entgegen, druckt das gewünschte Rezept aus. Nun fehlt nur noch die Unterschrift der Ärztin. Doch die lässt minutenlang auf sich warten. Irgendwann geht die Praxismanagerin in das Behandlungszimmer.

Die Ärztin scheint eine Videosprechstunde abzuhalten. "Die Wunde sieht gut aus", höre ich sie sagen. "Beim nächsten Mal müssen Sie aber wieder persönlich vorstellig werden, wir dürfen nichts übersehen." Willkommen im Jahr 2020, denke ich. Wow, die Praxis, in der ich für den ersten Termin ein halbes Jahr warten musste, bietet jetzt scheinbar Onlinesprechstunden an. Jetzt kommt die Praxismanagerin mit dem unterschriebenen Rezept wieder und ich kann gehen.

Zu Hause gehe ich direkt auf die Website meiner Praxis. Ich will wissen, ob das wirklich stimmt – mit der Videosprechstunde. Und siehe da. Es ploppt sofort ein Fenster auf. Darin steht: "NEU! Online-Sprechstunde. Liebe Patienten, aufgrund der aktuellen Lage und der geänderten Bedürfnisse, bieten wir Ihnen ab sofort eine Videosprechstunde an. Bitte nutzen Sie unseren neuen Service unter dem folgenden Link… Wir freuen uns auf Sie."

Die Coronakrise hat die Telemedizin angeschoben. Fast hundertausend Ärzte haben sich im Laufe der vergangenen vier Wochen an entsprechende Plattformen angeschlossen und bieten nun Videosprechstunden an, schätzt Professor Jörg Debatin, der Chairman des Health Innovation Hub des Gesundheitsministeriums. "Ich bin mir sicher, dass viele Ärzte und Patienten, die diese Dienstleistung jetzt wahrnehmen, zum Schluss kommen, dass der Komfort, die Direktheit, die Geschwindigkeit und die Effizienz so überzeugend sind, dass sie darauf auch in normalen Zeiten nicht verzichten wollen", sagte er gestern in unserem Klartext-Corona-Podcast "#11 Digitale Hilfen in der Pandemie vs. Datenschutz".

Ich frage mich ein wenig, wie die teilnehmenden Patienten ihr Rezept erhalten. Ob sie auch vorbeikommen müssen? Wohl eher nicht. Da scheint bei mir was schief gelaufen zu sein. Ich hoffe, es braucht keine zweite Virus-Pandemie, damit auch das elektronische Rezept Wirklichkeit und von allen Beteiligten angenommen wird. Das E-Rezept soll ja sowie nächstes Jahr flächendeckend eingeführt werden. Ich freue mich drauf.