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Corona-Tagebuch aus Berlin 20. April

Heute treten die ersten Lockerungen der Corona-Maßnahmen in Kraft. Wir dürfen jetzt aber nicht unvorsichtig werden, schreibt Tina Haase

von Tina Haase, 20.04.2020
Grunewald Coronavirus Absage Veranstaltungen

Der Ausnahmezustand wird noch eine ganze Weile andauern, auch wenn es erste Lockerungen gibt. Veranstaltungen sind weiterhin abgesagt


Leben mit dem Virus

Ich habe in den letzten Wochen irgendwie das Gefühl für die Zeit verloren. Die Tage im Corona-Ausnahmezustand vergehen wie im Fluge, obwohl sie anstrengend sind: Arbeiten zu Hause, auf die Kinder aufpassen, den Lehrer spielen. Den Ausgleich, den wir sonst in netten Treffen mit lieben Menschen finden, gibt es derzeit nicht. Meinen Vater und seine Frau, meinen Bruder und meine besten Freundinnen habe ich bestimmt schon sechs Wochen nicht mehr getroffen. Nur im virtuellen Raum – auf Smartphone- oder Computerbildschirm.

Eine Freundin sagte neulich: "Sei froh, dass wir schon 2020 haben. Vor zehn Jahren wäre auch das nicht möglich gewesen." Da hat sie Recht. Aber natürlich ist es viel schöner, gemeinsam am Tisch zu sitzen, zu erzählen und sich zuzuprosten, als das Glas Richtung Tablet zu schwingen. Und das Komische: Meine Freundin in Berlin Mitte ist gefühlt jetzt genauso weit weg, wie meine Freunde in München, in der Türkei, in Indien oder in Amerika. Virtuell, so mein Gefühl, wächst die Welt zusammen. Real driftet sie auseinander.

Auf diesen Montag haben viele gewartet. Heute treten die ersten Lockerungen der Corona-Maßnahmen in Kraft. "Wir bewegen uns in eine neue Normalität", sagte Vizekanzler Olaf Scholz (SPD). Zwar ist es noch ein weiter Weg bis zum Ende der Krise. Aber zumindest öffnen wieder bestimmte Geschäfte. Läden mit bis zu 800 Quadratmetern dürfen wieder aufmachen. Und auch die ersten Schüler kehren in den Unterricht zurück. In Berlin starten heute unter strengen Auflagen die Abiturprüfungen. Selbst im strengen Bayern darf man ab heute wieder einen Freund treffen, wenn man Abstand hält.

Deutschland steht bei der Bewältigung der Coronakrise international so gut da wie nur wenige andere Länder. Man könnte denken: Wir sind noch mal davongekommen. Leider kann man das so noch lange nicht sagen. Die Corona-Pandemie haben wir noch keineswegs überstanden. Das Infektionsgeschehen kann jederzeit wieder zunehmen. "Die Krise ist beherrschbarer geworden", sagte Gesundheitsminister Jens Spahn (CDU) am Freitag. Lothar Wieler, der Präsident des Robert Koch-­Instituts, relativierte die Erfolge. Ja, man habe "ein wirklich gutes Zwischenergebnis erreicht". Dennoch sei die Pandemie immer noch am Anfang. "Das Virus ist in unserem Land, und es bleibt in unserem Land." Wir dürfen jetzt nicht unvorsichtig und übermütig werden.

Der Ausnahmezustand wird noch eine ganze Weile andauern. Mindestens bis weit in den Sommer. Auch wenn die Regierung jetzt einige Maßnahmen gelockert hat. Um wieder mehr Freiheit zu gewähren, ist es in Sachsen, Bayern und Mecklenburg-Vorpommern Pflicht, im öffentlichen Nahverkehr und beim Einkaufen, einen Mund- und Nasenschutz zu tragen. Kleine Gottesdienste sind in Sachsen nun wieder erlaubt.

Auch wenn umstritten ist, wieviel die Masken bringen. Das Risiko einer Infektion reduzieren sie wohl. Und sie sind ein Zeichen dafür, dass wir aufmerksam bleiben müssen. Abstands- und Hygieneregeln sind Teil des neuen Alltags, an die wir uns alle halten müssen. Masken sind eine stumme Warnung im Gesicht der Anderen.


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