{{suggest}}


Corona-Tagebuch aus Berlin 2. April

Tina Haase über das Mundschutztragen in Berlin und eine eindrucksvolle Begegnung im Supermarkt

von Tina Haase, 25.03.2020
Frau nähen Schutzmaske selbstgenäht Coronavirus COVID19 Kreativ Atemmaske Berlin Bunt

Individueller Stil: Selbstgenähte Masken sorgen für Farbtupfer im Gesicht


Masken im Partnerlook

Gestern fiel mir beim Einkaufen eine Mutter mit ihrer Tochter auf. Die Mutter war um die 40, die Tochter vielleicht sieben Jahre alt. Ich stand zwei Meter hinter ihnen an der Kasse an. Beide trugen Masken im Partnerlook. Türkisblau mit Blümchen. "Schick", sagte die Verkäuferin. "Naja, vielleicht nicht schick, aber praktisch", erwiderte die Frau. "Eigentlich für Ihren Schutz. Sie sind hier ja nicht mal durch Plexiglas geschützt."

Ich habe noch lange über diese Szene nachdenken müssen, macht sie doch deutlich, wie schutzlos manche Menschen in unserer Gesellschaft dem neuen Coronavirus ausgeliefert sind, wenn die Mitbürger keine Rücksicht nehmen. Der Mutter schien bewusst zu sein, dass sie sich und ihre Tochter mit den selbst genähten Masken kaum schützen kann. Sie wollte Rücksicht auf Andere nehmen. Die Verkäuferin, sichtlich gerührt, sagte: "Stimmt, mich kann jeder anhusten und ob die Leute ordentlich die Hände waschen, wes ick och nicht".

"Ein Schal oder ein Tuch vor Mund und Nase kann vielleicht etwas dazu beitragen, Tröpfchen oder Speichelspritzer beim Husten, Niesen oder Sprechen besser bei sich zu behalten", schreibt meine geschätzte Kollegin Dr. Katharina Kremser, Ärztin und Redakteurin heute auch im Artikel "SARS-CoV-2: Was bringt ein Mundschutz?". Es sei aber nicht davon auszugehen, dass ein Tuch vor Mund und Nase einen selbst in relevantem Maß vor einer Ansteckung mit dem neuartigen Coronavirus schützen kann.

Was die Berlinerin freiwillig macht, soll nun in Jena und im Landkreis Nordhausen in Thüringen zur Pflicht werden: Beim Einkaufen Maske oder Schal über Nase und Mund zu tragen. Auch der Bürgermeister Stephan von Dassel (Grüne) vom Bezirk Berlin-Mitte fordert eine Mundschutzpflicht in Supermärkten und öffentlichen Verkehrsmitteln, lese ich heute im Tagesspiegel. Sein Vorstoß ist vielleicht auch damit zu begründen, dass er weiß, wie sich Covid-19 mit Husten, Fieber und Gliederschmerzen anfühlt. Er kuriert sich nämlich gerade zu Hause aus. Vielleicht ist man ja sensibler, wenn man die Krankheit selbst durchlebt.

Landes- und Bundesweit soll es diese Pflicht in Deutschland zunächst aber nicht geben. Darauf einigten sich gestern die Kanzlerin und die Ministerpräsidenten. Erstens, weil es nicht einmal genügend Profi-Masken für Ärzte und Pfleger gibt, die auch die Träger vor dem Virus schützen würden. Zweitens: einfache oder selbstgenähte Masken, Schals oder Tücher schützen bestenfalls die Anderen. Und drittens: Träger einfacher Masken wähnen sich vielleicht in Sicherheit und achten womöglich nicht mehr auf den nötigen Abstand von eineinhalb bis zwei Metern.

Die Mutter jedenfalls, der ich begegnete, schien sehr gut aufgeklärt zu sein. Ich bin gespannt, wie sich das Stadtbild in den nächsten Tagen verändert. Es wird wohl bunt um Nase und Mund.