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Corona-Tagebuch aus Berlin 15. April

Wie die Coronakrise Angela Merkel zu einem politischen Schlussspurt bringt, berichtet Tina Haase

von Tina Haase, 15.04.2020
Pinnwand Postkarten Merkle Angela

Eine Autogrammkarte von Angela Merkel am Kühlschrank


Die Kanzlerin, das Virus und die Männer

Wer an unseren Kühlschrank will, kommt an Angela Merkel nicht vorbei. Unsere Tochter hat mal eine Autogrammkarte der Kanzlerin von einem Chorauftritt mitgebracht. Seit dem hängt sie dort. Politik hat an unserem Kühlschrank ja eigentlich nichts zu suchen. Der Versuch, die Kanzlerin mit dem Stundenplan zu verhängen, scheiterte dennoch. "Wo ist denn Angela Merkel hin?", sagte meine Tochter und kramte sie wieder vor. Unser Kinder wissen noch nicht viel von Politik, aber die Kanzlerin kennen sie. Und wenn wir über Politik reden, kommt schon mal der Satz "Will das Angela Merkel so?", von einem der Kinder. Das war schon vor der Coronakrise so.

Im Moment beherrschen aber die Coronapandemie und die Einschränkungen, die sie nach sich zieht, das Leben in Deutschland. Heute Morgen berät das Corona-Kabinett über eventuelle Lockerungen. Um 14 Uhr beginnt die Schaltkonferenz der Bundeskanzlerin mit den Ministerpräsidenten zum gleichen Thema. Angela Merkel dominiert auch diese Länderrunde, an deren Spitze turnusgemäß Bayerns Ministerpräsident Markus Söder (CSU) steht.

Diese Runde ist entscheidend – besonders jetzt während der Coronakrise. Denn viele Kompetenzen der Gesundheits- und Innenpolitik liegen bei den Ländern. Der Bund ist in dieser Reihe eigentlich nur Zuschauer. Doch Angela Merkel, so hört man, soll in der Schaltung das Wort erteilen, zusammenfassen und schlichten, wenn Ministerpräsidenten aneinandergeraten.

Das Land runterzufahren war schon schwierig. Nun stellt sich die Frage wie alles langsam wieder Fahrt aufnimmt. Mehrere Ministerpräsidenten deuten bereits an, dass die Einschränkungen bald schrittweise gelockert werden könnten. Der nordrhein-westfälische Ministerpräsident Armin Laschet (CDU) zum Beispiel hat gestern schon Fakten geschaffen. In seinem Bundesland sollen die Schulen ab kommender Woche schrittweise wieder öffnen. Dabei hatte Söder in Bezug auf die Exit-Debatte vor einem "Überbietungswettbewerb" gewarnt. Ob aus der Runde einheitliche Lösungen hervorgehen, ist unklar.

Merkels Verhandlungsgeschick ist also gefragt. Die Kanzlerin hat schon viele Krisen bewältigt. Allerdings ist die Coronakrise nicht irgendeine Krise. Sie ist nicht vergleichbar mit der Finanz-, der Flüchtlingskrise oder dem Atomausstieg. Sie ist viel unberechenbarer, denn selbst Wissenschaftler wissen zu wenig über das Virus. Ihre Empfehlungen für Lockerungen sind vage, weil es kaum Forschung zum Thema gibt. Da fällt es natürlich auch der Politik schwer, Entscheidungen zu treffen. Das dürfte auch Angela Merkel als Naturwissenschaftlerin so gehen, die sich gern an Fakten hält.

Dennoch beherrscht die Kanzlerin das Geschäft mit Krisen. Schaut man sich die Umfragen an, erleben sie und die ganze Partei einen Höhenflug. International steht Deutschland bei der Bewältigung der Krise sehr gut da. Also wird sich auch ein Ausweg finden. Wahrscheinlich in Schritten.

Wer hätte gedacht, dass unsere Kanzlerin noch einmal so einen politischen Schlussspurt hinlegen würde? Ihre potenziellen Nachfolger in der CDU hatten sich schon in Stellung gebracht. In ein paar Tagen hätte es ein Sonderparteitag geben sollen. Und dann kam die Pandemie. Die Bewältigung der Coronakrise könnte Merkels finales Meisterwerk werden.