{{suggest}}


Corona-Interview: Die Lage in den Kliniken

Wie sieht es aktuell in den Münchner Krankenhäusern aus? Ein Experte über den momentanen Klinikalltag, fehlende Ressourcen und die Zeit nach den Ausgangsbeschränkungen

von Bianca Leppert, 14.04.2020

Dr. Stephan Prückner, Leiter des Instituts für Notfallmedizin und Medizinmanagement am Klinikum der Universität München, ist Mitglied im Krisenstab der Ludwig-Maximilians-Universität (LMU) und der Stadt München. Wie schätzt der Experte das Katastrophenmanagement in den Kliniken ein und welche Perspektiven gibt es? Die Antworten im Interview. 

Herr Dr. Prückner, mit welchen Themen beschäftigen Sie sich zurzeit im Krisenstab?

Im Krisenstab der Klinik der LMU geht es zum Beispiel darum, wie wir Mitarbeiter für die Behandlung von Covid-19-Patienten schulen können. Oder wie wir das Klinikum umstrukturieren können, damit wir in Zukunft mehr Intensivpatienten oder Erkrankte mit Covid-19 aufnehmen und behandeln können, wenn es nötig ist. 

Und im übergeordneten Krisenstab der Stadt München?

Dort versuchen wir, die Kapazitäten an Intensivbetten hochzufahren und Ressourcen zu bündeln – von der Universitätsklinik über die großen städtischen Kliniken bis hin zu den kleineren Privatkliniken. Daneben sind Materialbeschaffung, Hygienestandards oder der Ausfall von Mitarbeitern wichtige Themen. Aber auch: Wie findet man einen ethischen Konsens darüber, wie man die Intensivbetten verteilt, falls die Ressourcen knapp werden.

Wer gehört zum Krisenstab?

Im Krisenstab der Stadt sind Behörden und Organisationen mit Sicherheitsaufgaben wie Feuerwehr, Rettungsdienst, THW, Bundeswehr oder Polizei beteiligt. Neu ist, dass koordinierende und beratende Ärzte dabei sind, weil sich ja vieles auf die Krankenhäuser konzentriert. Wir tauschen uns täglich über die aktuelle Lage über Telefon- und Videokonferenzen aus.

Haben Sie mit den derzeitigen Auswirkungen für die Kliniken gerechnet?

Als es in China losging, musste man damit rechnen, dass es – wenn es zu uns kommt – solche Auswirkungen hat. Allerdings wurde der Katastrophenschutz in den letzten Jahren systematisch heruntergefahren und kein Geld mehr ausgegeben. Das Üben der Notfall-Pläne und die Grundausstattung sind sehr reduziert worden. Deshalb kann man nun nicht einfach reagieren, sondern es erfordert massive Anstrengung, die Kapazitäten und das Material zur Verfügung zu stellen. 

Kann man sich auf Situationen wie diese überhaupt vorbereiten?

Wir hatten im Klinikum schon immer Pandemie-Pläne. Viele Dinge, die jetzt auf uns zukommen,  konnte man aber vor der Pandemie nicht im Detail planen. Zum Beispiel den Bedarf an Intensivbetten und Beatmungsgeräten und die damit verbundenen Umstrukturierungen sind durch die spezielle Situation mit Covid-19, wo besonders die Lunge und die Atemfunktion beeinträchtigt werden, schwer planbar. Wir haben schon unter Normalbedingungen einen ausgeprägten Pflegemangel – viele der Plan-Intensivbetten sind nicht mit ausreichend Personal besetzt. Nun stehen wir vor der Herausforderung, aus dem Mangel heraus mindestens eine Verdopplung der Intensivkapazitäten stemmen zu müssen. 

Wie wollen Sie das schaffen?

Es wird zunächst Personal aus anderen Bereichen, wie z. B. dem OP, auf den Intensivstationen eingesetzt, außerdem werden nun ehemalige Pflegekräfte und Medizinstudenten rekrutiert. Viele Krankenhäuser haben auf die Schnelle Schulungsmodule aufgebaut, um die wichtigsten Punkte zu vermitteln, die man bei der Behandlung von Covid-19-Patienten zu beachten hat. Dazu gehört der Eigenschutz wie das An- und Ausziehen der Schutzkleidung, aber auch der Umgang mit aufwendiger Medizintechnik und der besondere Umgang mit den Patienten. Deshalb werden Teams aus erfahrenen Mitarbeitern und den schnell angelernten Kollegen gebildet. 

Gibt es noch andere Notbehelfsmaßnahmen?

Manche Kliniken haben Zelte aufgebaut, um die Kapazitäten in der Notaufnahme zu erweitern und eine Trennung von Infizierten und Nicht-Infizierten zu erreichen. Es werden Räume zu Intensivstationen umgebaut, die dafür nicht vorgesehen waren – zum Beispiel Aufwachräume oder ambulante Operationszentren. Dabei müssen Themen wie Belüftung oder Sauerstoffversorgung berücksichtigt werden.  

Woran fehlt es derzeit am meisten?

Bei den Tests sind Reagenzien Mangelware – also die Chemikalien, um Tests durchzuführen. Beatmungsgeräte sind je nach Klinikgröße knapp. Daneben fehlt es an Schutzkleidung und Personal.  

Wie sieht der Klinikalltag zurzeit aus?

Der Bereich der ambulanten Versorgung und die planbaren Operationen sind massiv heruntergefahren. Manche Kliniken haben durch Infektionen bei den Mitarbeitern Ausfälle. Pflegekräfte und Ärzte müssen nun längere Schichten arbeiten. Die Lage ist insgesamt angespannt. Auf den Stationen mit Covid-19-Patienten hat sich der Alltag massiv verändert. Dazu gehört das Tragen der Schutzausrüstung. Es ist kompliziert, die ganzen aufwendigen Sicherheitsvorschriften zu beachten. Wobei durch die Mundschutzpflicht und viele Nachschulungen zur Benutzung der Schutzausrüstung die anfängliche Infektionsrate unter den Mitarbeitern deutlich gesenkt werden konnte.

Wie ist Ihre Einstellung zu den Ausgangsbeschränkungen?

Gerade sind die ersten Effekte der drastischen Maßnahmen zu erkennen, und die Zahlen der nachgewiesenen Neuinfektionen reduzieren sich, und wir kommen damit aus dem exponentiellen Anstieg langsam heraus. Das ist entscheidend, um dann mit den intensivmedizinischen Kapazitäten ausreichend aufgestellt zu sein. Aus der Sicht des Klinikmanagements ist jede Maßnahme, die den Anstieg bremst, extrem wichtig. Die Prognosen sind jedoch nach wie vor relativ ungenau. Wir rechnen damit, dass erst in zwei bis drei Wochen der Höhepunkt erreicht ist. Aber das ändert sich von Tag zu Tag und wird auch stark von den möglichen Lockerungen der Maßnahmen abhängen.  

Viele Menschen stellen sich die Frage, wie es in Sachen Ausgangsbeschränkung weitergehen soll. Wie ist Ihre Einschätzung?

Bis nach den Osterferien sollte man sie unbedingt aufrecht erhalten. Bis dahin wird man gut sehen können, in welche Richtung es geht. Ich denke, man kann die Lockerungen nur Schritt für Schritt vornehmen. Man muss sie machen, sich dabei aber gut überlegen, in welcher Reihenfolge und gut dosiert. 

Was kommt in den nächsten Monaten noch auf uns zu? 

Ich rechne damit, dass uns das Thema mindestens das ganze Jahr beschäftigen wird. Es wird wie bei der Grippe immer wieder regional aufflackern und einen erhöhten Bedarf an Ressourcen erfordern. Ich glaube, dass die ganze Situation grundsätzlich ein Umdenken hervorrufen wird, wie wir mit derartigen Infektionskrankheiten umgehen.  

Speziell in den Krankenhäusern?

Wir werden in Zukunft viel schneller reagieren – vielleicht auch nur auf regionaler Ebene – um es eindämmen zu können. Man wird viel testen müssen, um ein Aufflackern zu erkennen. In der Klinik wird man bei Trennung von Patienten, Räumlichkeiten und Personal schneller und entschiedener handeln können. Viele Operationen, die verschoben wurden, müssen nachgeholt werden. Ich befürchte, dass akute Erkrankungen nicht so behandelt werden wie sonst üblich und Menschen aus Angst nicht in die Kliniken kommen. Da wird es ein erhöhtes Patientenaufkommen geben. 

Wie könnte ein Plan aussehen, aus der derzeitigen Lage wieder heraus zu kommen?

Entweder die Bevölkerung hat irgendwann einen gewissen Durchseuchungsgrad erreicht, das bedeutet: die Mehrzahl der Menschen hat eine Infektion mit SARS-CoV-2  überstanden und Antikörper gebildet, was aber relativ lange dauern kann und eine hohe Zahl schwerer Erkrankungsverläufe mit sich bringen wird. Oder wir haben irgendwann eine Impfung beziehungsweise eine spezifische Therapie. Ansonsten sehe ich – bis auf den Versuch, die Spitze der Erkrankungen abzumildern – momentan wenig Möglichkeiten.  

Welche Lehren würden Sie aus der Krise für die Zukunft ziehen?

Man sollte mehr testen, schneller reagieren und genug personelle und materielle Ressourcen zu Verfügung haben. Zum Beispiel bei Schutzkleidung, Beatmungsgeräten und Medikamenten unabhängiger zu sein und sich nicht so sehr von Fremdlieferanten abhängig zu machen.