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Beatmung: An die Maschine oder nicht?

Beatmungsgeräte gelten in der Corona-Krise als essenziell für die Behandlung von Patienten. Gleichzeitig birgt die Therapieform eine Reihe von Nebenwirkungen. Was bedeutet das für Patienten und Ärzte?

von Anne Pollmann, dpa, 20.04.2020
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Diagnose Covid-19: Patienten mit einem besonders schweren Krankheitsverlauf werden in der Regel beatmet. Die Maßnahmen garantieren jedoch nicht in jedem Fall, dass der Patient überlebt


Die Diskussion darüber, wer beatmet werden sollte und wer nicht, flammt in der Corona-Krise immer wieder auf. Die Sorge ist weiterhin groß, dass Beatmungsplätze in den Krankenhäusern knapp werden könnten, wenn sich die Ausbreitung beschleunigt.

Auch aus diesem Grund haben Fachgesellschaften Empfehlungen für Ärzte herausgegeben, was im Notfall als Kriterium herangezogen werden darf - und was nicht. Experten raten Risikopatienten, sich schon vorher über den Ernstfall Gedanken zu machen.

Gesundheitsrisiko durch Beatmung

Das Corona-Virus, aber auch die Behandlung kann sich bei Menschen ganz unterschiedlich auswirken. "Eine Gebrauchsanweisung für alle Fälle kann es nicht geben", sagt Guido Michels. Er ist Chefarzt der Klinik für Akut- und Notfallmedizin am St. Antonius-Hospital in
Eschweiler. Jeder Einzelfall müsse für sich bewertet werden. Was Michels damit meint, wird deutlich beim Blick auf schwere Krankheitsverläufe.

Wenn das Virus eine schwere Lungenentzündung auslöst, gelangt unter Umständen durch die Entzündung zu wenig Sauerstoff ins Blut. Patienten werden an Beatmungsgeräte angeschlossen. Das birgt Risiken.

Über die Schläuche etwa kann zusätzlich zu der Viruserkrankung eine bakterielle Infektion in der Lunge entstehen. Eine zweite Lungenentzündung sozusagen. Höher ist das Risiko bei Patienten, die durch Vorerkrankungen geschwächt sind.

Zudem kann durch zu viel Druck im Rahmen der Beatmung die Lungenstruktur platzen. Auch der hohe Sauerstoffanteil, mit dem die Patienten beatmet werden, könnte das Lungengewebe schädigen. Die Muskulatur des Zwerchfells, dem Hauptatemmuskel, kann sich abbauen.

Manchmal dauert die Heilung länger

Aus Expertensicht löst eine künstliche Beatmung, wie sie Covid-19-Patienten mit sehr schweren Verläufen erhalten, nicht zwangsläufig bleibende Gesundheitsschäden an der Lunge aus. "Wir haben keine Daten, die nahelegen, dass es tatsächlich einen dauerhaften Schaden zur Folge hat", sagt der Präsident der Deutschen Gesellschaft für Pneumologie und Beatmungsmedizin (DGP), Michael Pfeifer.

Zwar gebe es Patienten, bei denen beispielsweise der Heilungsprozess nach einer künstlichen Beatmung länger dauere. Dies müsse sich aber in den kommenden Monaten bestätigen.

Andere Formen schwerer Lungenerkrankungen, bei denen der Patient künstlich beatmet werden müsse, hätten gezeigt, dass die Lunge sich sehr gut erholen konnte - vorausgesetzt, es bestünden keine Vorschäden, sagte Pfeifer weiter.

"Die Angst, die immer wieder diskutiert wird, dass eine Beatmung per se zu einem dauerhaften Schaden führen muss, ist sicherlich nicht gerechtfertigt." Die Alternative wäre, den Patienten bei einem schweren Verlauf nicht zu beatmen - was aber wahrscheinlich dessen Tod bedeute.

Maßnahmen sind keine Überlebensgarantie

Kommt es allerdings zu Komplikationen oder Nebenwirkungen durch die maschinelle Beatmung, bestünde ein erhöhtes Sterberisiko, sagt Michels. Mit Beginn der künstlichen Beatmung müsse darum direkt auch die Entwöhnung bedacht werden.

Das Deutsche Ärzteblatt berichtet unter Berufung auf eine britische Studie, dass nur jeder dritte Patient, der in Großbritannien auf der Intensivstation beatmet wurde, lebend entlassen werden konnte. Auch andere Studien zeigen, dass die Beatmungsgeräte längst kein Garant für das  Überleben sind. Sollte die maschinelle Beatmung also Ultima Ratio
sein?

"Das wäre ein großer Fehler", sagt Pfeifer der DGP. Wenn zu spät mit der invasiven Therapie angefangen werde, bedeute das schlichtweg eine höhere Sterblichkeit.

Noch gibt es keine Datenbasis

Eine sinnvolle und richtige Beatmung könne also die Überlebensrate erhöhen, sagte Torsten Bauer, stellvertretender Präsident der DGP. Das gehe aus Erfahrungen mit vergangenen Erkrankungen hervor. Die Daten für Covid sollten in den kommenden Monaten vorliegen, hieß es.

"Für Corona ist die nötige Datengrundlage, um verlässliche Aussagen treffen zu können, gerade erst im Entstehen", bestätigt Frank Heimann, Vorsitzender des Bundesverbands der Pneumologen und Schlaf- und Beatmungsmediziner. In der Behandlung spielten derzeit die Erfahrungen des Beatmungsteams sowie die verfügbaren Ressourcen eine besonders große Rolle.

Empfehlungen der Fachgesellschaften dürften nur als Hintergrundinformation für die Diskussion im Einzelfall dienen - und nicht "als Check-Liste", sagt Lukas Radbruch, Präsident der Deutschen Gesellschaft für Palliativmedizin. Schließlich entscheide der Arzt, welche Therapie er anbiete und welche nicht.

Alternative Beatmungsmethoden

Die Entscheidung darüber, ob Risiken oder Nutzen überwiegen, sei nicht schwarz-weiß, sagt Radbruch. Eine Behandlungsmöglichkeit ist auch die nicht-invasive Beatmung. "Das wird unter den Beatmungsspezialisten diskutiert. Die Gefahr, die Lunge zu schädigen, ist bei dieser Methode geringer", sagt Heimann.

Diese Form der Beatmung sei allerdings mit einem höheren Personalaufwand verbunden, weil der Patient häufig wach sei. Manche befürchteten auch mehr Tröpfchenproduktion und dadurch eine größere Ansteckungsgefahr.

Die DGP macht in einer Empfehlung jedoch deutlich, dass die Angst vor Ansteckung kein primärer Intubationsgrund sein dürfe. Vielmehr sei hier ausreichend Schutzkleidung in den Kliniken notwendig.

Den richtigen Moment für die Intubation abpassen

Die Lungenärzte der DGP gaben am Freitag Empfehlungen für die Behandlung schwerkranker Covid-19-Patienten. So sei etwa ein gutes Monitoring der Kranken wichtig, da die Situation in wenigen Stunden so eskalieren könne, dass eine intensivmedizinische Behandlung notwendig sei.

Zudem sei es entscheidend, den richtigen Zeitpunkt für eine invasive Beatmung mit Intubation und künstlichem Koma zu finden. Beginne die Beatmung zu spät, hätten die Patienten eine höhere Sterblichkeit. Allerdings sollte auch erst dann intubiert werden, wenn es Anzeichen dafür gebe, dass der Organismus nicht mehr von alleine in der Lage sei, die Funktionen der Lunge und des Gasaustauschs aufrecht zu erhalten.

"Viele wollen jetzt nicht über Tod und Sterben nachdenken."

Radbruch rät Menschen und besonders Risikopatienten dazu, sich im Voraus Gedanken darüber zu mache, was sie sich in der akuten Situation wünschen und ob sie beatmet werden wollen.

Zum Beispiel mithilfe einer Patientenverfügung oder eines Notfallbogens. Der legt fest, welche Behandlungen im Notfall vorzunehmen sind und welche nicht. Radbruch beobachtet häufig Widerstand gegen diese Auseinandersetzung in Seniorenheimen: "Viele wollen jetzt nicht über Tod und Sterben nachdenken."

"Wenn man so einen Notfallplan hätte, wäre das eine große Hilfestellung in den Kliniken", sagt Michels. Der Notfallmediziner schlägt darum vor, dass regionale Palliativnetzwerke gemeinsam mit Senioren- und Pflegeheimen diese Notfallpläne entwickelten. Für jeden Bewohner könne so geklärt werden, wie im konkreten Ernstfall vorgegangen werden soll. Menschen, die zum Beispiel nicht beatmet werden wollen, könnten dann palliativ versorgt werden.

Angst vor dem Tod durch Ersticken

Corona-Patienten, die keine Aussicht mehr auf eine Heilung haben, litten vor allem unter Luftnot, sagt Radbruch. "Das löst oft Angst aus." Hinzu kämen Verwirrtheit, Unruhe und Husten, teilweise Durchfall. Manche Patienten klagen über Muskelschmerzen, "wie bei
einer starken Grippe, wo einem der ganze Körper wehtut".

In der palliativen Versorgung wird mit Morphin gegen die Beschwerden vorgegangen. Die Patienten spüren dann keine Luftnot mehr. Beatmungspatienten im Krankenhaus würden mit Medikamenten in einem künstlichen Koma gehalten und verspürten ebenfalls keine Luftnot. "Ersticken muss in Krankenhäusern niemand. Und auch in den Pflegeheimen nicht", versichert Michels.

Radbruch hat sich bei einzelnen Pflegeheimen erkundigt, wie mit Corona erkrankte Menschen dort gestorben sind. Sie seien nicht erstickt, habe man ihm berichtet. Anders könne das bei Menschen sein, die nicht medizinisch versorgt würden und zum Beispiel zuhause sterben.

Sterben in Gesellschaft

Laut einer repräsentativen Umfrage des Berlin-Instituts für Bevölkerung und Entwicklung wünschen sich Menschen vor allem schmerzfrei, gut versorgt, nah am Gewohnten, sozial eingebunden und selbstbestimmt zu sterben. Die Befragung wurde im Rahmen der Studie "Auf ein Sterbenswort" durchgeführt, die am 23. April veröffentlicht werden soll.

Diese Wünsche kennt auch Radbruch aus seiner Arbeit. Er leitet das Zentrum für Palliativmedizin am Malteser Krankenhaus in Bonn sowie die Klinik für Palliativmedizin am Universitätsklinikum Bonn. Dort dürfen Menschen, die im Sterben liegen, unbegrenzt Besuch empfangen.

So habe es auch die Deutsche Interdisziplinäre Vereinigung für Intensiv- und Notfallmedizin für die Corona-Patienten auf den Intensivstationen empfohlen - unter Einhaltung der Schutzvorkehrungen. "Wichtig ist vor allem, dass man den Menschen die Chance gibt, vorher zu äußern, was sie sich für den Notfall wünschen", sagt Radbruch.