{{suggest}}


Ab ins kühle Nass? Baden in Corona-Zeiten

Langsam eröffnen die Freibäder wieder, Hallen- und Wellnessbäder sollen folgen. Wie kann der Neuanfang klappen und wie hoch ist das Risiko einer Ansteckung?

von Kathrin Schwarze-Reiter, 03.06.2020
Badeurlaub Frau im Schwimmbad

Badespaß mit Einschränkungen: Abstands- und Hygieneregeln müssen auch im Freibad eingehalten werden


Gerade jetzt, wo Hallenbäder wochenlang geschlossen waren und die Freibadsaison gerade erst beginnt, sehnen wir uns nach Wasser, Wärme und Entspannung. Doch das unbeschwerte Schwimmbaderlebnis – wie wir es seit unserer Kindheit kennen – wird es diesen Sommer nicht geben. Zwar öffnen die Hallen- und Freibäder schrittweise in den Bundesländern wieder, doch es wird zahlreiche Veränderungen geben. Die wichtigsten Fragen und Antworten:

Wann öffnen die Schwimmbäder?

Bundesländer und Gemeinden haben unterschiedliche Zeitpläne und Konzepte für die Frei- und Hallenbädern aufgestellt: In Nordrhein-Westfalen, Berlin und Brandenburg sind die Freibäder bereits wieder geöffnet, in Baden-Württemberg dürfen auch wieder Schwimmkurse stattfinden. Bayern will ab dem 8. Juni folgen, auch Hessen plant eine baldige Öffnung.

Bei Thermalbädern und Wellnessbereichen sowie Saunen wird die Wiederöffnung noch länger dauern, doch auch hier wird schon an Konzepten gefeilt, wie die nötigen Hygiene- und Abstandsregeln eingehalten werden können.

Wie groß ist das Risiko einer Ansteckung?

Viren und Bakterien gelangen ins Wasser, das ist klar. Jeder Mensch verliert ca. zwei Milliarden Mikroorganismen beim Baden – die meisten stammen von der Haut. Doch auch Krankheitserreger wie Noro-, Hepatitis- oder Rotaviren und Salmonellen sind darunter.

"Auch das neuartige Coronavirus wird ins Wasser abgegeben", sagt Dr. Georg-Christian Zinn, Direktor des Zentrums für Hygiene und Infektionsprävention der Bioscientia in Ingelheim.

Angst vor einer Infektion muss man trotzdem nicht haben: "Zwar ist es theoretisch möglich sich zu infizieren, wenn man Wasser verschluckt oder im Spaß angespuckt wird", sagt Zinn. Doch das Risiko, sich auf diese Weise anzustecken, ist sehr niedrig. Denn selbst wenn Viren ins Wasser gelangen, werden sie so stark verdünnt, dass die Möglichkeit einer Ansteckung äußerst gering ist. 

Wie sauber ist das Schwimmbadwasser?

Zudem wird das Wasser in Frei- und Hallenbädern ständig gereinigt. Schwimmbäder müssen laut Infektionsschutzgesetz strenge Hygienemaßnahmen einhalten und dafür sorgen, dass Besucher nicht durch Krankheitserreger gefährdet werden.

An sogenannten Flockungsmitteln lagern sich die Schmutzstoffe (z.B. Kosmetika und Mikroorganismen) an und können so herausgefiltert werden. Bei der Ultrafiltration wird das Wasser durch poröse Membranen gepresst – so können sogar Bakterien und Viren zurückgehalten werden.

Noch wichtiger: Deutsches Badewasser ist relativ stark gechlort. Kurz bevor das Wasser nach der Reinigung ins Becken zurückströmt, wird ihm Chlor zugesetzt. Das Desinfektionsmittel tötet Bakterien und Viren wirksam ab und greift auch das neuartige Coronavirus an, weil es durch seine Fett-Hülle sehr empfindlich ist. Ob das Wasser ausreichend gechlort ist, wird engmaschig überprüft.

Kann sich das Virus über die Lüftungsanlangen verbreiten?

Etwas größer ist die Gefahr einer Ansteckung außerhalb des Beckens: Schwimmbäder sind fast überall gefliest und werden dort regelmäßig gereinigt und desinfiziert. "Doch natürlich können die Reinigungskräfte nicht ständig überall wischen und desinfizieren", erklärt Hygieniker Zinn.

"Daher muss vor allem die Besucherzahl reduziert und Abstand gehalten werden." Eine Verbreitung über die Lüftungsanlagen in den Schwimmbädern muss man jedoch nicht befürchten, da die Anlagen meist mit Außenluft betrieben werden (viel häufiger als andere Gebäude) und die Luft ständig auswechseln.

Wie viele Besucher dürfen ins Schwimmbad?

Auch beim Baden gilt: Abstand halten. Daher hat die Deutsche Gesellschaft für das Badewesen (DGfdB) ein genaues, recht kompliziertes Konzept erarbeitet, wie viele Besucher in diesem Sommer ins Bad dürfen. Der Berechnung liegt ein spezieller Schlüssel zugrunde, der die Größe der Wasser- und Liegeflächen einbezieht.

"Ganz klar: Die Bäder werden deutlich weniger Badegäste einlassen können", sagt Hygieniker Dr. Georg-Christian Zinn. "Musste ein Schwimmbad früher bei 3000 Besuchern die Türen dicht machen, wird es nun vielleicht schon mit 400 Menschen schließen müssen." Um lange Schlangen und enttäuschte Besucher zu vermeiden, werden einige Schwimmbäder vermutlich auf Online-Ticket-Buchung umstellen.

Welche Abstands- und Hygieneregeln gelten?

Auch im Schwimmbad müssen die Abstands- und Hygieneregeln eingehalten werden, um eine Infektion mit Sars-CoV-2 zu vermeiden. Die Deutsche Gesellschaft für das Badewesen macht hierzu zahlreiche Vorschläge:

  • Abstandsmarkierungen auf dem Boden für Warteschlangen
  • Maskengebot für Hallenbäder vom Betreten des Bades bis zum Umkleideschrank, für Freibäder in geschlossenen Räumen, wie Toiletten und Umkleideräumen.
  • Plexiglasschutz an den Kassen
  • Möglichkeiten zum bargeldlosen und berührungsfreien Zahlen
  • Online-Reservierungssystem, um die Besucherzahl zu begrenzen
  • Liegen und Sitzmöglichkeiten täglich desinfizieren, nur im Abstand von 1,5 Metern aufstellen
  • Abstandsmarkierungen am Boden vor Attraktionen (Rutschen, Sprungtürme etc.).
  • Markierung auf den Liegebereichen (Kreise oder Linien) 
  • Abstandsmarkierungen in Umkleiden und Toiletten
  • Mobile Spritzschutzwände in Duschen
  • Tägliche Desinfektion der Sanitär- und Beckenbereiche sowie Liegen (statt wie bisher nur ein- bis zweimal die Woche)

Wird es mehr Personal und Kontrollen geben?

"Ganz bestimmt werden die Betreiber der Schwimmbäder mehr Personal benötigen, um auf die Abstandsregeln hinzuweisen und die Einhaltung durchzusetzen", erwartet Infektiologe Zinn.

Eine lückenlose Aufsicht in Schwimmbädern ist jedoch von der Gesetzgebung nicht gefordert, so der aktualisierte Fachbericht "Pandemieplan Bäder" der Deutschen Gesellschaft für das Badewesen (DGfdB). Jeder ist also für sich selbst und seine Gesundheit verantwortlich.

Müssen Planschbecken gesperrt werden?

Im Kinderbereich kann es manchmal ganz schön voll werden. Die Deutsche Gesellschaft für das Badewesen empfiehlt daher kleine Becken mit einer Wasserfläche unter 50 m² gegebenenfalls zu sperren, wenn dort Abstände nicht eingehalten werden können. Auch in Whirlpools sitzt man zu dicht beieinander.

"Möglich wäre es aber, einen Bademeister abzustellen, der nur wenige Kinder oder Badegäste ins Becken lässt", schlägt Zinn vor. "Im Schwimmerbereich können Bahnen gezogen werden." Eine weitere Überlegung: Morgens Schwimmkurse veranstalten und nachmittags die Spaßbesucher einlassen.

Wird es wieder Schwimmkurse geben?

Sehr vereinzelt findet bereits wieder privater Schwimmunterricht statt. Bis alle Schulkinder jedoch wieder Schwimmen lernen, wird es aber wahrscheinlich mindestens bis in den Herbst dauern. Das kann nachteilige Auswirkungen auf die Gesundheit der Kinder haben, denn schon vor der Coronakrise gab es hier große Engpässe:

Nach Angaben der Deutschen Lebensrettungsgesellschaft boten bis zu 25 Prozent aller Grundschulen im Jahr 2019 gar keinen Schwimmunterricht mehr an, weil ihnen kein Bad in der Nähe zur Verfügung stand. Wenn die Stunden durch die Hygiene- und Abstandsregeln erschwert oder nur noch in Kleingruppen abgehalten werden können, wird das diese Situation noch verschlechtern.

Welche gesellschaftlichen Folgen hat die Schließung der Bäder?

Der Präsident des Deutschen Schwimmlehrerverbandes Alexander Gallitz befürchtet nach der monatelangen Schließung aller Schwimmbäder für diesen Sommer eine steigende Zahl von Badeunfällen in Flüssen, Seen und am Meer – weil eben mehr Menschen auf natürliche Gewässer ausweichen und nicht so geübt im Schwimmen sind.

Auch Dr. Georg-Christian Zinn erinnert an den Bildungsauftrag der Schwimmbäder: "Wir dürfen nicht vergessen, wie wichtig Baden, Schwimmen und Erholung für die Gesundheit der Menschen ist", so der Facharzt für Kinderheilkunde, Hygiene und Umweltmedizin am Zentrum für Hygiene und Infektionsprävention der Bioscentia in Ingelheim.

"Kinder müssen schwimmen lernen, Erwachsene sollen wieder kraulen dürfen und sich bei der Wassergymnastik fit halten. Außerdem sind Bäder wichtiger Bestandteil unserer Kultur und Gesellschaft – schon seit den Römern."