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+++ Kommentar von Tina Haase, 17.11.2020 +++

Verlorene Zeit

Tina Haase
Tina Haase

Sie stand von Anfang an unter schlechten Vorzeichen: die Videoschalte der Kanzlerin und Länderchefs zum Wochenstart. Am späten Sonntagabend verschickt das Kanzleramt den Beschlussentwurf mit weiteren Corona-Maßnahmen an die Ministerpräsidentinnen und -präsidenten. Unabgestimmt. Angela Merkel will die Kontakte weiter einschränken, selbst Jugendliche sollen nur noch einen festen Freund sehen dürfen. Klassen sollen halbiert werden. Fast trotzig fegen die Landeschefs die Vorlage vom Tisch. Schon vor der Videoschalte. Ein abgespeckter Entwurf kommt in Umlauf, der in der Konferenz weiter ausgehöhlt wird. Liest man den Gipfel-Beschluss heute, stellt man fest: Der Lockdown Light geht weiter wie bisher. Es gibt nur Appelle, keine Verschärfungen.

Dabei wäre es an der Zeit, die Zügel kürzer zu fassen, so wie von Angela Merkel angedacht. Ärzte warnen vor einem Kollaps des Gesundheitssystems. Von Tag zu Tag gibt es mehr Coronapatienten in Krankenhäusern. Erste Intensivstationen stoßen bereits jetzt an ihre Belastungsgrenze. Es fehlt an Personal, weniger an Betten. Damit die SARS-CoV-2-Infizierten Platz in den Kliniken haben, müssen Routineeingriffe verschoben werden. Von einer Entspannung der Lage ist Deutschland weit entfernt. Das exponentielle Wachstum scheint zwar gebrochen, viel mehr ist nicht erreicht. Dabei ist es wichtig, dass wir auf Fallzahlen von unter 50 Neuinfizierten pro 100.000 Einwohner in der Woche kommen. Dann haben die Gesundheitsämter wieder eine Chance, Kontakte nachzuvollziehen.

Am 25. November soll die nächste Bund-Länder-Runde stattfinden. Ist die Zahl der Infizierten und schwer Erkrankten bis dahin nicht stark gesunken, will Merkel sich durchsetzen. Nächste Woche sollen die Ministerpräsidenten aber auch eigene Vorschläge vorlegen. Zum Beispiel, wie Ansteckungsrisiken im Schulbereich weiter reduziert werden können. Mal sehen, ob ihnen bessere Maßnahmen einfallen, als die, die bereits in der ersten Beschlussvorlage standen: Etwa ausnahmslos feste Gruppen in der Schule, eine Halbierung der Klassen und eine Maskenpflicht auch im Unterricht für alle Schüler und Lehrer.

Bisher war Angela Merkel in der Coronakrise, was die Beschränkungen anging, den Länderchefs oft ein paar Schritte voraus. Was sie vorschlug, setzte die Runde meist – oft mit etwas Verzögerung – um. Bleibt abzuwarten, ob das auch diesmal so ist. Oder ob sich die Hoffnung einiger Ministerpräsidenten erfüllt, dass der Lockdown Light schon genug bringt. Kommt es nicht dazu, ist wertvolle Zeit verstrichen, in der sich Kliniken weiter mit Coronapatienten füllen. Dabei wissen wir, was zu tun ist, um die Pandemie einzudämmen: Kontakte noch stärker begrenzen. Optimismus alleine genügt nicht.


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