Misteln gegen Brustkrebs: Mythos oder Fakt?

Viele Brustkrebs-Patientinnen setzen Hoffnungen in die komplementäre Mistel-Therapie. Experten beurteilen das kritisch
von Andrea Schuhmacher, aktualisiert am 23.06.2016

Die weißbeerige Mistel ist ein Halbschmarotzer, der auf Bäumen wächst

Shutterstock/Kletr

Die Diagnose Brustkrebs ist ein Schock. Kaum weniger einschneidend ist die Behandlung, die dann meist folgt: Operation, Bestrahlung oder Chemotherapie. Das erfordert viel Kraft, körperlich wie seelisch, die Lebensqualität kann leiden. Auf der Suche nach sanfteren Behandlungsmöglichkeiten finden viele Betroffene zur Therapie mit Mistelpräparaten. Sie gehören zu den am häufigsten angewandten Krebsmitteln in Deutschland, Österreich und der Schweiz.

Studien zufolge spritzen sich 80 Prozent der Brustkrebspatientinnen das Präparat zusätzlich zur Standardbehandlung unter die Haut. Denn das schon seit Jahrtausenden bekannte Heilkraut soll bei Brustkrebs helfen. Doch unter Ärzten ist die Mistel umstritten.

Wirkung ist laut Leitlinien fraglich

In den offiziellen ärztlichen Leitlinien zur Behandlung von Brustkrebs heißt es: "Eine Misteltherapie verlängert das Überleben von Patientinnen mit Mammakarzinom nicht, eine Verbesserung der Lebensqualität ist nach derzeitiger Datenlage fraglich."

Dennoch geht die Diskussion weiter, auch unter Experten. Vor allem anthroposophisch und naturheilkundlich orientierte Ärzte empfehlen ihren Patientinnen häufig Mistelpräparate ergänzend zur Standardtherapie. Die Anthroposophie geht auf den Philosophen Rudolf Steiner (1861-1925) zurück, der die alternative Therapiemethode begründet hat. Er verglich das parasitäre Wachstum der Mistel auf ihrem Wirtsbaum mit einem Tumor im Körper. Sein Gedanke: Möglicherweise könnte ein Parasit den anderen besiegen. Es war eine Idee, die dem homöopathischen Gedanken gleicht, wonach man mit Gleichem Gleiches behandelt.

Laborversuche weisen auf mögliche Effekte hin

Vermutlich wäre die Misteltherapie zumindest in der Schulmedizin schon längst vergessen, wenn nicht doch experimentelle Befunde auf eine mögliche Wirkung hingedeutet hätten. So fanden sich bei der Analyse der Inhaltsstoffe der Mistel leicht toxische Eiweißverbindungen, sogenannte Lektine. Im Reagenzglas  hemmten sie das Wachstum von Krebszellen.

Auch im Mäuseversuch zeigten sich einige positive Effekte bei Tumoren. Sie begründeten die Hoffnung, dass Mistelpräparate das Immunsystem stimulieren könnten. "Was aber auch nicht immer wünschenswert ist", sagt der Onkologe Josef Beuth von der Universität Köln, der seit Jahrzehnten naturheilkundliche Therapien wissenschaftlich auswertet. "Bei Tumoren des Blut- und Lymphsystems könnte eine Misteltherapie möglicherweise bösartige Zellen des Immunsystems zum Wachstum anregen."

Nur weil eine Therapie aus der Natur stammt, ist sie nicht notwendigerweise sanft und harmlos. Heileffekte und Nebenwirkungen sind bei pflanzlichen Präparaten oft schwer abzuschätzen, weil eine Vielzahl von Inhaltsstoffen wirken kann, deren Konzentrationen zudem schwanken. Außerdem können die Substanzen miteinander wechselwirken. Und erste Erfolge im Labor bedeuten noch lange nicht, dass sie beim Menschen funktionieren. Das können erst klinische Studien am Patienten zeigen.

Einfluss auf die Lebensqualität?

Solche Forschung wird nun seit knapp 30 Jahren betrieben, oft mit widersprüchlichen Ergebnissen, die unter Experten kontrovers diskutiert werden. Manche Studien fanden zwar leicht erhöhte Überlebensraten, doch die kritische Sicht überwiegt. Metaanalysen, in denen die vorliegenden Studien gesichtet, die Daten  nach ihrer Qualität bewertet und dann zusammengeführt werden, konnten keine lebensverlängernde Wirkung der Misteltherapie belegen. Als Meilenstein gilt eine große Studie des Cochrane-Instituts aus dem Jahre 2008. Sie kam zu dem Ergebnis, dass es nur "schwache Belege" für eine Wirksamkeit der Mistel gibt. Am ehesten könne sie die Lebensqualität von Brustkrebspatientinnen steigern, die zugleich eine Chemotherapie erhalten. Doch die meisten Studien seien nicht aussagekräftig genug.

Markus Horneber, Oberarzt am Klinikum Nürnberg und Hauptautor der Cochrane-Analyse sowie Leiter des Kompetenznetzes Komplementärmedizin in der Onkologie (KOKON) zieht folgendes Fazit: "Einige komplementäre Verfahren wie die Misteltherapie können Nebenwirkungen der herkömmlichen Krebstherapien mindern, die Lebensqualität verbessern und die Psyche stärken, aber den Tumor beeinflussen sie, wenn überhaupt, nur gering."

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